Der andere BlickDeutschlands Energiewende ist eine Abkehr von der Moderne. Sie zerstört den Wohlstand des LandesDie von Ideologie getriebene Transformation der Energieversorgung hat Deutschland seiner wirtschaftlichen Dynamik beraubt. Die Energiewende rettet nicht das Klima, sondern hebelt die Marktwirtschaft aus.05.06.2026, 06.00 Uhr5 LeseminutenDer Ausbau der erneuerbaren Energien hat Deutschlands Stromversorgung abhängig von den Launen der Natur gemacht.Sean Gallup / GettySie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick», heute von Malte Fischer, Wirtschaftsredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wie kann es geschehen, dass ein Land, das ein Wirtschaftswunder zustande gebracht hat, das jahrzehntelang für seine ökonomische Potenz und Stabilität geachtet und beneidet wurde, in einer Dauerstagnation versinkt? Diese Frage stellen sich viele Beobachter im In- und Ausland mit Blick auf Deutschland.Die Antwort ist vielschichtig. Denn es ist eine Palette von Faktoren, die den wirtschaftlichen Abstieg Deutschlands erklären, angefangen bei überzogenen Steuern und Abgaben bis hin zur wuchernden Bürokratie.Einer der wichtigsten Punkte ist die energiepolitische Selbstkasteiung, die Deutschland mit seiner Energiewende betreibt. Von Rot-Grün unter Kanzler Gerhard Schröder zu Beginn des Jahrtausends eingeleitet, von seiner Nachfolgerin im Amt Angela Merkel nach dem Fukushima-Reaktorunglück 2011 beschleunigt und von deren Nachfolger Olaf Scholz mit der Abschaltung der Atomkraftwerke 2023 auf die Spitze getrieben, hat die Energiewende Deutschland seiner wirtschaftlichen Dynamik beraubt.Die Energiewende ist gescheitertStatt die Energieversorgung billiger, unabhängiger und klimafreundlicher zu machen, ist das Gegenteil geschehen. In kaum einem anderen Industrieland der Welt ist Strom heute so teuer wie in Deutschland, selbst in der Schweiz zahlen die meisten Bürger weniger für den Strom. Kein anderes Land in Europa bläst heute mehr Treibhausgase in die Atmosphäre als Deutschland. Und weniger abhängig von der Energiezufuhr aus dem Ausland ist Deutschland auch nicht geworden. Die als Klimarettung und Wachstumsprogramm deklarierte Energiewende ist gescheitert.In den nächsten Jahren müssen in Deutschland wegen des angestrebten Kohleausstiegs mit viel Geld neue Gaskraftwerke gebaut werden, damit das Land in Dunkelflauten, wenn Wind und Sonne Pause machen, nicht ohne Strom dasteht. Dabei ist das Verbrennen von Gas die teuerste Variante, Strom zu produzieren. Weil zugleich der Zubau von Windkraftanlagen weiter voranschreitet, werden Zigtausende Kilometer neue Stromleitungen im Land verlegt. Sie sollen den Windstrom von Nord- nach Süddeutschland transportieren.Strom dürfte deshalb in Deutschland in den nächsten Jahren nicht billiger, sondern teurer werden. Das ist für ein Industrieland, dessen Wachstum und dessen Wohlstand massgeblich auf einer verlässlichen und preiswerten Energieversorgung beruhen, ein ökonomisches Desaster.Die industrielle Basis schwindetDaher kann es nicht verwundern, dass Deutschlands Industrie, die für rund 20 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung steht, in den vergangenen Jahren an preislicher Wettbewerbsfähigkeit verloren hat – im Inland wie im Ausland. Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe liegt heute rund 16 Prozent unter dem Niveau von 2018. Seit 2019 sind rund 341 000 Arbeitsplätze in der Industrie verlorengegangen. Die Deindustrialisierung, von Ökonomen vor wenigen Jahren noch als Risikoszenario skizziert, ist zur bitteren Realität geworden.Dennoch gibt es viele Politiker und Ökonomen, die die Zerstörung der industriellen Basis achselzuckend zur Kenntnis nehmen oder gar begrüssen, meist begleitet von dem Argument, man dürfe den Strukturwandel nicht bremsen.Doch wer so argumentiert, negiert, dass es sich bei der Energiewende nicht um einen von Marktkräften ausgelösten Strukturwandel im Sinne einer «schöpferischen Zerstörung» (Schumpeter) handelt, sondern um einen politischen Oktroi. Ihm wohnt kein schöpferisches Element inne, sondern der Gestaltungsanspruch einer politischen Elite, die nicht davor zurückschreckt, Wachstum und Wohlstand zu opfern, wenn es der eigenen Ideologie dient.Bewirtschaftung von StromknappheitGesetze sollen die Energiewende irreversibel machen. So etwa das 2023 