Der ebenso profilierte wie streitbare Pianist gestaltet eine viertägige Residenz in der Tonhalle. Bei seinen Konzertauftritten fällt Levits heitere Gelassenheit auf. Sie hat einen ernsten Hintergrund.22.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer Pianist Igor Levit.Robbie LawrenceDem Pianisten ist es entschieden zu heiss. Schon nach dem ersten Satz des 2. Klavierkonzerts von Johannes Brahms. Wie wird das erst nach dem Ende des vierten Satzes sein? Immerhin gilt dieser gut fünfzigminütige Parforceritt auf den Tasten schon ohne Hitzewelle als schweisstreibende, weil horrend virtuose Angelegenheit. Igor Levit krempelt also beim ersten seiner vier Tonhalle-Auftritte in der vergangenen Woche nach dem Kopfsatz demonstrativ die Ärmel hoch und schickt dazu einen vorwurfsvollen Blick hinauf zum Deckengemälde im Grossen Saal – zur Erheiterung der Eingeweihten im Publikum.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dort oben, im imaginären Musenhimmel, thront nämlich der Komponist höchstselbst, ganz friedlich neben den grimmig blickenden Herren Wagner und Beethoven und umgeben von all den anderen Unsterblichen der Musik. Einen lustigen Schönheitsfehler hat die Verklärung im Stil des 19. Jahrhunderts freilich: Brahms war noch ziemlich lebendig, als er 1895 eigens nach Zürich kam, um die (damals so genannte) «Neue Tonhalle» einzuweihen. Wie Brahms die Begegnung mit sich selbst im Jenseits empfunden hat, ist leider nicht überliefert. Levits Insider-Gag aber bewirkt etwas Erstaunliches.ErweckungserlebnisEr nimmt sofort den Druck aus der Aufführung und damit auch all die wuchtige Schwere, die sonst oft auf Wiedergaben des Brahms-Konzerts lastet – weil schlichtweg alle Pianisten Respekt vor dem Stück haben. Die gute Laune ist ansteckend, wie man auf den Gesichtern der Tonhalle-Musiker und ihres Musikdirektors Paavo Järvi ablesen kann, die Levits gelösten Ansatz unmittelbar aufgreifen und ihm mit rhythmisch federndem, fast schwerelos pulsierendem Spiel sekundieren.Die Heiterkeit des Pianisten wirkt nicht nur bei diesem Werk überraschend, sie ist es umso mehr in Anbetracht seiner jüngsten Äusserungen zum Zeitgeschehen, bei denen sich Levit ungewöhnlich tief in die Seele blicken liess. So bekannte er mehrfach, kein Ereignis der jüngeren Zeit habe ihn «so sehr zum Juden gemacht» wie das Massaker der Hamas in Israel am 7. Oktober 2023.Auch die Tonhalle hatte diese Aussage im Vorfeld seiner Auftritte aufgegriffen, und zwar im Zusammenhang mit der Programmfolge eines Solorezitals, das Levit am Samstag zum Abschluss der Residenz in Zürich gab. Darin spielte er neben den «Liedern ohne Worte» von Mendelssohn Maurice Ravels «Kaddisch» aus den «Deux mélodies hébraïques».In einem Gespräch mit der Londoner «Times» hat Levit indes vor kurzem auch von den Folgen gesprochen, die sein Bekenntnis zum Judentum für ihn persönlich hatte: Er habe rund neunzig Prozent seines erweiterten sozialen Umfelds verloren. Nur der engste Kreis der echten Freunde sei geblieben und sogar noch enger zusammengerückt, nachdem er zunächst das Schweigen, dann die israelkritische Haltung von Teilen des Kulturbetriebs angeprangert hatte.BeglückendMit dem Wissen um diese Hintergründe mutet Levits Gelassenheit bei den Zürcher Auftritten noch frappierender an. Vielleicht kann man sie wirklich nur begreifen, wenn man sie als Ausdruck der Erleichterung über die Klärung der eigenen politischen und religiösen Position versteht. Levits gestalterische Souveränität, die Heiterkeit, die im Finalsatz vollends die Oberhand gewann, und nicht zuletzt die intensive Interaktion mit Järvi und den Solisten des Tonhalle-Orchesters – das alles wirkte jedenfalls beglückend und beispielhaft.Ein reinigendes Gewitter viel trivialerer Art gab es dann vor Levits drittem Auftritt am Freitag: Wegen des Wolkenbruchs in Zürich wäre das Konzert beinahe ins Wasser gefallen. Aber zumindest das Problem mit der Hitze hatte sich danach – vorübergehend – in Luft aufgelöst.Passend zum Artikel