Trump will im brasilianischen Wahlkampf mitmischen – doch der Schuss könnte nach hinten losgehenDie USA haben zwei brasilianische Banden zu Terrororganisationen erklärt. Damit wollen sie den aussichtsreichsten rechten Präsidentschaftskandidaten unterstützen. Profitieren dürfte aber vor allem der linke Präsident Lula.04.06.2026, 15.44 Uhr4 LeseminutenDer brasilianische Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro gibt sich nach seiner Rückkehr von einem Treffen mit Donald Trump in Washington siegessicher.Hedeson Alves / EPADie US-Regierung hat angekündigt, die zwei mächtigsten brasilianischen Verbrecherorganisationen, das Primeiro Comando da Capital (PCC) und das Comando Vermelho (CV), offiziell als ausländische Terrororganisationen einzustufen. Damit könnte Washington schärfere Finanzsanktionen verhängen, Vermögenswerte einfrieren und die internationale Strafverfolgung gegen beide Gruppen ausweiten. Brasilianische Sicherheitsexperten hatten die Einstufung schon länger erwartet. Doch dass sie nun so plötzlich erfolgt ist, deutet darauf hin, dass die Risikoeinschätzung etwas mit der politischen Agenda in Brasilien zu tun hat: Im Oktober stehen die Präsidentschaftswahlen an.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor wenigen Tagen empfing US-Präsident Donald Trump Flávio Bolsonaro im Weissen Haus. Dieser ist Senator und der älteste Sohn des rechten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro. Der Vater sitzt unter anderem wegen eines versuchten Putsches in Haft und darf bei den Wahlen nicht erneut antreten. Er hat deswegen seinen Sohn Flávio ins Rennen geschickt. Der Hauptkonkurrent von Bolsonaro junior dürfte dann der derzeitige Präsident Luiz Inácio Lula da Silva sein, der seine vierte Amtszeit als Staatschef anpeilt.Trump, der langjährige VerbündeteJair Bolsonaro ist ein langjähriger Verbündeter Trumps. Der US-Präsident hat ihn immer wieder politisch unterstützt. So versuchte Trump vor einem Jahr, den Prozess gegen Bolsonaro wegen des versuchten Staatsstreiches zu beeinflussen. Er erhob zeitweise die weltweit höchsten Strafzölle gegen Brasilien. Zudem belegte er Alexandre de Moraes, den Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofes, mit Sanktionen nach der Global Magnitsky Act – einem Instrument, das die USA normalerweise gegen Diktatoren und Akteure, die die Menschenrechte verletzen, einsetzen.Mit der Einstufung der beiden Gruppierungen als «Narkoterroristen» nur zwei Tage nach seinem Besuch bei Trump kann Flávio Bolsonaro einen Erfolg verbuchen. Brasiliens Rechte fordert schon lange, dass die USA die illegalen Organisationen härter bekämpfen sollen. Die Mehrheit der Bevölkerung ist ebenfalls dafür. Der regierenden Arbeiterpartei unterstellt die Rechte, dass sie das Geschäft der Drogenbanden toleriere.Dennoch könnte die Unterstützung durch den US-Präsidenten für den Rechtskandidaten zum Problem werden und letztlich die Linke stärken. Schon Trumps wütende Kampagne für Jair Bolsonaro hat Präsident Lula im letzten Jahr einen unverhofften Anstieg der Popularität verschafft.Dies auch, weil viele Bolsonaro-Wähler aus Wirtschaftskreisen und dem Agrobusiness von den Strafmassnahmen der USA empfindlich getroffen wurden. Die Sanktionen gegen den Obersten Richter brachten zudem die Bankenlobby Brasiliens dazu, vereint in Washington aufzutreten. Die Finanzvertreter fürchteten wegen der Sanktionen um ihre Geschäfte mit den USA.Die Sanktionsliste drohtÄhnliche Sorgen gibt es jetzt erneut: «Die Einstufung