Erleichterung für jüngere Frauen mit Brustkrebs: Eine Chemotherapie könnte überflüssig werdenEin spezieller Gentest berechnet das Rückfallrisiko. Er pickt zuverlässig diejenigen Patientinnen heraus, die ohne die belastende Behandlung überleben. Es sind mehr als bisher gedacht.05.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenPersonalisierte Medizin: Spezielle Gentests ersparen immer mehr Frauen mit Brustkrebs eine Chemotherapie.Roberto Jimenez / GettyHaarausfall, Erbrechen, Durchfall, Hautausschlag, ständige Müdigkeit – eine Chemotherapie nach einer Brustkrebsoperation kann viele belastende Nebenwirkungen haben. Muss das wirklich sein? Das ist eine verständliche und zunehmend berechtigte Frage vieler Patientinnen. In den letzten Jahren hat eine Kombi aus Gentests und detaillierten Untersuchungen bereits manchen älteren Frauen im Frühstadium ihrer Tumorerkrankung die Chemotherapie erspart. Nun können auch jüngere Patientinnen mit einem etwas weiter entwickelten Krebs aufatmen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das hat eine internationale Studie ergeben, die der Studienleiter Robert Stein vom University College London vor einigen Tagen auf der weltweit grössten Krebskonferenz in Chicago präsentiert hat. Wenn die Probandinnen auf eine Chemotherapie verzichteten, überlebten 94 Prozent die ersten vier Jahre nach einer Operation. In der Gruppe mit einer Chemotherapie überlebten 95 Prozent.Damit sei klar gezeigt, dass eine Chemotherapie für die Studiengruppe keinen Zusatznutzen bringe, betonen die Studienautoren. Auf die Behandlung zu verzichten, berge keine Gefahr.Betroffen sind Frauen mit der häufigsten KrebsvarianteAllerdings müssen die Patientinnen verschiedene Voraussetzungen erfüllen, damit sie ohne Chemotherapie auskommen. Erstens müssen die Tumorzellen Andockstationen für die weiblichen Hormone Östrogen und Progesteron besitzen. Zweitens dürfen die Tumorzellen keine Moleküle namens HER2 auf ihrer Oberfläche tragen.Was kompliziert tönt, kommt sehr häufig vor. Rund 70 Prozent aller Brustkrebspatientinnen weisen genau diese Konstellation auf. In diesem Fall entfernen die Ärzte zuerst den Tumor. Danach startet eine Antihormontherapie. Die Medikamente verhindern, dass die körpereigenen Hormone an die Krebszellen andocken. Somit fehlt ein Wachstumsimpuls. Das verlangsamt die Vermehrung der Tumorzellen und somit das Wachstum des Krebsherdes.Gene bestimmen die Aggressivität des TumorsAusschlaggebend bei der Entscheidung für oder gegen eine zusätzliche Chemotherapie sind spezielle Gentests. Dafür werden bis zu fünfzig Gene in den Tumorzellen der entfernten Geschwülste analysiert.Die Tests geben Aufschluss darüber, wie aktiv Gene sind, die das Wachstum der Krebszellen beschleunigen oder die Fähigkeit, auszuwandern, beeinflussen. Sind diese Gene weitgehend ruhig, ist das Risiko gering, dass ein Tumor wiederaufflammt.Bisher galt: Patientinnen nach der Menopause mit maximal drei befallenen Lymphknoten müssen keine Chemotherapie machen, wenn der Gentest ein geringes oder mittleres Risiko eines Rückfalls aussagt.Neu gilt das nun auch für jüngere Frauen ab 40, die bereits Tumorzellen in mehr als vier Lymphknoten aufweisen. Das ist für viele Frauen eine grosse Erleichterung, denn bislang galt das Gegenteil, eine Chemotherapie war obligatorisch. «Wir hatten für diese Frauen nur Daten, die einen Vorteil für eine Chemotherapie im Vergleich zur alleinigen antihormonellen Therapie zeigten», sagt Isabell Witzel, Gynäkologin und Brustkrebsspezialistin