Zehdenick hat in den vergangenen Jahrzehnten viel verloren: Einwohner, Betriebe, Perspektiven. Nun ist ein Vertreter der AfD Bürgermeister. Viele Einwohner sagen: Wir hatten gar keine andere Wahl.Wer wissen will, wie die brandenburgische Kleinstadt Zehdenick tickt, muss in die Gaststätte Schröder gehen, die letzte urige Kneipe im Ort. Man tritt ein durch eine Holztür, die wie ein Bierfass aussieht, geht dann durch einen kleinen Windfang, und schon ist man im Gastraum, einer Zeitkapsel der frühen neunziger Jahre. Senioren sitzen an den dunklen Holztischen, sie essen Schnitzel mit Champignons für 10 Euro und Spiegeleier mit Bratkartoffeln für 7 Euro 50. Das Lokal ist an diesem Mittag im Mai gut besucht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vorne, an der langen, beigen Holztheke, hängen ein paar Männer vor ihrem Pils. Die Bilder und Erinnerungsstücke an den Wänden erzählen von altem Stolz: Schwarz-Weiss-Fotos der Gaststätte, eine Standarte des Vereins der Gast- und Schankwirte mit Fransen, Mannschaftsfotos von Fussballvereinen. Gegenüber dem Tresen: ein Spielautomat. Im Radio: «Ein Herz kann man nicht reparieren», von Udo Lindenberg.Heiko Schröder führt das Lokal in vierter Generation. Für seine 57 Jahre sieht er jung aus. Leicht gebräunt, Dreitagebart, dazu ein weisses, kurzärmeliges Hemd, das die Tattoos auf den Armen freigibt. Ein zupackender Mann, der zuerst dem Mann ganz rechts am Tresen ein Pils hinstellt und mit dem Stift hinter dem Ohr einen Strich auf den Bierdeckel macht. Der dann drei Pakete St.-Hubertus-Tropfen, einen Kräuterlikör, durch das Fenster hinter der Theke entgegennimmt und schliesslich um den Tresen herumläuft, um einen neuen Gast, eine Frau mit kurzen, grauen Haaren, per Handschlag zu begrüssen: «Na, Frau Rentnerin! Schätzelein, was los?»Die Gaststätte Schröder liegt direkt am Marktplatz von Zehdenick. Seitdem der Schriftsteller Moritz von Uslar sie 2010 in seinem Buch «Deutschboden» verewigt hat, besitzt sie Kultstatus. Damals war von Uslar für drei Monate in die Kleinstadt gezogen und beschrieb den Alltag der Menschen. Nun macht der Ort wieder Schlagzeilen, dieses Mal aus politischen Gründen.Markt in Zehdenick. Seit der Wende haben vor allem Junge die Kleinstadt verlassen.Seit 2019 hat in Zehdenick kein Bürgermeister länger als drei Jahre durchgehalten.Mit René Stadtkewitz ist in Zehdenick erstmals in Brandenburg ein AfD-Politiker direkt zum Bürgermeister gewählt worden. Bei der vorherigen Wahl im Februar 2025 lagen Stadtkewitz und sein Konkurrent Alexander Kretzschmar noch fast gleichauf. Damals kam es zu einer Stichwahl, die Stadtkewitz klar verlor. Nun aber, am 10. Mai, erhielt er gleich im ersten Wahlgang 58,4 Prozent der Stimmen.CDU, SPD, Linkspartei und Grüne hatten niemanden aufgestellt. «Wir haben niemanden gehabt, der kandidieren wollte», sagte der SPD-Stadtverordnete Eric Ruck nach der Wahl. Der Ortsverein habe Mitglieder verloren, viele seien auch zu alt.Auf Platz zwei landete Stephan von Hundelshausen von der FDP, ein Jurist, der für seine Partei ungewöhnlich starke 28,6 Prozent holte. Er wohnt allerdings im Nachbarort Häsen. Danach kamen der parteilose Wolf-Gernot Richardt und Dennis Latzke von der Partei des Fortschritts.Bei der jüngsten Bürgermeisterwahl kam Stephan von Hundelshausen von der FDP auf Platz zwei.In den vergangenen Jahren mussten viele Geschäfte in Zehdenick aufgeben.Spricht man den Gaststättenbesitzer Heiko Schröder auf den neuen Bürgermeister an, winkt der gleich ab. «Ich kann es nicht mehr hören», sagt er. «Können wir das Thema AfD mal kurz ausblenden, damit der Mann eine Chance hat?» Auch Schröder hat für Stadtkewitz gestimmt; er hat ihm auch schon gratuliert. «Sagen wir mal so: Ich hab da ein entspanntes Gefühl. Aber ich hab ihm auch gesagt: ‹René, jetzt musst du beweisen, warum wir dich gewählt haben.