«Dr. Chatbot, was habe ich?» Wie man die KI dazu bringt, gute Antworten auf Gesundheitsfragen zu liefernSprachmodelle liefern in Sekunden Einschätzungen zu gesundheitlichen Problemen, erklären Befunde, helfen bei der Vorbereitung für den Arzttermin. Zwei Wissenschafterinnen erklären, worauf man dabei achten sollte.04.06.2026, 07.47 Uhr6 LeseminutenEin Chatbot gibt Antworten auf medizinische Fragen. Wie gut sie sind, hängt auch davon ab, wie man fragt.GettyKürzlich hat Elena Link einen Chatbot geöffnet und einen orthopädischen Befund hochgeladen. Ihr Wunsch: eine allgemein verständliche Erklärung für das medizinische Kauderwelsch zu bekommen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Der Chatbot hat mir das so übersetzt, dass ich es gut verstehen konnte, und mir sogar einen Plan mit Übungen erstellt, die ich in den kommenden Wochen machen könnte», sagt die Junior-Professorin für Wissenschaftskommunikation von der Universität Mainz. Auch Symptome, die auf Krankheiten hindeuten könnten, hat sie schon in einen Chatbot eingegeben, um eine erste Einschätzung zu bekommen. Wenige Sekunden später lieferte dieser eine auf ihre Situation zugeschnittene Antwort. Wie praktisch.Das PotenzialVorbei scheinen die Zeiten der langwierigen Recherche per Suchmaschine, bei der man teilweise einzelne Fachbegriffe nacheinander eingeben musste, um sich selbst eine Übersetzung des Arztsprechs anzufertigen oder sich Symptome erklären zu lassen.Chatbots liefern schnelle und individuelle Antworten und stellen sich sprachlich auf den fragenden Menschen ein. Das ist beeindruckend. Bemerkenswert ist auch, dass sie längst Tests für medizinische Examen bestehen. Aber taugen Chatbots deshalb wirklich als persönliche Gesundheitsberater? Die derzeitige Studienlage jedenfalls lässt Zweifel daran aufkommen.Das ProblemIn den vergangenen Jahren sind mehrere Untersuchungen erschienen, die zeigen: Fragt man künstliche Intelligenz, welche Krankheit hinter einem Symptom stecken könnte, macht sie regelmässig Fehler. Das wird auch so bleiben, denn hinter künstlicher Intelligenz steckt kein Intellekt. Sie wählt immer das Wort als nächstes aus, das gemäss der Statistik am wahrscheinlichsten ist. Dass dabei auch Unsinn entsteht, gehört dazu.Darüber hinaus raten die Sprachmodelle eher selten dazu, dass man lieber auch mit einem Arzt sprechen sollte. Und dann wären da noch die Datenschutzbedenken, die mangelnde Privatsphäre: Wo landet der Befund, den man hochlädt? Wer liest bei persönlichen Gesundheitsfragen mit? Ein heikles Thema, über das sich Nutzerinnen und Nutzer von Chatbots bewusst sein sollten.Trotzdem sagt Elena Link: «Experimentieren Sie.» Die Wissenschafterin beschäftigt sich damit, wie Menschen Suchmaschinen und Chatbots einsetzen, um Gesundheitsinformationen zu bekommen. Sie weiss, dass die meisten nach Erklärungen für Symptome suchen und dass sich Patienten zunehmend per Chatbot Befunde erklären lassen. Sie sieht grosses Potenzial darin, Arzttermine mit der künstlichen Intelligenz vor- und nachzubesprechen.Und sie hält nichts davon, pauschal von alledem abzuraten. «Wenn wir nur vor Gefahren warnen, verhindern wir letztlich, dass die Menschen von guten Antworten eines Chatbots profitieren. Und die gibt es ja auch.» Sie und Kerstin Denecke, Co-Leiterin des Instituts für Patient-centered Digital Health an der Berner Fachhochschule, haben