Er belauscht sich selbst mit dem Smartphone – der israelische Pianist Boris Giltburg ringt selbstkritisch um jedes DetailMit geradezu wissenschaftlicher Akribie erforscht Giltburg die Essenz der Musik. Für die Musik von Sergei Rachmaninow findet er auf diese Weise die richtige Mischung aus Kontrolle und entfesselter Emotion.Dorothea Walchshäusl05.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenSasha GusovEin bisschen Glück gehört dazu, damit sich der Zauber ereignet. Doch wenn es passiert, beginnen Boris Giltburgs Gedanken zu schweben. «Ich kann das nicht gezielt herbeiführen», sagt der israelische Pianist. «Aber ich erlebe am Klavier manchmal Momente, in denen ich die Zeit nicht mehr wahrnehme und den Raum um mich herum. Gleichzeitig bin ich dabei extrem präsent. Es ist fast, als würde mein Gehirn auf Wanderschaft gehen und als könnte ich den Fluss der Gedanken strömen sehen. Das ist extrem spannend.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diesen Flow-Zustand erreicht Giltburg ausschliesslich am Klavier, auch deshalb sehnt er jede Minute herbei, die er an den Tasten verbringen kann. Die Musik wurde dem Künstler bereits in die Wiege gelegt. 1984 kam er in Moskau auf die Welt, seine Mutter war Klavierlehrerin und der Klang des Instruments allgegenwärtig im Haus.Dennoch musste Giltburg seine Eltern erst überzeugen, ihn Klavier lernen zu lassen. «Ich habe mit vier Jahren Emil Gilels im Fernsehen gesehen und gesagt: ‹So ein Klavier und so einen Stuhl wie der will ich auch haben›», erzählt Giltburg. Doch seine Mutter habe gewusst, was das für ein schwieriges Leben sein könne als Pianist. Interessiert hat ihn das wenig. «Ich habe das Klavier vom ersten Moment an geliebt und meine Mutter so lange genervt, bis sie endlich nachgegeben hat.»Einer, der das Üben liebtAls er fünf Jahre alt war, zog die Familie nach Tel Aviv, später studierte Giltburg bei dem renommierten Lehrer Arie Vardi. Spätestens nachdem er 2013 den prestigeträchtigen Queen-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel gewonnen hatte, nahm seine internationale Karriere Fahrt auf. Seither konzertiert er mit führenden Orchestern und tritt auch solistisch in den grossen Konzertsälen auf. In der Saison 2025/26 ist er unter anderem Artist in Residence an der Dresdner Philharmonie.Im Gespräch zeigt sich Giltburg als ausgesprochen demütiger und suchender Zeitgenosse, der die Welt mit Neugierde und wendigem Geist erkundet, oft nach Worten ringt und dessen Gedanken nur selten zur Ruhe kommen. Sitzt Giltburg nicht am Klavier, übersetzt er Kurzgeschichten aus dem Hebräischen ins Englische, macht als passionierter Amateurfotograf ausdrucksstarke Schwarz-Weiss-Bilder oder unternimmt lange Wanderungen.Seine musikalische Arbeit dagegen geschieht ausschliesslich an den Tasten. «Am Klavier bekomme ich meine Ideen, und während ich übe, gehe ich mit dem Komponisten hochkonzentriert in einen Dialog. Deshalb liebe ich das Üben so sehr.» Erarbeitet er sich ein neues Stück, versucht er sich von existierenden Lesarten freizumachen und so nah wie möglich an der Partitur zu bleiben. Sobald er das Stück technisch beherrscht, holt er sein Smartphone heraus und nimmt sich selbst auf, teilweise Takt für Takt, immer und immer wieder.