An Fronleichnam zeigt die katholische Kirche jedes Jahr, dass ihr in Sachen barocker Selbstinszenierung keiner so schnell was vormacht: Als öffentliche Demonstration des Glaubens und der Frömmigkeit ziehen an diesem zweiten Donnerstag nach Pfingsten kirchliche Würdenträger im Prunk-Ornat durch die Straßen, von alters her gefolgt von Prominenz aller Genres, vor allem aber von Kirchenvolk mit Feiertagsmiene und oft schönster Tracht. Das ist in urbaner Abwandlung, die sich nicht zuletzt in der fabenprächtigen Garderobe der muttersprachlichen und damit internationalen Gemeinden zeigt, in München auch so. Die aktuelle Botschaft des Tages könnte auch lauten: Schaut her, uns gibt es noch in ziemlich stattlicher Zahl.Als der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, Schlag 9 Uhr den Festgottesdienst eröffnet, schweben über dem Marienplatz und unter weiß-blauem Himmel Wolken von Weihrauch. Das Herz der Stadt ist vollbesetzt mit denen, die sich später in die Prozession einreihen und denen, die am Straßenrand zuschauen. In der Spitze, sagt die Polizei später, laufen an dem Tag 11 000 Menschen von hier aus über Diener- und Residenzstraße zum Segensaltar an der Ludwigsstraße und zurück. Zusätzlich stehen 3500 Menschen am Straßenrand, singen die angestimmten Kirchenlieder mit oder staunen einfach über diesen Brauch in seiner schier volksopernhaften Dimension.Geschützt in der prunkvollen Monstranz wird das „Allerheiligste“, die geweihte Hostie, durch die Innenstadt getragen. Johannes SimonProminenz aus Politik und Gesellschaft, wie die neue Zweite Bürgermeisterin Münchens Mona Fuchs (li.), haben auch an Gottesdienst und Fronleichnamsprozession teilgenommen. Johannes SimonIn München soll diese Tradition im Jahr 1343 ihren Anfang genommen haben und wird also seit Jahrhunderten gepflegt. Bereits vier Wochen nach Kriegsende führte im Juni 1945 wieder ein Zug durch „Schutt und Trümmer“, wie die Presse damals berichtete. 50 000 Prozessionsteilnehmer waren es zu Spitzenzeiten in den 1950er-Jahren bei 200 000 Zuschauern. Ein sagenhaft scheinendes Ausmaß in Zeiten, da sich die Kirchen in radikalem Schrumpfungsprozess befinden.Angeführt wird die Prozession auch in diesem Jahr von der katholischen Jugend. Sie hält im Wechsel ein imposantes, mit Blumen geschmücktes Holz-Kruzifix hoch, es stammt aus der Giesinger Kirche St. Franziskus. Gläubige der Innenstadtgemeinden schließen sich als nächste an, Repräsentanten aus Politik – vorneweg Münchens neue Zweite Bürgermeisterin Mona Fuchs (Grüne) –, Kirchen, Wissenschaft und Gesellschaft, Mitarbeitende pflegender und pastoraler Berufe, auch Studierende, Ordensritter, Verbände und Trachtengruppen.Mittendrin unter dem tragbaren Baldachin hält ein Priester die goldschimmernde Monstranz in Händen, ein liturgisches Schaugefäß, das den Blick auf das „Allerheiligste“ freigibt, die geweihte Hostie und damit Hauptdarstellerin des Tages. Sie steht für „den Leib des Herrn“, gefeiert wird heute schließlich das „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“. Kardinal Reinhard Marx hatte zuvor im Festgottesdienst nochmals daran erinnert, „Christus hat gesagt, ich bin Nahrung für euch; wir wollen dieses Brot zeigen“. Und so erklärt sich auch der Name dieses Tages: Im Mittelhochdeutschen steht „Fron“ für „Herr“ und „lichnam“ für den lebendigen Leib.„Was feiern die?“, fragt ein Junge seine Mutter vor der Oper. Die junge Frau zuckt mit den SchulternGebete wie der Sang und Klang von Domchor, -kantorei und -bläsern erschallen entlang der Theatinerstraße genauso wie vor der Uni – sie werden an der gesamten Strecke über Lautsprecher übertragen. „Was feiern die?“, fragt ein kleiner Junge seine Mutter vor der Oper. Die junge Frau zuckt mit den Schultern.Um was es ihm heute geht, in dieser krisenhaften Zeit, hat Kardinal Reinhard Marx zuvor in seiner Predigt skizziert. Er verwies auf die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. und die darin thematisierte Herausforderung durch die künstliche Intelligenz. „Die Technik, die uns geschenkt wird, ist immer eine Möglichkeit.“ Über die Regeln dieses „großartigen Instruments“ müssten aber die Menschen entscheiden, damit es ihnen dienen könne. Das ginge nur in einer offenen, freien und demokratischen Gesellschaft, in die alle ihre Meinung einbringen.Kardinal Reinhard Marx warnt in seiner Predigt vor einem Rückfall in „alte Schablonen und Vorurteile“. Johannes SimonMarx rief zum Dialog auf, zwischen allen Teilen der Gesellschaft und der Welt. Zugleich warnte er vor dem Rückfall in „alte Schablonen und Vorurteile“: „Eine offene Gesellschaft kann nicht nur eine Meinung haben, nicht nur eine Weltanschauung. Sonst fallen wir zurück in die Diktatur und in eine Gesellschaft, in der einige wenige bestimmen, was wir tun sollen.“An Fronleichnam zeigten die Christen ihren Glauben, so der Erzbischof. Sichtbar solle aber auch das Angebot werden, das die Kirche der Stadt und der Gesellschaft mache: „Wenn ihr uns braucht, sind wir da, in Pfarreien, sozialen Einrichtungen und Schulen.“ Applaus ist in der katholischen Kirche nach einer Predigt nicht vorgesehen. Es gibt eine Ausnahme am Tag der feierlichen Selbstinszenierung.