Das schönste Erbe des Kalten KriegsDie Kommunisten sperrten die böhmische Grenze mit Wachtürmen, Stacheldraht und Minengürteln ab und schufen damit eine der wildesten Landschaften Mitteleuropas.Rudolf Hermann (Text und BIlder)04.06.2026, 16.40 Uhr6 LeseminutenAls unscheinbares Bächlein beginnt einer der grossen Wasserläufe Mitteleuropas. Die kalte Moldau nimmt sich hier noch alle Zeit der Welt.Als die Kommunisten in der Tschechoslowakei nach der Machtübernahme von 1948 begannen, das Land nach Westen abzuriegeln, schufen sie damit – wiewohl unbeabsichtigt – eine der zauberhaftesten Landschaften Mitteleuropas. Die Absperrung der grünen Grenze zur Bundesrepublik Deutschland und zu Österreich durch den Eisernen Vorhang mit Stacheldraht- und Elektrozäunen, Stolperdrähten und Sandstreifen war den Machthabern nicht genug, um die eigene Bevölkerung einzusperren. Deshalb richteten sie entlang der Grenze zusätzlich eine mehrere Kilometer tiefe Sperrzone ein. Die dort befindlichen Siedlungen wurden aufgegeben, ihre Bewohner umgesiedelt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die von der totalitären Macht für alle Ewigkeit gedachten Befestigungsanlagen waren rund vier Jahrzehnte später jedoch bereits obsolet, demontiert von der Samtenen Revolution von 1989. Doch die Zeit hatte gereicht, um den entvölkerten Sicherheitsstreifen in ein einzigartiges Naturgebiet zu verwandeln. Die Natur war dort weitgehend sich selbst überlassen gewesen und konnte fast ungestört gedeihen. Die neue, nun demokratische Führung stellte die frühere Sperrzone umgehend unter strengen Naturschutz.Heute lässt sich die alte Grenze auf neue Art erfahren: mit dem Fahrrad. Denn Teil der Sperrzone war ein ausgedehntes Netz von Waldsträsschen, von denen einige für Kontrollfahrten dem eigentlichen Zaun entlangführten, andere die Verbindung zu Einrichtungen des Grenzschutzes im Hinterland sicherstellten. Daraus sind jetzt zahlreiche Fahrradrouten und Wanderwege durch ein Gebiet geworden, das durch seine Unberührtheit weitherum seinesgleichen sucht. Eine dieser Routen führt den Eisernen Vorhang sogar im Namen: Der Eurovelo-Fernradweg 13 zieht sich als «Iron Curtain Trail» über fast 10 000 Kilometer von der arktischen Barentssee bis ans Schwarze Meer.Trennend und verbindendDer Böhmerwald bildet zusammen mit dem nördlich anschliessenden Oberpfälzer Wald (der auf der tschechischen Seite Cesky les, also «böhmischer Wald», heisst) ein über zweihundert Kilometer langes Mittelgebirge, das als europäische Wasserscheide zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meer steht und die Einzugsgebiete von Elbe und Donau trennt. Dicht bewaldet auf einer Breite von bis zu fünfzig Kilometern, stellte der Bergzug schon immer ein natürliches Trennelement zwischen regionalen Räumen dar, dem Königreich Bayern und der Habsburgermonarchie, der Tschechoslowakei und Deutschland sowie Österreich, dem kapitalistischen Westen und dem sozialistischen Osten Europas.Gleichzeitig fungierte der Böhmerwald, abgesehen von der Epoche des Eisernen Vorhangs, immer auch als Verbindungsstück zwischen den Regionen, die er auseinanderhielt. Über den Goldenen Steig, ein Netzwerk von Saumpfaden, gelangte seit dem Mittelalter Salz aus Oberbayern nach Böhmen; in die Gegenrichtung wurde hauptsächlich Getreide transportiert. Zudem etablierte sich in der Waldregion die Glasherstellung, deren Tradition sowohl in Bayern als auch in Böhmen bis heute andauert. Zwiesel und Spiegelau etwa sind