ErklärtStatine senken das Cholesterin – mit weniger Nebenwirkungen als befürchtetUm das schädliche Cholesterin in den Griff zu bekommen, verschreiben viele Ärzte Statine. Doch diesen Medikamenten werden verschiedene Nebenwirkungen nachgesagt. Eine neue Studie zeigt, dass die wenigsten davon auftreten.Adrian Ritter03.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZLeserfrage: Welche Nebenwirkungen haben Statine? Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Von Schmerzen in den Muskeln und Schlafstörungen über Depressionen bis zum Riss der Achillessehne: Die Liste möglicher Nebenwirkungen auf den Packungsbeilagen von Statinen ist lang. Allerdings haben die Blutfettsenker viel weniger Nebenwirkungen als bisher vermutet – das hat eine grosse Forschungsgruppe in diesem Jahr in einer Übersichtsstudie gezeigt. Die Forscher hatten Daten aus neunzehn hochwertigen Studien zu fünf der am häufigsten verschriebenen Statine erneut ausgewertet.Wohl & Sein antwortetIn der Rubrik «Wohl & Sein antwortet» greifen wir Fragen aus der Leserschaft rund um Gesundheit und Ernährung auf. Schreiben Sie uns an [email protected].Sechs Nebenwirkungen im FokusVon sechsundsechzig in Packungsbeilagen aufgeführten unerwünschten Nebenwirkungen konnten nur sechs mit den Statinen in Verbindung gebracht werden. Dazu gehören Muskelschmerzen und Diabetes. Gemäss Studien berichten rund 5 bis 10 Prozent der Patientinnen und Patienten, die Statine einnehmen, von Muskelschmerzen. Statine können zwar solche Beschwerden hervorrufen, allerdings ist aus anderen Studien bekannt, dass diese Muskelschmerzen nur in rund 10 Prozent der Fälle tatsächlich auf die Medikamente zurückzuführen sind. Von den vielen Patienten, die darüber klagen, hat also nur ein Bruchteil diese Beschwerden aufgrund der Mittel.Statine können auch bewirken, dass ein Patient an Diabetes erkrankt. Laut den Studienautoren steigt dieses Risiko durch die Medikamente moderat – und es hängt davon ab, wie hoch die Dosis ist. Diese Nebenwirkung sei mehrheitlich bei Personen festzustellen, deren Blutwerte sich bereits vor der Einnahme der Statine an der Schwelle zu einer Diabetesdiagnose befunden hätten.Daneben ist das Risiko vier weiterer Nebenwirkungen gemäss der Studie leicht erhöht: Manche Leberwerte werden auffällig, die Zusammensetzung des Urins kann sich verändern, und es kann zu Ödemen kommen, also zu Wasseransammlungen im Körper. Gemäss den Forschern handelt es sich dabei um mögliche Auswirkungen, die man bei einer Statin-Behandlung im Auge behalten sollte, aber nicht um eigentliche Erkrankungen.Statine lösen laut der Studie keine gravierenden Nebenwirkungen wie Krebs oder Demenz aus, wie manchmal behauptet wird. Auch sogenannte Neuropathien, also Nervenschmerzen insbesondere in den Armen und Beinen, lassen sich gemäss den Forschern nicht darauf zurückführen, dass ein Patient Statine nimmt.Newsletter «Wohl & Sein»Vertiefen Sie Ihr Wissen über Ernährung, Gesundheit und Psychologie mit unserem Newsletter «Wohl & Sein». Jeden Donnerstag in Ihrem Posteingang.Zur AnmeldungAusgeprägte Nocebo-EffekteProfessor Ulrich Laufs, Leiter der Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig, forscht selber zu den Nebenwirkungen von Statinen, war aber an der «Lancet»-Studie nicht beteiligt. Er hält diese für überaus wertvoll. Die Daten erlaubten eine weltweit einzigartig präzise Analyse der Zusammenhänge von Statinen und ihren Auswirkungen. Die Studie zeige wieder einmal: «Statine gehören zu den am besten untersuchten Medikamenten. Sie besitzen ein überaus gutes Nutzen-Risiko-Profil.» Ihr Nutzen zum Schutz der Herzgesundheit sei sehr hoch im Vergleich zu möglichen Nebenwirkungen.Gemäss Laufs berichteten in anderen Studien insgesamt rund 10 Prozent der Patientinnen und Patienten, die Statine einnahmen, von unerwünschten Nebenwirkungen. «In 90 Prozent der Fälle handelt es sich allerdings um Nocebo-Effekte», sagt Laufs. Damit ist gemeint: Man erwartet – etwa aufgrund der Packungsbeilage – eine Nebenwirkung, und in der Folge tritt sie auf. Daran beteiligt sind insbesondere Ängste, die im Körper Stressreaktionen auslösen und damit unter anderem die Schmerzempfindung steigern.Wenn die meisten der erwähnten Nebenwirkungen in Packungsbeilagen gar nicht Statinen angelastet werden können, warum werden sie dann aufgelistet? Primär, weil Arzneimittelhersteller gesetzlich verpflichtet sind, alle bekannten möglichen Nebenwirkungen mit Häufigkeiten anzugeben – auch wenn keine Kausalität nachgewiesen ist. Sollen umgekehrt Nebenwirkungen aus der Liste entfernt werden, weil sie sich nicht bestätigt haben, ist dazu ein aufwendiges regulatorisches Verfahren bei der Zulassungsbehörde nötig.Trotzdem plädieren die Autorinnen und Autoren der «Lancet»-Studie für eine solche Revision der Packungsbeilagen. Dem stimmt auch der Kardiologe Ulrich Laufs zu: «Die heutigen Informationen zu den Medikamenten erzeugen mehr Angst als nötig. Es sollten keine Nebenwirkungen aufgeführt werden, bei denen in grossen Studien bewiesen ist, dass sie gar nicht auf ein Medikament zurückzuführen sind.» Nur so könnten Patientinnen und Patienten gemeinsam mit ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten eine gute Entscheidung über den Einsatz eines Medikaments treffen.Sie haben auch eine Frage rund um Ernährung und Gesundheit? Schreiben Sie uns an [email protected].Passend zum Artikel
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