Vor einigen Monaten kritisierte Alice Weidel, die Co-Parteichefin der AfD, mehrere Politiker ihrer Partei für deren Russlandreisen. Diesmal haben sie aber ihre Rückendeckung. Das dürfte auch an einem Vertrauten liegen, der die Reise leitet.05.06.2026, 04.30 Uhr4 LeseminutenMarkus Frohnmaier, der aussenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Bundestag, pflegt seit Jahren Kontakte nach Russland. Er propagiert eine interessengeleitete deutsche Aussenpolitik.ImagoNicht nur unter Christlichdemokraten gibt es einen beliebten Vorwurf gegen die AfD. Er lautet: Ihre Politiker pflegten eine verdächtige Nähe zum Kreml, sie verhielten sich unpatriotisch, ja sie seien möglicherweise von Russland bezahlt. Für die AfD wurde dieses Klischee mit der Zeit zur Belastung, so dass die Co-Parteivorsitzende Alice Weidel vor sechs Monaten mehrere russlandfreundliche AfD-Politiker zur Ordnung rief. «Ich kann nicht verstehen, was man da eigentlich soll», sagte sie zu deren Plänen, in den Ferienort Sotschi zu reisen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die AfD hat ihre aussenpolitischen Positionen seither nicht verändert. Sie passte aber ihre Taktik an: Den Eindruck einer zu starken Nähe zum russischen Machthaber Wladimir Putin wollte sie fortan vermeiden. Lieber wollte sie als Partei wahrgenommen werden, die eine nüchterne, an deutschen Interessen ausgerichtete Aussenpolitik betreibt.Entsprechend reisten diesmal die prorussisch eingestellten Politiker Steffen Kotré aus Brandenburg, Jörg Urban aus Sachsen und Petr Bystron aus Bayern nicht allein nach St. Petersburg. Der Aussenpolitiker Markus Frohnmaier, ein enger Vertrauter Weidels, führt die Delegation zum Internationalen Wirtschaftsforum an. Frohnmaier, der wie Weidel aus Baden-Württemberg stammt, amtiert seit 2025 als aussenpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion. Wie Kotré, Urban und Bystron pflegt auch Frohnmaier seit Jahren enge Verbindungen nach Russland. Doch bei der Reise setzte er andere Akzente als seine Mitreisenden.Als aussenpolitischer Sprecher sei es seine Aufgabe, «Beziehungen zu allen relevanten globalen Akteuren zu pflegen», teilte Frohnmaier auf der Plattform X mit. Es gehe darum, «im Sinne deutscher Interessen mit allen möglichen Handelspartnern in den Dialog zu treten» und «deutsche nationale Interessen kompromisslos in den Mittelpunkt zu stellen». Die Botschaft: Die AfD stelle deutsche Interessen in den Vordergrund, nicht russische oder amerikanische. Im März war Frohnmaier auch in die USA geflogen. Zu dem Zeitpunkt war er Spitzenkandidat seiner Partei für die Wahl zum baden-württembergischen Landesparlament.Treffen mit Gazprom und einem ranghohen Putin-BeraterFrohnmaier absolvierte in St. Petersburg mehrere Termine, er liess sich zum Beispiel mit dem Gazprom-Chef Alexei Miller ablichten. Dazu teilte er mit, die Wiederaufnahme von Gaslieferungen aus Russland sei essenziell, um die deutsche Wirtschaft zu entlasten. Frohnmaier teilte ferner ein Foto mit dem ranghohen Putin-Berater Kirill Dmitriew, der den staatlichen russischen Investmentfonds leitet. Er hoffe auf einen künftigen deutsch-amerikanisch-russischen Trialog zur Beendigung des Krieges in der Ukraine, schrieb er.Politiker der CDU, der SPD und der Grünen kritisierten die Reise der AfD-Politiker scharf. Im «Handelsblatt» sprach der Christlichdemokrat Marc Henrichmann von einem «Kniefall vor dem Kriegsverbrecher» Putin. Aus der SPD teilte der Innenpolitiker Sebastian Fiedler mit, die Reise sei «sicherheitspolitisch hochproblematisch». Der Grünen-Sicherheitspolitiker Konstantin von Notz sagte, die AfD wolle Deutschland zum «Aussenposten Russlands» machen.Bis zu Russlands Grossangriff auf die Ukraine besuchten allerdings auch Politiker von CDU und SPD das Wirtschaftsforum, das einst als «Davos des Ostens» gefeiert wurde. Entsprechend wenig Verständnis hat die AfD deshalb für ihre Kritik. «Sie müssten selbst mit dem Chef von Gazprom sprechen, statt uns dafür an den Pranger zu stellen», sagte die Vizevorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion Beatrix von Storch der NZZ.Aus von Storchs Sicht war die Reise ein voller Erfolg. Die deutsche Wirtschaft brauche russisches Gas, «und die russischen Politiker und Manager wissen, dass wir bald in Deutschland Verantwortung übernehmen werden», sagte sie. Storch sieht Frohnmaiers Treffen mit Miller als Signal für die internationale Relevanz der AfD: «Wären wir aussenpolitisch unbedeutend, dann hätte sich in St. Petersburg niemand mit uns getroffen.»Die Reise dient auch der innerparteilichen ProfilierungWie viel Frohnmaier mit der Reise erreicht hat, ist fraglich. Aus dem Umfeld der Partei heisst es aber, dass diese eher symbolpolitisch zu verstehen sei: Die AfD habe mit ihrem Russlandbesuch den Wählern in den ostdeutschen Bundesländern Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin signalisiert, dass sie Deutschlands einst gute Beziehungen zu Russland wiederherstellen wolle. In der Partei erhofft man sich, dass das ihr Ergebnis bei den anstehenden Wahlen zu den Landesparlamenten verbessern könnte.Weidels Lager dürfte darüber hinaus den anstehenden Bundesparteitag im Juli in Erfurt im Blick haben. Um als Parteivorsitzende mit einem starken Ergebnis bestätigt zu werden, braucht sie nicht zuletzt die Stimmen aus den ostdeutschen Landesverbänden, in denen Sympathien für Russland weit verbreitet sind. Eine solche Reise dient nicht zuletzt der innerparteilichen Imagepflege.Der AfD dürfte es zudem in die Karten spielen, dass nun auch die deutsche Regierung von einem «Zeitfenster» für mögliche Verhandlungen im Ukraine-Krieg spricht. Sie setzt dazu offenbar auf geheime Kanäle, und zwar im Verbund mit Frankreich, Grossbritannien und den USA, wie mehrere deutsche Medien berichten. Auf öffentliche Treffen mit ihren russischen Amtskollegen verzichteten deutsche Regierungspolitiker bislang. Auch in diesem Jahr ist die AfD die einzige deutsche Partei gewesen, die beim Wirtschaftsforum in St. Petersburg mit einer Delegation vor Ort war.Putin hat das Internationale Wirtschaftsforum am Mittwoch persönlich eröffnet, laut Programm dauert der Gipfel bis Samstag. Er wurde überschattet von ukrainischen Drohnenangriffen auf St. Petersburg.Passend zum Artikel