ein paar Tipps, wie man die Wahrscheinlichkeit erhöht, gute Antworten zu bekommen.Die LösungEinfach ein paar Schlüsselbegriffe wie bei Google in den Chatbot tippen und hoffen, dass er eine passende und korrekte Antwort liefert – das funktioniert nicht. «Wichtig ist es, strukturiert zu prompten», sagt Kerstin Denecke. Sie und Elena Link geben Hinweise, die sich in sechs Schritte zum bestmöglichen Prompten gliedern lassen.Der Chatbot bekommt eine Rolle: Wer Chat-GPT, Gemini oder anderen Chatbots eine feste Rolle zuweist, verbessert die Antwort der künstlichen Intelligenz. Hat man zum Beispiel eine Frage zu einer merkwürdig aussehenden Stelle auf der Haut, so kann man dem Chatbot laut Kerstin Denecke zu Beginn erst einmal sagen: «Du bist ein Arzt, der sich besonders gut mit Hauterkrankungen auskennt, und ich bin dein Patient.»Kontext liefern: Die Kommunikationswissenschafterin Elena Link empfiehlt: «Teilen Sie dem Chatbot mit, warum Sie ihm diese Frage stellen, wie dringend das Problem ist, welches Ziel Sie haben. Schreiben Sie auch in aller Kürze, welche anderen Erkrankungen Sie haben, weil das womöglich relevant ist.»Symptome detailliert beschreiben: Nun kommt der Kern des Prompts. Kerstin Denecke sagt: «Stellen Sie sich wirklich vor, Sie sprechen mit einem Arzt. Was würde er wissen wollen?» Als Beispiel ergänzt sie: «Wie sieht zum Beispiel die Hautveränderung aus? Beeinträchtigt sie mich? Was spüre ich? Juckt es, brennt es, tut es weh? Wie lange ist das schon da?»Den Chatbot um Rückfragen bitten: Es ist nicht einfach, an alle relevanten Informationen zu denken. Deshalb kann es hilfreich sein, die KI um Nachfragen zu bitten, falls noch etwas fehlt.Eine differenzierte Antwort verlangen: Chatbots wollen ihre Nutzerinnen und Nutzer zufriedenstellen. Deshalb tendieren sie dazu, die Annahmen des Fragenden zu bestätigen. Um zu vermeiden, dass die künstliche Intelligenz aufgrund einprogrammierter Nettigkeit falsch antwortet, kann man sie um Ausgewogenheit bitten. Elena Link nennt als Beispiel für eine solche Anweisung: «Ich möchte verschiedene Möglichkeiten reflektieren. Sei in deiner Antwort differenziert und ergebnisoffen.»Um Quellen bitten: «Bitte gib Quellen für deine Aussagen an»: Solch ein Satz ist sinnvoll, damit die Antwort des Chatbots überprüfbar ist. Man kann den Chatbot ausserdem bitten, nur ausgewählte Quellen zu nutzen, zum Beispiel medizinische Fachjournale oder bestimmte, vertrauenswürdige Websites, die sich mit Themen rund um die eigene Frage beschäftigen. Allerdings hält er sich nicht zuverlässig daran. Das muss man also überprüfen. Kennt man sich zu wenig aus, um die Quellen einzugrenzen, sollte man überprüfen, worauf die künstliche Intelligenz verweist. Sind das Websites von anerkannten Gesundheitsorganisationen? Sind es vertrauenswürdige Medien? Oder sind es Websites, bei denen unklar ist, woher die Informationen überhaupt stammen? Letzteres wäre ein schlechtes Zeichen.Hat der Chatbot eine Antwort mit Quellenangaben geliefert, sollte man laut Elena Link unbedingt auf die verlinkten Quellen klicken – selbst wenn sie auf den ersten Blick vertrauenswürdig aussehen, weil sie augenscheinlich auf eine Behördenseite oder ein Fachjournal führen. Denn immer wieder passiert es, dass solche Links ins Leere führen. «Solche Halluzinationen, also Fehler der künstlichen Intelligenz, sind häufig, man sollte