am Universitätsspital Zürich.Was auch die neue Studie nicht ändert: In allen Fällen müssen die Frauen unbedingt eine in der Regel mehrjährige Antihormontherapie ertragen. Auch diese kann belastend sein. Denn sie bremst nicht nur die Tumorzellen aus. Die Frauen werden sehr abrupt in die Menopause versetzt, mit allen bekannten negativen Begleiterscheinungen wie Hitzewallungen, Gelenkschmerzen, Knochenabbau, Schlafproblemen oder einer beeinträchtigten Libido.Eierstöcke müssen stillgelegt werdenDie neuen Daten seien durchaus für viele Patientinnen ein Durchbruch, erklärt Elena Kralidis, Fachärztin für Onkologie im Affidea-Brust-Zentrum Zürich. Die Studie zeige, dass auch jüngere Frauen mit mehreren befallenen Lymphknoten auf die Aussage eines Gentests vertrauen könnten. «Die Studie bestätigt uns darin, dass bei vielen Frauen Lymphknotenbefall und Tumorgrösse alleine nicht entscheidend dafür sind, ob eine Frau eine Chemotherapie braucht oder nicht.»Wichtig für den Erfolg einer Antihormonbehandlung ohne weitere Chemotherapie ist laut den Spezialistinnen auch, dass bei den Patientinnen die Eierstöcke zusätzlich mit weiteren Medikamenten stillgelegt werden. Diese wurden bei allen Probandinnen der neuen Studie eingesetzt.Aus früheren Studien ist bekannt, dass dies bei Frauen vor der Menopause eine Nebenwirkung der Chemotherapie ist. Dadurch wird das Tumorwachstum zusätzlich gebremst. Zwar ist auch die gezielte Unterdrückung der Eierstöcke belastend für die Frauen, aber weniger als eine Chemotherapie.Die neuen Daten sollten nun von den Krankenkassen berücksichtigt werden. Sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland bezahlen diese Gentests als Hilfe bei der Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie gemäss den bisherigen Empfehlungen. Sprich bei Patientinnen, bei denen keine oder maximal drei Lymphknoten befallen sind. Künftig sollte dies auch der Fall sein, wenn mehr Lymphknoten Tumorzellen aufweisen.Erhältlich sind derzeit mehrere Gentests für Tumorgewebe. «Wir gehen davon aus, dass trotz leichten Unterschieden die diversen Tests die Hochrisikogruppe relativ verlässlich bestimmen können», sagt Kralidis.«Wir dürfen den Gentests vertrauen»Derzeit sorgt allerdings der Zeitraum der neuen Studie noch für etwas Unbehagen. Im Rahmen der Studie beobachteten die Ärzte ihre Patientinnen maximal knapp sechs, im Durchschnitt vier Jahre.Zwar treten die meisten Rückfälle in den ersten fünf Jahren auf. Doch bei ungefähr jeder dritten Patientin mit der erwähnten Konstellation – Krebszellen mit Andockstellen für Hormone und HER2-Molekülen – taucht der Tumor erst fünf Jahre oder später nach der Operation wieder auf. Entweder an derselben Stelle wie zuvor oder als Metastase an einem anderen Ort im Körper.«Wir müssen abwarten, was die Langzeitbeobachtung der Studienteilnehmerinnen ergibt», meint Witzel. Für sie sind die neuen Ergebnisse vorerst eine Beratungsgrundlage. Auch andere Expertinnen sind noch nicht überzeugt, dass nun jüngere Frauen mit vielen befallenen Lymphknoten immer auf eine Chemotherapie verzichten können.Kralidis ist zuversichtlich: Wenn die Gentests ein geringes Risiko anzeigten, dann träten sehr viel seltener späte Rückfälle auf. Das hätten frühere Langzeitstudien ergeben. Somit könne man der Kombi aus Gentestergebnis und all den erwähnten Parametern vertrauen. Zusammengenommen könnten sie grünes Licht geben, auf eine Chemotherapie zu verzichten.Passend zum Artikel
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