könnte grössere Folgen für brasilianische Banken und Unternehmen haben als für die Kartelle selbst», schrieb der Sicherheitsexperte Robert Muggah auf Linkedin. Denn sobald die Behörden feststellen, dass ein Bandenmitglied ein Konto bei einer brasilianischen Bank unterhält oder es zur Geldwäsche benutzt, könnte das Institut auf die Sanktionsliste der USA kommen.Auch sonst erhöht das US-Aussenministerium den Druck auf Brasilien. Aussenminister Marco Rubio erklärte gerade vor dem US-Senat, Lateinamerika sei heute weitgehend von proamerikanischen Regierungen geprägt. Ausgenommen seien Nicaragua, Kuba, Venezuela und vor allem Brasilien sowie Kolumbien. «Noch nie hat ein US-Aussenminister Brasilien von der Liste der befreundeten Länder gestrichen», schimpfte daraufhin Celso Amorim, Lulas aussenpolitischer Berater.In Brasilien ist die Einstufung der beiden kriminellen Banden als Terroristen auch unter Sicherheitsexperten umstritten: Die Terrorismusexpertin Rashmi Singh von der Universität PUC im brasilianischen Belo Horizonte sagt: «Das Argument des Narkoterrorismus ist ein Narrativ der USA, um das Völkerrecht in der westlichen Hemisphäre brechen zu können.» So haben sich die USA unter dem Vorwand, den Narkoterrorismus zu bekämpfen, in den letzten Monaten an Kampfhandlungen gegen Drogenbanden in Ecuador und Venezuela beteiligt.Andere Experten argumentieren, die beiden Gruppierungen seien vor allem an illegalen Geschäften interessiert und hätten keinerlei ideologische oder religiöse Ausrichtung, was oft als Kriterium für terroristische Gruppen gilt. Zudem exportierten sie kaum Drogen in die USA, sondern vor allem nach Europa, Asien und in den Nahen Osten.Trumps Zollerhöhungen werden Bolsonaro angelastetZum Eigentor könnte Bolsonaros Besuch im Weissen Haus noch aus einem anderen Grund werden. Denn die USA haben nun neue Einfuhrzölle angekündigt, auch gegen Brasilien. Dabei nimmt Trump das dort populäre kostenlose Sofortzahlungssystem Pix ins Visier, er spricht von einem «unfairen Wettbewerb» mit den amerikanischen Kreditkartenkonzernen. Für den erfahrenen Politiker Lula ist es nun ein Leichtes, Flávio Bolsonaro als einen Verräter am Vaterland darzustellen. Zumal es Lula bei einem eigenen Besuch in Washington vor einem Monat gelungen war, ein positives Klima herzustellen und Trump eine Zusammenarbeit etwa bei seltenen Erden in Aussicht zu stellen.Auch in Mexiko verdankt Präsidentin Claudia Sheinbaum einen Teil ihrer hohen Popularität von rund 70 Prozent der ständigen Kritik Trumps an ihrer angeblich zu laschen Sicherheitspolitik. Sheinbaum nutzt den Druck aus Washington geschickt, um innenpolitisch als Verteidigerin der nationalen Souveränität aufzutreten – und gleichzeitig eine deutlich aggressivere Sicherheitsstrategie durchzusetzen als ihr Vorgänger Andrés Manuel López Obrador.Einfluss versucht Trump auch in Kolumbien zu nehmen: Nachdem er sich vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen noch zurückgehalten hat, stellt er sich nun hinter den Rechtsaussenkandidaten Abelardo de la Espriella. Dieser hat den favorisierten Linkskandidaten Iván Cepeda überholt und hat damit gute Aussichten, die Wahlen am 21. Juni zu gewinnen.Passend zum Artikel
Trumps Brasilien-Strategie: Wird das zum Bumerang für Bolsonaro?
Die USA haben zwei brasilianische Banden zu Terrororganisationen erklärt. Damit wollen sie den aussichtsreichsten rechten Präsidentschaftskandidaten unterstützen. Profitieren dürfte aber vor allem der linke Präsident Lula.













