Nach dem Tod eines jungen Briten rücken die Sikhs und ihre zeremoniellen Messer ins ScheinwerferlichtDer Mörder des Studenten Henry Nowak hat für seine Tat einen Kirpan benutzt, einen Kurzdolch, den die Sikhs dank einer Ausnahmeregelung immer mit sich tragen dürfen. Nun ist eine Diskussion über die Sonderrechte der religiösen Minderheit entbrannt.04.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEin Sikh badet im heiligen See beim Goldenen Tempel in Amritsar mit dem Kirpan am Turban.GettyDer Mord an Henry Nowak in Southampton sorgt für Furore, weil die Polizei das Opfer verhaftete, anstatt sich sofort um dessen schwere Verletzungen zu kümmern. Der Fall rückt aber auch die britischen Sikhs in den Fokus des Interesses. Denn der Täter Vickrum Digwa, der den Studenten im Dezember mit mehreren Messerstichen tötete, gehört der indischen Glaubensgemeinschaft an. Die Tatwaffe war ein sogenannter Kirpan, ein zeremonielles Messer, das Sikhs aus religiösen Gründen auf sich tragen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Grundsätzlich ist es in Grossbritannien verboten, ein Messer mit sich zu tragen, dessen Klinge länger als 7,6 cm ist. Das Recht ist in diesem Punkt sehr streng. Bei Zuwiderhandlung drohen bis zu vier Jahre Gefängnis. Aber bei den Sikhs macht das Gesetz eine Ausnahme. Denn das Tragen eines Kirpans gehört zu ihren religiösen Pflichten. Die andern Pflichten sind: das ungeschnittene Haar, das die Männer unter einem Turban tragen, ein kleiner Holzkamm im Haar, ein eiserner Armreif und eine baumwollene, knielange Unterhose.Der Täter war besessen von WaffenIm gegenwärtigen Fall ist die gesetzliche Lage allerdings etwas verworren. Normalerweise wird in der Diaspora lediglich ein kleiner Kirpan mit einer Klinge von etwa 8 cm Länge getragen. Aber die Klinge des verwendeten Messers war länger, nämlich 21 cm. Das liegt zwar immer noch knapp im Bereich des Zulässigen; aber der Täter trug es zusätzlich zum gewöhnlichen, kleineren Kirpan auf sich. Die Verteidigung argumentierte, Digwa sei ein Mitglied des Sikh-Ordens Nihang, die gemeinhin zwei Messer mit sich führen.Das liess der Richter jedoch nicht gelten, der Digwa zu lebenslänglicher Haft verurteilte. Er wertete das lange Messer als reine Angriffswaffe, zumal sie der Täter nicht vorschriftsgemäss unter den Kleidern, sondern offen trug. Zudem fand man bei einer Hausdurchsuchung mehr als zwanzig zum Teil illegale Waffen, die nichts mit seiner Religion zu tun hatten. Der Richter schloss, der Täter sei einfach von Waffen besessen gewesen. Die Vertreter der Sikh-Gemeinschaft selbst sagten, es habe sich bei der Tatwaffe überhaupt nicht um einen Kirpan gehandelt.Mark Nowak, der Vater des Opfers, sagte, niemand sollte das Recht haben, mit einem Messer dieser Grösse durch die Strassen zu laufen. Auch Donna Jones, die zuständige Polizeibeauftragte, forderte die Regierung auf, das entsprechende Gesetz zu ändern. «Wäre dieses Messer am 3. Dezember 2025 verboten gewesen, wäre Henry Nowak heute noch am Leben», sagte sie. Die rechte Partei Reform UK fordert ein generelles Verbot des Kirpans.In Grossbritannien leben etwa 535 000 Sikhs, die meisten von ihnen im Grossraum von London und Birmingham. Eine grössere Sikh-Diaspora gibt es nur noch in Kanada. Viele migrierten in den sechziger Jahren aus Indien nach England. Etwa 70 Prozent der dort lebenden Sikhs wurden bereits im Vereinigten Königreich geboren. Die Sikhs gelten allgemein als sehr gebildet, erfolgreich und gut integriert. Sie stellen auch überdurchschnittlich viele Parlamentsmitglieder.Sikhs in Glasgow feiern am 6. April 2025 Vaisakhi, eines der wichtigsten Feste der religiösen Gemeinschaft.Jeff J Mitchell / GettyFlucht vor Pogromen in IndienIn Indien leben die 25 Millionen Sikhs vor allem im nordwestlichen Teilstaat Punjab. Ihre