Vorneweg: Es wäre ganz leicht, draufzuhauen auf all die Influencerinnen, zumal aus der Warte einer analog Ostsozialisierten, die Frauengleichberechtigung schon mit der Muttermilch aufgesogen hat. Haben wir den Männern jahrelang Paroli geboten, damit sich heutzutage junge Frauen im Netz beim Zähneputzen oder Pickelausdrücken zeigen und damit das Einfallstor für noch mehr Selbstbezogenheit und Narzissmus in dieser Gesellschaft öffnen?

Es wäre ebenfalls ein Leichtes, diese Frauen als „InFAULencerinnen“ zu zeihen, denn inzwischen wissen auch wir Älteren, wie sehr man hinterher sein muss, um immer wieder neuen Content zu kreieren, der die Follower bei der Stange hält und neue generiert. Doch wie immer im Leben: Es ist kompliziert.

Wenn der Kapitalismus die Bühne dazu bietet

Natürlich wissen wir alle längst, dass die meisten dieser Kanäle keine Fenster zur Wirklichkeit sind, sondern sorgfältig dekorierte Schaufenster. Dass der Alltag dort inszeniert und Intimität verscherbelt wird, dass Spontaneität geplant und selbst das vermeintlich Unperfekte oft Teil des Konzepts ist. Und während inzwischen nun überall auf der Welt junge Frauen stundenlang ein neues Beautykonzept oder einfach nur ihr Leben als Dreifachmutter zur Schau stellen, muss man einfach mal konstatieren, dass natürlich jeder das Recht hat (zumal in diesen Zeiten), sich sein Geld zu verdienen, wie er will, wenn der Kapitalismus ihm eine Bühne dafür bietet. Auch wenn diese Bühne ganz sicher nicht dazu beiträgt, die Durchschnittsintelligenz der Erdbevölkerung zu mehren. Mitnichten.