Кока-Кола – der kyrillische Schriftzug leuchtete als Sonne des Kapitalismus in die Weite der russischen Finsternis und war der Flucht- und Schlusspunkt einer Legende, gesetzt von Bert Neumann. Das Lichtobjekt gehörte zu einem Bühnenbild, das, wie immer bei dem legendären Volksbühnen-Chefdesigner, mehr war als ein illustrierter Spielraum, und das seine letzte Theater-Neuerfindung bleiben sollte. Bühne und Zuschauersaal bildeten eine riesige Fläche, die kein Innenraum mehr zu sein schien, sondern eine Welt, die nur in eine Richtung von Holzhäusern und einem Kirchlein verbrettert und verrammelt war, ansonsten offen stand.

Die Stühle waren ausgebaut, der Boden war mit Asphalt ausgegossen, die Wände hatten sich scheinbar aufgelöst, Neumann hatte sie mit schwarzem Lametta verhängt: Nacht in glänzenden Streifen. Man versank in Sitzsäcken, während Castorfs Karamasow-Brüder übereinander herfielen, epidemisches Liebesleiden ausbrach und Götterfunken knallten.

Theaterschüsse und Herzensstiche

Wenn es einem zu viel oder zu finster wurde, konnte man den Kopf in den Nacken fallen lassen und so den Blick abwenden. Hinter einem prangten leuchtend, als Gegenpol und Insel in der Seelentiefseegrabenschwärze, besagte Leuchtstoff-Buchstaben in Kyrillisch. Das Lichtobjekt summt und knistert noch in den geistigen Ohren und flackert wie in den amerikanischen Filmen, die Edward Hopper nacheiferten, und in denen es meistens nieselt, damit die Lichter sich in den Pfützen spiegeln können.