Religion, die auf den Gründer, den Guru Nanak Dev, im 15. Jahrhundert zurückgeht, ist monotheistisch, unterscheidet sich also deutlich vom Hinduismus. Die Sikhs lehnen auch das indische Kastenwesen ab und betonen die Gleichwertigkeit von Mann und Frau. Ihr Schöpfergott ist geschlechtsneutral. Als Zeichen gegen die soziale Hierarchisierung tragen alle Männer den Nachnamen Singh, die Frauen Kaur.Ihre Andersartigkeit brachte die Sikhs immer wieder in Konflikt mit dem Staat. Die Auseinandersetzungen kulminierten 1984, als eine radikale Gruppe mehr Autonomie für die Sikhs und den Punjab forderte. Nach erfolglosen Verhandlungen stürmten Regierungstruppen am 3. Juni den Goldenen Tempel in Amritsar, der heiligen Stadt der Sikhs. Dabei kamen Hunderte von Sikhs ums Leben. Am 31. Oktober wurde die indische Premierministerin Indira Gandhi von zwei Sikh-Leibwächtern umgebracht. Pogrome gegen die Sikhs folgten, denen Tausende zum Opfer fielen. Damals kam es zu einer zweiten Migrationswelle nach Grossbritannien.Die Sikh-Organisationen in Grossbritannien haben den Mord an Henry Nowak scharf verurteilt, warnen aber zugleich vor einer pauschalen Schuldzuweisung. In einer gemeinsamen Stellungnahme schreiben sie über das Verbrechen: «Es ist nicht repräsentativ für die Sikh-Gemeinschaft. Es handelte sich um einen einzelnen Täter.» Die Furcht vor Sippenhaftung ist verbreitet. Schon im British Sikh Report von 2025 äusserten 49 Prozent der befragten Sikhs, sie seien besorgt über eine zunehmende Anti-Sikh-Stimmung in der Bevölkerung, während 50 Prozent fürchteten, Desinformation in den sozialen Netzwerken könne Feindseligkeit gegen die Sikhs schüren.In Southampton protestieren am 2. Juni 2026 Demonstranten wegen des Mordes am Studenten Henry Nowak. Sie halten Bilder von Henry Nowak und von Handschellen in die Höhe.Isabel Infantes / ReutersImmer wieder Angriffe gegen Sikhs in GrossbritannienTatsächlich wurden seit der Urteilsverkündigung am 1. Juni bereits 15 Vorfälle gemeldet, bei denen Sikhs belästigt wurden. Am 2. Juni protestierten mehr als tausend Personen in Southampton gegen die Polizei, aber auch mit fremdenfeindlichen Parolen gegen die Migranten. Sie verletzten elf Uniformierte, als sie diese mit Steinen und Flaschen bewarfen. Nigel Farage, der Reform-UK-Chef, hatte die Bevölkerung am Vortag dazu aufgerufen, mit «purer, kalter Wut» auf das Verbrechen zu reagieren.Die Sikhs sind in den vergangenen Jahrzehnten in Grossbritannien immer wieder zur Zielscheibe von fremdenfeindlichen Übergriffen geworden. Oft hielt man sie aufgrund der langen Bärte und des Turbans fälschlicherweise für Muslime oder Islamisten. Das zeigte sich vor allem nach dem Terrorangriff vom 11. September 2001 in New York und den Bombenanschlägen vom 7. Juli 2005 in London. Manche Sikhs wurden als «Bin Ladin» beschimpft und zusammengeschlagen, in Kent und Leeds wurden Brandbomben gegen Sikh-Tempel geworfen. 2015 attackierte ein Neonazi in der walisischen Kleinstadt Mold einen Sikh mit einer Machete und versuchte ihn zu enthaupten. Auch er hielt den Angegriffenen für einen Islamisten. Ebenfalls zu einem Anstieg der Gewalt gegen Sikhs kam es 2016 nach dem Brexit-Referendum.Mark Nowak, der Vater des Mordopfers, hatte wohl befürchtet, dass der Tod seines Sohnes Henry für fremdenfeindliche Aktionen instrumentalisiert werden könnte. Vor den Medien sagte er: «Wir wollen nicht, dass sein Tod genutzt wird, um weitere Spaltung, Hass oder Spannungen zu erzeugen.»Passend zum Artikel
Sikhs in Grossbritannien: Kirpan-Debatte nach dem Mord an Henry Nowak
Der Mörder des Studenten Henry Nowak hat für seine Tat einen Kirpan benutzt, einen Kurzdolch, den die Sikhs dank einer Ausnahmeregelung immer mit sich tragen dürfen. Nun ist eine Diskussion über die Sonderrechte der religiösen Minderheit entbrannt.












