TV-Serie «Spider-Noir»: Der Schnüffler ist nun auch ein SuperheldIn der achtteiligen Marvel-Serie, die den Film noir um den Spider-Man-Mythos erweitert, spielt Nicolas Cage den Privatdetektiv Ben Reilly. Er wirkt fast so überzeugend wie Humphrey Bogart.Daniel Haas03.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSchnüffler vom Dienst: Nicolas Cage in der Rolle des Privatdetektivs Ben Reilly.dffWas war das Rollenprofil? Mann, Mitte, 50, ramponiert vom Schicksal, verfolgt von der Erinnerung an eine glorreiche Vergangenheit? Beschämt von den eigenen Fehlschlägen, dem Scheitern? Aber mit Nehmerqualitäten. Und mit jener Mischung aus Coolness und Gequältsein, die einen modernen Helden auszeichnet?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ben Reilly, der Detektiv der Serie «Spider-Noir», ist so ein Mann. Und da Nicolas Cage auch so ein Mann ist, geht die Sache auf. Cage, gebeutelt von einer Vielzahl derart schlechter Filme, dass sich jede andere Schauspielerkarriere damit erledigt hätte, ist trotz der auf Zelluloid gebannten Peinlichkeiten immer wieder zurückgekehrt, wie man so sagt. Mal in Charakterrollen in exzellenten Kinowerken («Deam Scenario»), dann in schrulligen Autorenfilmen («Pig»). Nicolas Cage und Ben Reilly: zwei Veteranen ihrer jeweiligen Branche.Der Film noir, belebt durch SuperheldenMan hätte viel falsch machen können mit dieser Historisierung des Spider-Man-Mythos. Nur weil man den Spinnenmann in Art-déco-Kulissen herumturnen lässt – die Serie spielt im New York der 1930er Jahre –, lädt sich die alte Story nicht gleich mit Glamour auf. Die Idee, den klassischen Gangsterfilm der Depressionsära, den sogenannten Film noir, mit dem Superheldengenre zu kreuzen, wäre kaum mehr als ein ästhetisches Gimmick, wenn die Stilgesten der Vergangenheit der Vorstellungswelt von Mutanten und Superkräften nichts Wesentliches hinzuzufügen hätten.Die Welt von «Spider-Noir» ist voller Superhelden.asdDas Wesentliche, das wäre nicht nur ein Look, sondern eine Haltung zum Geschehen, hier eine von Verteilungskämpfen erhitzte Moderne, die ihren Akteuren alles abverlangt, manchmal sogar das Leben. Für so eine TV-Erzählung braucht man einen Hauptdarsteller, der Modernität und Nostalgie vermitteln kann. Eben Nicolas Cage.Es ist seine Serie, auch wenn er gute Mitspieler und Mitspielerinnen hat. Brendan Gleeson («Gangs of New York») spielt den Schurken. Dick, feist und grausam, entspricht er dem Gangsterboss, wie man ihn aus Mafiafilmen kennt. Seine massige Gestalt ist stets in edlen Zwirn gehüllt, dazu der verschlagen-grimmige Blick: Mit diesem, «Snowmane» – Schneemähne – genannten Mann legt man sich nicht an. Wer es trotzdem tut, landet im Leichenschauhaus oder auf dem Grund des Hudson River.Snowmane handelt mit Drogen und Alkohol, die Prohibitionsgesetze haben ihm einen Markt eröffnet. Ein Wirtschaftskrieg entbrennt, in dem Gangster, Cops und Politiker eine Rolle spielen. Und natürlich auch eine Femme fatale, eine mysteriöse Schöne. Sie heisst Felicia (Li Jun Li), verwirrt als Nachtklubsängerin die Männer und verfolgt insgeheim einen gefährlichen Plan.Kostüm in der MottenkisteFelicia heuert Reilly an, den Schnüffler mit schäbigem Büro und herzensguter Sekretärin (Karen Rodriguez), um ihren Geliebten aufzuspüren, einen Türsteher und Bodyguard. Wie Reilly verfügt auch dieser über Superkräfte – sein Körper verwandelt sich bei ausreichend