wirklich auf die Quellen klicken, um zu überprüfen: Gibt es die verlinkte Seite, und beschäftigt sie sich mit dem Thema, um das es in der Frage ging?», sagt Elena Link. Sinnvoll ist es natürlich, die Originalquelle zusätzlich zu lesen.Befunde erklären lassenBesonders geeignet finden Kerstin Denecke und Elena Link Chatbots, um sich kompliziert formulierte Befunde erklären zu lassen. Eine einfache Arbeitsanweisung – «Erkläre mir den Befund so, dass ich ihn als Laie verstehe» – könne Klarheit schaffen. «Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass der Chatbot dabei Dinge dazudichtet», sagt Link. Denn es gehe um die klare Aufgabe, Fachtermini in eine verständliche Sprache zu übersetzen.Arztgespräche vor- und nachbereitenÄrzte haben wenig Zeit. Gut vorbereitet mit den passenden Fragen zum Termin zu erscheinen, ist deshalb wichtig. Chatbots können dabei gut helfen, sagt Kerstin Denecke. «Schildern Sie Ihre Situation, nutzen Sie die künstliche Intelligenz als Sparringspartner, um die relevanten Fragen zu notieren», sagt Kerstin Denecke. Man könne dafür damit experimentieren, dem Chatbot die Rolle des Arztes, des Patienten oder einer Freundin zu geben, mit der man sich über den anstehenden Arztbesuch unterhält. Nach dem Termin könne man den Chatbot etwa nutzen, um noch offene Fragen zu stellen und sich schon einmal auf den nächsten Arztbesuch vorzubereiten.Achtung: Datenschutz und PrivatsphäreWas man in den Chatbot eingibt, gelangt ins Internet, in irgendeine Cloud, wird womöglich abgespeichert, ist jedenfalls nicht mehr ganz privat. «Am besten verwendet man ein Sprachmodell, das nur lokal auf dem eigenen Computer läuft», sagt Kerstin Denecke und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Denn diese Lösung ist zu aufwendig für die meisten Menschen.Eine andere Möglichkeit sei es, ein Sprachmodell zu nutzen, für das man sich nicht anmelden muss. Die beschriebenen gesundheitlichen Probleme landen dann zwar bei den Chatbot-Betreibern, aber immerhin könnten sie nicht mit der eigenen Person in Verbindung gebracht werden. Ein Browser im privaten Modus sorgt zusätzlich für Sicherheit. Und immer gilt: auf keinen Fall ganz persönliche Daten wie zum Beispiel Name und Geburtsdatum preisgeben.Wer sich bei einem Chatbot registriert hat, sollte laut Elena Link eine Bezahlversion nutzen. Dort könne man einstellen, dass die eigenen Daten nicht für Trainingszwecke des Sprachmodells genutzt werden. In einer Cloud abgespeichert sind sie dann aber trotzdem – und mit dem eigenen Account verknüpft. Elena Link rät dazu, vor dem Hochladen von Befunden immer darauf zu achten, dass keine persönlichen Daten wie etwa der eigene Name und die Adresse auf dem Dokument sind. Wer das beherzigt, hat ein Mindestmass dafür getan, seine Privatsphäre zu schützen.Dass man bei der Nutzung von Chatbots Informationen preisgibt und ins Internet sendet, liegt allerdings in der Natur der Sache. Wem das zu heikel ist, der sollte seine Beschwerden lieber mit dem Arzt besprechen, raten Link und Denecke. Das sollten übrigens auch all jene tun, die trotz beruhigender Antwort eines Chatbots an besorgniserregenden Beschwerden leiden. Die persönliche Einschätzung und der gesunde Menschenverstand schlagen immer noch jede künstliche Intelligenz.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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