«Mein Lieblingsplatz auf der Welt»: Boris Giltburg am Klavier.Sasha Gusov«So bekomme ich unmittelbar Feedback. Ich nehme mich auf, höre mich an, vergleiche mein Spiel mit der Partitur und denke darüber nach, was noch nicht funktioniert an Klang, Phrasierung, Tempo. Und dann beginne ich von vorn.» Zuhören und auf Distanz gehen – das sind für Giltburg die Schlüssel, er selbst spricht von einer Art «Algorithmus».Bei aller Subjektivität gehe es bei grossen Komponisten ebenso wie bei Schriftstellern letztlich immer um universelle Emotionen und Wahrheiten. «Die Noten sind nur der erste Schritt, wie die Wörter. Aber was dann dahintersteht, ist subjektiv und objektiv zugleich. Nur deshalb gibt es ja Interpretationen», sagt Giltburg. Das sei wie bei einem Text von Shakespeare. «Jeder kann das lesen, aber nur wenige so, dass man etwas Tiefes und Wahres empfindet.»Das aber ist sein grosses Ziel beim Musizieren. «Klingt das wahr?» – für den Wissenschafter an den Tasten ist die Beantwortung dieser Frage der «Lackmustest», wie er sagt. «Letztlich muss ein Stück im Moment des Spiels derart überzeugend klingen, dass es für den Interpreten und für seine Zuhörer zumindest für diesen Augenblick die einzige Wahrheit ist. Wenn man selbst zu viel zweifelt, spürt dies das Publikum.» Es ist ein langer Weg, bis Giltburg hadernd und selbstkritisch zu einem ihn derart überzeugenden Ergebnis gelangt. Erlebt man ihn dann am Klavier, ist seine akribische Auseinandersetzung mit jedem Ton und jeder Wendung spürbar.Gegen den DünkelAuch wenn Giltburg nur wenige Jahre seiner Kindheit in Russland verbracht hat und ihm das heutige Land – auch angesichts der politischen Lage – «ganz fremd» erscheint, spürt er in sich eine tiefe Beziehung zur russischen Kultur. «Ich weiss nicht, ob das daran liegt, dass ich dort geboren wurde. Aber meine Verbindung zur russischen Musik, Poesie und Sprache ist absolut intuitiv.» Kein Komponist ist Giltburg dabei derart nahe wie Sergei Rachmaninow.Sieben Alben hat er bereits mit dessen Werken eingespielt, jüngst ist eine Aufnahme mit Solostücken und Nocturnes erschienen. Umso schmerzhafter empfindet er es, dass Rachmaninow bis heute oft missverstanden werde. «In manchen musikwissenschaftlichen Kreisen gibt es ja immer noch die Diskussion, ob er ein ernstzunehmender Komponist sei. Und bis heute wird Adorno zitiert, der Rachmaninows Klavierkonzerte als ‹Kitsch, der sich als Kunst ausgibt› bezeichnet hat. Ich finde das ganz schlimm», sagt Giltburg. Natürlich sei Rachmaninows Musik voller Emotionen. «Aber wenn man seine Partituren genau betrachtet, steckt dahinter ein unglaublich scharfer Intellekt.» Darin eröffne sich eine Klangwelt, die zwar sehr berührend sei, «aber eben keine schmalzige Hollywood-Musik».Seine eigenen Einspielungen der Werke spiegeln exakt diese unsentimentale und wohltuend entschlackte Sichtweise wider. Die Musik erreicht dadurch eine geradezu existenzielle Tiefe und Farbigkeit, die für sich spricht. In unzähligen Stunden am Klavier hat Giltburg um diese Interpretation gerungen und dabei auch immer wieder die besagten Glücksmomente erlebt, in denen die Musik in einen Flow gerät – und er mit ihr. Das Instrument, das ihn schon als Kind in den Bann gezogen hat, ist für Giltburg auch über drei Jahrzehnte später noch jener Ort, an dem er sich sofort «wohl und sicher» fühlt. «Bis heute ist das mein Lieblingsplatz auf der Welt, wenn ich an den Tasten sitze.»Sergei Rachmaninow: Morceaux de Fantaisie op. 3, Morceaux de Salon op. 10, Nocturnes u. a. Boris Giltburg (Klavier). Naxos.Passend zum Artikel
Der israelische Pianist Boris Giltburg ringt selbstkritisch um jedes Detail. Das macht seine Rachmaninow-Interpretationen zu einem Glücksfall
Mit geradezu wissenschaftlicher Akribie erforscht Giltburg die Essenz der Musik. Für die Musik von Sergei Rachmaninow findet er auf diese Weise die richtige Mischung aus Kontrolle und entfesselter Emotion.