mentaler Erhitzung in eine Abrissbirne. Superhelden, das gehört zur Grundvoraussetzung dieser Geschichte, gibt es viele. Sie leben unerkannt unter den Menschen und leiden mehr unter ihren Talenten, als dass sie sie verwerten könnten. Auch Reilly hat keine Lust, ein Spiderman zu sein. Seitdem seine Frau ums Leben kam, liegt das Kostüm in der Mottenkiste. Natürlich verlangt die Lage nun nach einem Comeback.Der Detektiv, wie Cage ihn verkörpert, gehört zum Standardpersonal der Romane von Raymond Chandler und Dashiell Hammett.reDer Plot rekapituliert ziemlich genau die berühmten Vorlagen der Gangsterkrimis aus den vierziger und fünfziger Jahren. Der Detektiv, wie Cage ihn verkörpert, gehört zum Standardpersonal der Romane von Raymond Chandler und Dashiell Hammett. Auch die verruchte, insgeheim aber zartfühlende Diva entstammt dem Roman noir, also jenen Kolportage-Texten, die mit Gangsterstorys unterhielten und zugleich die Gesellschaft in scharfen Schwarz-Weiss-Kontrasten zeigten (die Serie lässt sich wahlweise in Farbe oder Schwarz-Weiss ansehen).In der Wirtschaftskrise der dreissiger Jahre wurde das Verbrechen zum Geschäftsmodell und der Mobster zum kapitalistischen Helden, wenn auch in verzerrter, düsterer Form. Der Privatdetektiv trat in diesen Filmen und Romanen der Ära als einsamer Aufklärer an, motiviert von Geld und moralischen Ansprüchen zugleich. Irgendwann kam auch er in den Strassenschluchten, Bars und Hinterhofzimmern der City unter die Räder. Die Ermittler des Roman und Film noir ermitteln immer auch in eigener Sache. Sie wollen wissen, wie weit man mit Ehre und Anstand kommen kann, ohne im Aus zu landen.Das Gute wollen, das Böse schaffenReilly landet entsprechend zwischen allen Fronten: Die Femme fatale spannt ihn für ihre Zwecke ein und Robbie (Lamorne Morris), ein so flamboyanter wie mittelloser Freelance-Journalist, ebenfalls. Eine gute Story, eine wertvolle Information oder womit immer man Geld machen kann in diesen prekären Zeiten: Reilly soll es liefern, und dass er dabei ins Visier mächtiger Gegner gerät, versteht sich von selbst.Es macht Spass, einem trotz allem Karriere-Auf-und-Ab robusten Nicolas Cage zuzuschauen, wie er das Gute will und das Böse heraufbeschwört, weil im Gewebe aus Gewalt, Leidenschaft und Geschäftssinn die Dinge zwielichtig werden und vertrackt. Seine Spinnenkräfte (einschliesslich Fäden-Verschiessen wie andere Leute Kugeln) bewahren ihn nicht davor, ein alternder Mann zu sein. Das vermittelt diesem Helden eine zerbrechliche Integrität.Auch eine Femme fatale durfte nicht fehlen im Plot: Felicia (Li Jun Li).ewrDie Dialoge sind exzellent; sie könnten in einem Raymond-Chandler-Roman stehen oder gesprochen werden von Humphrey Bogart, dem grössten Star des Film noir. «Ich hab 38 Gründe, warum Sie die Wahrheit sagen sollten», sagt ein Gangster zu Reilly und hält ihm einen Revolver, Kaliber 38, ins Gesicht. «Das ist eine 32er», lautet die Antwort. «Aber ich schätze, meinen Organen wird der Unterschied nicht gross auffallen.» Wer es also lakonisch mag und patiniert mit dem Charme der Humphrey-Bogart-Ära, wer ausserdem Nicolas Cage die Treue halten will, weil dieser aus der dunkelsten Sphäre des Kinotrash, wo Sterne und Sternchen erlöschen, immer wieder zurückkehrt, der kann sich acht Folgen lang in das Netz dieser Serie verstricken lassen.Passend zum Artikel
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