nicht nur lokale Ortsbezeichnungen, sondern auch weltbekannte Marken des Glasdesigns.Bilder Brandstaetter / Hulton / GettyHandkolorierte Fotografien aus den Jahren 1905 bis 1913 (von oben links nach unten rechts): der von Wald umrahmte Stubenbacher See, eine Bauernfamilie vor ihrem Hof, Holztransport im eigens dafür erstellten Kanal, Arbeiter in der Glasfabrik in Eleonorenhain.Für die Handelsroute war eine gewisse Infrastruktur nötig; in dem einsamen Gebiet entstanden Dörfer. Zum Beispiel Buchwald (tschechisch Bucina), eine Siedlung weit oben am Hauptkamm des Böhmerwald-Bergzugs, auf fast 1200 Metern Höhe über Meer.Die unvergleichliche Poesie der Gegend, der weite Blick über Wälder und Lichtungen, das Rauschen des Windes in den Tannenwipfeln, die Schneeberge der Bayerischen Alpen, die an klaren Tagen am fernen Horizont leuchten, machen Buchwald zu einer der schönsten und gesuchtesten Lokalitäten des Böhmerwalds. Nur: Das Dorf ist fast vollständig verschwunden. Bloss ein Haus und eine Kapelle stehen noch. Und gerade darin reflektiert sich das facettenreiche historische und moderne Bild der Region.Die Wirren der VergangenheitNoch am Ende des 19. Jahrhunderts hatte das Bergdorf, eine Grenzstation der Habsburger Doppelmonarchie zum Deutschen Reich, 30 Häuser und 466 Einwohner gezählt. Doch 1918 brach das Habsburgerreich zusammen, die Tschechoslowakei entstand. Der neue Staat entsandte tschechisches Personal für Zoll und Grenzschutz nach Buchwald, nun offiziell Bucina genannt. Sonst aber blieb das Dorf überwiegend deutschsprachig; Verwaltung und Bevölkerung blieben sich weitgehend fremd.Zwanzig Jahre später annektierte Hitlerdeutschland Böhmen und Mähren. 1946 vertrieb die wiederhergestellte Tschechoslowakei die Sudetendeutschen. Dann übernahmen die Kommunisten die Macht und riegelten die Grenze ab. Bucina verfiel. Nur ein früheres Berghotel, die Peschlerhütte, wurde von der Staatsmacht beschlagnahmt und zu einer Kaserne für die lokalen Grenzschutztruppen umfunktioniert.Wo einst Grenzsoldaten kaserniert waren, trinken heute Bayern und Tschechen gemeinsam Bier. Das Hotel «Alpenblick» auf fast 1200 Metern ist so etwas wie ein kleines Versöhnungshaus Europas.Heute hingegen gehen an einem schönen Sommertag auf der Terrasse des Hotels «Alpska vyhlidka» (Alpenblick) Tschechisch und Deutsch fröhlich durcheinander. Aus dem nahen Finsterau auf der bayrischen Seite sind einige Stammgäste gekommen; Kost und Bier sind hier sehr ähnlich wie zu Hause, aber billiger. An anderen Tischen sitzen Scharen tschechischer Velotouristen, denn der «Alpenblick» liegt direkt am extensiven Radwegnetz, das die Böhmerwaldregion auf beiden Seiten der Grenze durchzieht. Zu sehen gibt es viel, nahe beim «Alpenblick» etwa die ausgedehnten Hochmoore, das Quellgebiet der Warmen Moldau oder auch die romantische Lichtung «Fürstenhut», wo einst ein Holzfällerdorf stand, das heute ebenfalls versunken ist. «Die komplizierte Geschichte, die haben wir hinter uns gelassen» , sagt die Geschäftsführerin des Berghotels.Aber nicht vergessen. Denn an die Zeit der kommunistischen Diktatur erinnert beim «Alpenblick» eine Nachbildung der Einrichtungen des Eisernen Vorhangs, komplett mit Wachturm, Signalanlage, Zäunen und Panzersperren. Errichten lassen hat sie der Unternehmer, der nach der Wende die damals baufällige Peschlerhütte erstanden hatte und das Haus mit viel Hingabe in den «Alpenblick» verwandelte. Die Replik der Grenzbefestigung soll für die jungen Generationen, die