von der Ampelregierung beschlossene Energieeffizienzgesetz. Es schreibt vor, dass Deutschland seinen Endenergieverbrauch bis 2030 um 26,5 Prozent gegenüber 2008 auf 1867 Terawattstunden senkt. Dass die Bundesregierung mit der anstehenden Novellierung des Gesetzes die Zielvorgabe aufhebt, ist unwahrscheinlich.Angesichts der schwachen Zunahme der Energieproduktivität sei das Ziel nur zu erreichen, wenn das Bruttoinlandprodukt gegenüber dem jetzigen Niveau bis 2030 um rund 9 Prozent schrumpfe, hat die Deutsche Industrie- und Handelskammer ausgerechnet. Klimaschutz durch Wohlstandserosion – es ist ein in Gesetzesform gegossenes Degrowth-Programm.Ebenso zerstörerisch für den Wohlstand ist das Bundes-Klimaschutzgesetz von 2019. Es sieht vor, dass Deutschland «zum Schutz vor den Auswirkungen des weltweiten Klimawandels» seine Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 65 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 reduziert. Bis 2040 sollen 88 Prozent der Emissionen eingespart werden. 2045 soll Deutschland dann die «Netto-Treibhausgasneutralität» erreichen. Das Land darf dann nur noch so viele Treibhausgase ausstossen, wie es durch seine natürlichen Senken absorbiert.Erreichen kann Deutschland die Klimaneutralität nur, wenn es bis 2045 weitgehend aus fossilen Energieträgern aussteigt. Das wird nach Berechnungen der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften rund 5 Billionen Euro kosten – mehr als die Wirtschaftsleistung eines ganzen Jahres.Anschliessend wird Deutschland dann auf Flatterstrom aus Wind und Sonne angewiesen sein. Statt dass man die Nachfrage nach Strom durch ein ausreichendes Angebot bedient, wie es in einer funktionierenden Marktwirtschaft Usus ist, wird die Bewirtschaftung selbstverursachter Knappheiten künftig zur Hauptbeschäftigung der Energiepolitik werden.Zeitreise zurück in die VormoderneDie gesetzlich zementierte Energiewende ist eine Abkehr von der Moderne. Deren zentrale Errungenschaft war es, die Kräfte der Natur durch technischen Fortschritt zu bändigen und zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse nutzbar zu machen. Die industrielle Revolution und der Kapitalismus, die Kinder der Moderne, haben die Menschen in die Lage versetzt, sich von der Natur zu emanzipieren. Sie mussten fortan nicht mehr auf den Wind warten, bis sie in See stachen, sondern konnten das Dampfschiff besteigen, das sie auch bei Flauten an ihr Ziel brachte.Mit der Energiewende tritt Deutschland eine Zeitreise zurück in vormoderne Zeiten an. Statt von der Nachfrage der Kunden werden die Laufzeiten der Maschinen in den Werkhallen künftig von Wind und Sonne gesteuert. Weil es nur dann genug günstigen Strom im System geben wird, wenn Wind und Sonne aktiv sind. Die Politik verkauft den Bürgern die Reise in die Vergangenheit als «smarten» technischen Fortschritt. Wäsche waschen, wenn der Wind weht – dem Klima zuliebe.Tatsächlich ist echter Fortschritt aber nur mit einer verlässlichen und preiswerten Energieversorgung möglich. Wie sonst sollen Rechenzentren, Wärmepumpen, Elektroautos und Quantencomputer künftig wirtschaftlich betrieben werden?Der Kapitalismus wird ausgehebeltTechnischer Fortschritt ist die Basis für Wachstum, und Wachstum ist die Basis für Wohlstand. Ohne diesen lässt sich kein Umwelt- und Klimaschutz bezahlen. Internationale Studien zeigen: Es sind die kapitalistischen, reichen und freien Länder, die über die beste Umweltqualität verfügen. Die sozialistischen, verarmten Länder betreiben hingegen Raubbau an der Umwelt. Diese leidet dort ebenso wie die Menschen.Damit stellt sich die Frage, was all die Proponenten der Energiewende bewegt, die den bisherigen energiepolitischen Kurs ohne Rücksicht auf Wohlstandsverluste vorantreiben. Den Schutz von Klima und Umwelt können sie kaum im Sinn haben. Eher geht es ihnen darum, den Kapitalismus auszuhebeln.So gibt die bekennende Antikapitalistin und Aktivistin Naomi Klein, eine Ikone der internationalen Klimaschutzbewegung, unumwunden zu, der Klimaschutz sei ein Instrument, um einen «revolutionären Wandel des Wirtschaftssystems» auszulösen und «eine sorgfältig geplante Wirtschaft» einzuführen.In Deutschland kann Frau Klein in Echtzeit besichtigen, welche Folgen eine Energie- und Klima-Planwirtschaft hat: Dauerstagnation und Wohlstandserosion.Passend zum Artikel