›»Und doch bleibt die Frage, was da eigentlich in Zehdenick geschehen ist.Um eine Antwort zu finden, muss man Jahre zurückgehen. Was man dann hört, ist eine unglaubliche Geschichte. Man lernt einen Ort kennen, dessen Einwohner von der Politik immer wieder enttäuscht wurden, weil Bürgermeister nicht gut arbeiteten oder anderweitig scheiterten. Die jüngste Wahl hat weniger mit der Stärke der AfD zu tun. Sie ist vielmehr das Ergebnis einer Politik, die die Menschen vor Ort aufgegeben hat.Neue Hoffnung für Zehdenick: René Stadtkewitz wurde mit 58,4 Prozent der Stimmen zum Bürgermeister gewählt. Früher war er in der CDU.Bröckelnder Putz, heruntergelassene RolllädenLäuft man durch Zehdenick, wird schnell deutlich, dass dieser Ort viel verloren hat. Einst war die Region das grösste Ziegeleirevier Europas, wo vor allem für das boomende Berlin Ziegel gebrannt wurden. Doch 1991 endete die Produktion. Der alte Schornstein, der an der Bahnhofstrasse hinter der Elan-Tankstelle in die Höhe ragt, ist einer der letzten Zeugen dieser Zeit. Auch viele andere Betriebe wurden nach der Wende abgewickelt.Das setzte eine Abwärtsspirale in Gang. Junge zogen weg, die Älteren blieben zurück. Der Online-Handel tat sein Übriges. Geschäfte mussten aufgeben: Connys Hauswaren, das Möbelhaus Jysk oder der Getränkebasar, ein Kultladen, der Bier, Zigaretten und Süssigkeiten verkaufte und den es schon zu DDR-Zeiten gab. Jüngste Schliessung: das Schuhhaus Mehl direkt am Markt. Durch die Glastür blickt man nur noch in weite, leere Räume.Die Wohnhäuser, die die Strassen säumen, sind niedrig und oft braun, grau oder ockerfarben. Zwar wurden viele Gebäude modernisiert und Fassaden rosa, hellgrün oder weiss gestrichen. Doch oft bröckelt der Putz, Rollläden wurden heruntergelassen, Folien hinter Fensterglas geklebt. Früher gab es im Ort siebzehn Kneipen, so erzählt man es sich, heute ist die Gaststätte Schröder die letzte. Zehdenick braucht wieder Leben, das sagt jeder, den man fragt.Die Gaststätte Schröder ist die letzte urige Kneipe im Ort. Der Schriftsteller Moritz von Uslar verewigte sie in seinem Buch «Deutschboden».Die Hastbrücke in Zehdenick, eines der Wahrzeichen der Stadt. Ihr Name rührt von ihrer Lage her: Sie führte einst in das Dorf Hast, das später eingemeindet wurde.Von der CDU zur AfDNun ruhen alle Hoffnungen auf dem neuen Bürgermeister. René Stadtkewitz hat sein Büro in der Stadtverwaltung bereits bezogen. Zweiter Stock, Raum 230. Früher war in dem zweigeschossigen, weissen Bau ein Spital. Stadtkewitz trägt ein weisses Oberhemd, das über seiner blauen Jeans hängt, darüber ein hellgraues Sakko.«Ich muss jetzt erst einmal in die Strukturen reinkommen», sagt er. Bis vor kurzem war er Geschäftsführer eines Betriebes für Sicherheitstechnik. Doch um sich ganz seiner Aufgabe als Bürgermeister widmen zu können, hat er sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen.Auf seinem Schreibtisch steht sein Laptop, auf den neue Programme gespielt werden. Etwa 60 E-Mails habe er schon erhalten, sagt Stadtkewitz, die meisten davon Glückwünsche, darunter auch von einem SPD-Bürgermeister.Auf den neuen Bürgermeister kommt viel Arbeit zu: Detail im Büro von René Stadtkewitz.Stadtkewitz vermeidet ideologische Schärfe. Er plant eine Politik mit «Augenmass und Vernunft».Stadtkewitz ist 61 Jahre alt und hat seine Kindheit und Jugend im Landkreis Oberhavel verbracht, zu dem auch Zehdenick gehört. Lange sass er für die CDU im Berliner Abgeordnetenhaus. 