diese Zeit schon nicht mehr bewusst erlebt haben, die Erinnerung an den unseligen Totalitarismus wachhalten.Die Drachenzähne aus Beton sollten für die Ewigkeit stehen. Heute wächst das Gras darum herum hoch. Nur Rotwild hält eine Grenzlinie ein, die längst nicht mehr existiert.Die «kürzeste internationale Bahnverbindung» – und ein heimliches WeltwunderWährend man heute auf Radtouren und Wanderungen im Böhmerwald bisweilen das Land wechselt, ohne dessen überhaupt gewahr zu werden, wird einem die Grenze hie und da gezielt in Erinnerung gerufen. Etwa in Nove Udoli (Neuthal), zwei Velo- oder acht Wanderstunden südöstlich von Bucina. Hier, wo die Kalte Moldau als erst kleines Bächlein von Bayern nach Böhmen rinnt und von ihrer stolzen Rolle als «tschechischer Nationalfluss» noch wenig zu sehen ist, war einst ein wichtiger Eisenbahnübergang zwischen dem Habsburgerreich und Deutschland.Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Böhmerwald von beiden Seiten her bahntechnisch erschlossen; 1910 kam es in Neuthal zum Zusammenschluss der Netze. Der Personentransport wurde auf tschechischer Seite zur kommunistischen Zeit jedoch unterbunden; erst nach der Wende kam er wieder in Gang. Auf der bundesdeutschen Seite des Eisernen Vorhangs wurden die Gleise 1976 sogar abmontiert; das alte Trassee dient heute als Radweg. Jedoch wurden von Enthusiasten auf dem ursprünglichen Bahndamm grenzüberschreitend hundert Meter Schienen verlegt, auf denen jetzt als Touristenattraktion eine mit Muskelkraft betriebene Draisine hin und her fährt. Angeblich die «kürzeste internationale Bahnverbindung der Welt».Eine Strasse, zwei Fahnen, kein Zoll und auch keine Kontrolle. Was selbstverständlich wirkt, war hier (wo?) über vierzig Jahre das Undenkbarste überhaupt.Nur unweit von Neuthal befindet sich auch der Anfangspunkt eines spektakulären Bauwerks, das der Öffentlichkeit ebenfalls Jahrzehnte verborgen blieb, weil es in der Sperrzone lag. Dabei hatte es in früheren Zeiten sogar als «achtes Weltwunder» gegolten. Es handelt sich um den Schwarzenbergischen Schwemmkanal. 1789 erbaut und 1823 erweitert, diente der am Schluss rund 50 Kilometer lange Kanal dazu, Scheitholz von den böhmischen Abhängen des Bergzugs in den Grossraum Wien mit seiner enormen Nachfrage nach Brennmaterial zu bringen. Der Kanal musste dabei an geeigneter Stelle den Böhmerwald-Hauptkamm überqueren.Es handelt sich um ein ingenieurtechnisches Meisterwerk aus der vor- und frühindustriellen Zeit. Heute fügt sich der Kanal perfekt in den sanften Tourismus der Region ein: Auf seiner ganzen Länge führt auf der talseitigen Aufschüttung ein breiter Weg, von dem aus Arbeiter seinerzeit mit langen Stangen sicherstellten, dass kein Holz steckenblieb. Dadurch ist die Sehenswürdigkeit zu Fuss wie auch per Velo leicht zugänglich.Gut zu wissenDie Regionen mit der besten touristischen Infrastruktur befinden sich rund um den Grossen Arber, im Bereich Modrava - Kvilda - Borova Lada und beim Lipno-Stausee. Das Hotel «Alpska vyhlidka» («Alpenblick») liegt in der Nationalpark-Kernzone und ist mit dem Auto nur mit Sonderbewilligung (an eine Buchung gebunden) oder per Bus, Velo oder zu Fuss erreichbar.Der öffentliche Verkehr (Zug und Bus) ist im Sommerhalbjahr gut auf Velotouristen eingestellt, oft mit speziellen Anhängern oder Wagen zum Velotransport. Es gibt auch grenzüberschreitende Tagestickets; Infos etwa unter https://www.bayerwald-ticket.com/oepnv-in-tschechien/.Passend zum Artikel