2009 trat er aus der Partei aus, unter anderem aus Ärger über Angela Merkel, unter deren Führung die CDU aus seiner Sicht zu sehr in die Mitte gedriftet ist. Stadtkewitz blieb Mitglied der CDU-Fraktion, wurde dort aber 2010 ausgeschlossen, nachdem er den niederländischen Rechtspopulisten und Islamgegner Geert Wilders zu einer Diskussion eingeladen hatte. Danach gründete er die rechte Kleinpartei Die Freiheit, 2024 trat er der AfD bei.Die grosse Aufmerksamkeit, die Stadtkewitz’ Wahl begleitet, hat auch mit dem brandenburgischen AfD-Landesverband zu tun. Der Verfassungsschutz stuft ihn als «gesichert rechtsextremistisch» ein. Stadtkewitz weist die Vorwürfe zurück. Das Material, das der brandenburgische Verfassungsschutz vorgelegt habe, sei noch dünner als das, was das Bundesamt für Verfassungsschutz gegen die bundesweite AfD zusammengetragen habe. Und damit sei dieses ja auch vorerst gescheitert. Die pauschale Abwertung von Menschengruppen lehne er ab, sagt Stadtkewitz: «Alles, was unsere Rechtsnormen überschreitet, ist für mich inakzeptabel.»Was er für Zehdenick plant, klingt unspektakulär. Mehr Gewerbe, mehr Wohnungen, mehr Bürgerbeteiligung, belebtere Ladenzeilen, längere Marktzeiten. Klassische Kommunalpolitik. Ideologische Schärfe meidet Stadtkewitz. Er wolle sich nicht von «politischen Narrativen» leiten lassen, sondern von «Augenmass und Vernunft».Schon vor drei Jahren zog Stadtkewitz mit seiner Familie von Berlin nach Zehdenick und baute ein Haus, mit Wärmepumpe und Solaranlage. Er wurde Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und Vorsitzender des Ausschusses für Stadtentwicklung und Bauen. Diese Erfahrung nutzte er auch im Wahlkampf. «Für euch bereits im Einsatz», stand auf seinen Plakaten. Daneben: Zehdenick verdiene Verlässlichkeit. Eine Anspielung, die vor allem mit Stadtkewitz’ Vorgängern zu tun hat.Stadtkewitz plant unter anderem, wieder mehr Geschäfte nach Zehdenick zu locken.In der Kommunalpolitik geht es vor allem um Lösungen vor Ort. Doch auch in Zehdenick gibt es AfD-Anhänger, die die migrationspolitischen Ziele der Partei unterstützen.Zahlreiche Wechsel im BürgermeisteramtAlles begann 2019, als sich der langjährige Bürgermeister, Arno Dahlenburg von der SPD, in den Ruhestand versetzen liess. Seitdem hat in Zehdenick kein Bürgermeister länger als drei Jahre durchgehalten.Zunächst wurde der unabhängige Landschaftsplaner Bert Kronenberg als Nachfolger gewählt. Doch schon zwei Jahre später forderten die Stadtverordneten seine Abwahl. Er habe «nicht geliefert», so der Vorwurf. Die Erneuerung der Stadtverwaltung, die er versprochen habe, sei gescheitert, die Umsetzung von Beschlüssen des Stadtparlaments sei mangelhaft. Um seiner Abwahl zuvorzukommen, trat Kronenberg im September 2021 freiwillig ab.Auf ihn folgte Lucas Halle von der SPD. Halle war damals 24 Jahre alt, der jüngste Bürgermeister Deutschlands. Bei seiner Wahl im Februar 2022 lag die Beteiligung zwar nur bei 27,6 Prozent – doch 88,3 Prozent der Wähler votierten für den Jungpolitiker. Halle habe geschafft, was vielen Älteren nicht gelinge, hiess es; er verkörperte Aufbruch, eine junge Politik. Medien bezeichneten ihn als «Mann der Superlative», der den Ort «umkrempeln» wolle. Zwei Jahre später gab Halle auf, aus persönlichen und gesundheitlichen Gründen. Er habe «leider nicht die nötige Kraft», die für das Amt erforderlich sei, teilte er mit.Der letzte Bürgermeister von Zehdenick, der parteilose Polizist Alexander Kretzschmar, trat sein Amt im März 2025 an. Doch bereits elf Tage später legte er eine Krankschreibung vor; von da an war er arbeitsunfähig. Im Januar dieses Jahres wählten die Bürger auch ihn ab, mit 97 Prozent.Für die Zehdenicker war die Sache damit aber nicht erledigt. Nach seiner Krankschreibung erhielt Kretzschmar weiterhin sein Gehalt, zudem hat er Versorgungsansprüche für mehrere Jahre – rechtlich zulässig, für viele Bürger aber ein Ärgernis. Laut Berechnungen der «Märkischen Allgemeinen» könnte Kretzschmar die Kommune bis zu 370 000 Euro kosten. Die NZZ hat ihn für eine Stellungnahme nicht erreicht.Eine der jüngsten Geschäftsaufgaben in Zehdenick: das Schuhhaus Mehl im Stadtzentrum.Belebtes Ladengeschäft auf andere Art.Pfarrer: Zehdenick wurde nicht verschaukelt, sondern verarschtAls Pfarrer ist es eigentlich Andreas Domkes Aufgabe, seine Worte mit Bedacht zu wählen. Spricht er jedoch über die Querelen rund um den letzten Bürgermeister, wird auch er ungewöhnlich deutlich. Domke hat in sein Büro im Pfarrhaus eingeladen, ein mit Büchern, Papieren und Gitarren vollgestopftes Zimmer. «Der Fall ist eine moralische, politische und menschliche Katastrophe», sagt er.Moralisch, weil der Verdacht aufgekommen sei, dass Alexander Kretzschmar die Zehdenicker schlicht und einfach betrogen habe, sagt Domke. Politisch, weil Kretzschmar als Parteiloser eigentlich die Chance gehabt habe, die Bürger jenseits von Parteienzugehörigkeiten zusammenzuführen. Und menschlich, weil viele Bürger, auch Domke selbst, ihm vertraut hätten.Andreas Domke, der Pfarrer der Gemeinde Zehdenick, sagt: «Der Ort wurde verarscht. Nicht verschaukelt, verarscht.»Durch seinen Beruf bekommt er viel davon mit, was die Menschen bewegt. Seine Gottesdienste besuchen zwischen 25 und 60 Leute, zu «Bibel, Blues und Bier», einer Veranstaltungsreihe in der Klosterscheune, kommen um die 100.Das Geld, das Kretzschmar noch immer erhalte, sei gar nicht das Problem. «Davon geht Zehdenick nicht kaputt», sagt der Pfarrer. «Der Ort geht aber kaputt von der enttäuschten Hoffnung. Von dem Gefühl, verarscht worden zu sein. Nicht verschaukelt, verarscht.» Diese Klarheit ist Domke wichtig.Die Gottesdienste in der Gemeinde sind noch immer gut besucht: Pfarrhaus in Zehdenick.Andreas Domke hat viel Kontakt zu den Bürgern. Zu seiner Veranstaltungsreihe «Bibel, Blues und Bier» kommen immer etwa hundert Gäste.«Was hätte man alles mit dem Geld machen können?»In der Gaststätte Schröder sind sie wegen der Sache noch immer aufgebracht. Mittlerweile ist es früher Nachmittag, die Kneipe hat sich geleert. In der Eckbank sitzt ein alter Mann allein vor seinem Bier. Zwei Männer hocken an der Theke, einer ganz rechts, der andere ganz links. Der Mann ganz rechts, mit grünem T-Shirt und schwarz-grauer Bürstenfrisur, hat schon eine ganze Weile sein Pils angeschwiegen, da bricht es aus ihm heraus: «In jedem Job hat man eine Probezeit. Warum nicht auch als Bürgermeister?»Heiko Schröder steht mit Geschirrhandtuch über der Schulter schon wieder hinter dem Tresen und zapft das nächste Bier, diesmal für den Mann am anderen Ende des Tresens. «Bist du im Job länger als sechs Wochen krank, zahlt normalerweise die Krankenkasse, und du bekommst Krankengeld», sagt Schröder. «Was hätte man alles mit dem Geld in der Stadt machen können? Die Leute haben so die Schnauze voll.»Der neue Bürgermeister René Stadtkewitz sagt, eine seiner ersten Aufgaben werde es sein, eine Bürgerversammlung zu den Windkraftanlagen in der Gegend durchzuführen, die jetzt durch grössere Anlagen ersetzt werden sollen.Passend zum Artikel
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