Kirby serviert auf Social Media üppiges Soul-Food für die OhrenSie hat einst Hits für Rihanna und Kanye West geschrieben. Mit ihrem neuen Album «Miss Black America» hievt die junge Sängerin aus Memphis den Southern Soul ins Tiktok-Zeitalter.Jonathan Fischer03.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenKirbys Musik nimmt die Hörer vom Hip-Hop-Klub zur Baumwollplantage und wieder zurück. Los Angeles, 2025.Momodu Mansaray / FilmMagic / GettyKirbys Geschichtsbewusstsein ist ihre Stärke. Die Sängerin mit der blonden Lockenmähne, die auf sozialen Netzwerken als «SingKirbySing» firmiert, hat die Traumata aus der Vergangenheit ihrer Heimat Mississippi ebenso in ihre Musik eingebacken wie die Soultradition. «Ich möchte nicht, dass ihr meine Musik hört, ich möchte, dass ihr sie schmeckt», sagt sie dem Publikum.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dabei inszeniert sich die geschmacksbewusste Künstlerin auch als lasziven Vamp. Und das rauchige Timbre ihrer Stimme und die üppigen Gospelchöre verweisen auf Vorbilder aus den 1970er Jahren: Ann Peebles, Betty Davis, Denise LaSalle.Tatsächlich hat die an der Stax Music Academy in Memphis und dem Berklee College of Music ausgebildete Singer-Songwriterin eine Mission: Die selbsternannte «Granddaughter of Soul» will die Ahnengeister wachrufen. Eigentlich schien das Kapitel Southern Soul so gut wie abgeschlossen. Vor rund zehn Jahren noch, nach dem Tod der Retro-Soul-Stars Sharon Jones und Charles Bradley, waren sich die Journalisten einig: So gross die schwarze Südstaatenmusik auch sein mochte, künftig würde sie nur noch als Material für Hip-Hop-Samples herhalten – oder als Hintergrund-Sound in Civil-Rights-Museen.Das Milieu von MississippiDann platzte 2022 Kirby Lauryen Dockery in die Lücke. Schon ihr Familienname atmet Bluesgeschichte. Auf den Baumwollfeldern der Dockery Plantation arbeiteten und sangen einst schon Legenden wie Charley Patton, Son House und Chester Burnett alias Howlin’ Wolf. Kirby selbst kennt das ländliche Mississippi-Milieu, ihre Grossmutter lebte lange in einem Trailer, ihr Tod hat Kirbys Song «Mama Don’t Worry» geprägt: Du hast starke Schultern, an denen wir uns alle anlehnen, singt sie da sinngemäss.Als Musikstudentin der Stax-Akademie tauchte Kirby in die Soulgeschichte ihrer Heimatstadt ein. Nun projiziert sie den traditionsreichen Sound ins Hier und Jetzt. Dabei freut sie sich über eine Million Follower allein auf Tiktok. Sie versteht es offensichtlich, mit 60-Sekunden-Clips eine maximale dramatische Wirkung zu erzielen.2012 startete Kirby ein ungewöhnliches Projekt: Sie veröffentlichte während 275 Tagen täglich einen neuen Song auf Youtube. «Die Resonanz war erst mal nicht überwältigend», erinnert sie sich. Aber die junge Frau liess sich nicht entmutigen. Sie kontaktierte berühmte Musikerkollegen auf Twitter und schickte Elijah Blake, dem erfolgreichen R’n’B-Komponisten, einen ihrer Songs. Blake war begeistert. Dank seiner Unterstützung hatte die bis dahin weitgehend Unbekannte ein Ticket nach LA in der Tasche, wo sie dann einen Vertrag mit Roc Nation unterschrieb, dem Label von Stars wie Rihanna, Alicia Keys und J. Cole.Eine Nummer für sichKirby wurde zunächst nicht selbst ins Studio geschickt. Vielmehr sollte sie Hits liefern für andere. So ist sie Mitkomponistin von Rihannas «FourFiveSeconds» und Ariana Grandes «Break Your Heart Right Back». Und für Kanye West und Paul McCartney schrieb sie «Only One». 2020 dann nahm sie ihr erstes eigenes Album auf: Auf «Sis’» verband sie klassischen Soul, Funk, Gospel und modernen R’n’B.Doch bei allen Reminiszenzen: Kirby bleibt eine Nummer für sich. Eine Songwriterin, die grosses Kino evoziert: Nicht umsonst untermalen ihre Kompositionen auch diverse Fernsehserien wie «Insecure», «The Bear», «Swarm» und zuletzt «Spider-Noir».Sechs Jahre nach dem Debüt veröffentlicht Kirby nun ihren Zweitling: «Miss Black America». Auf dem Cover die zierliche Sängerin mit der Stupsnase in weissem Hochzeitskleid mit Schleppe vor üppigem Mississippi-Grün. Als ob sie für eine Liebeserklärung heimgekommen wäre. Schon der Opener «When You Come Home» ist eine von Gospelchören getriebene Anrufung alter Geister.«Once upon a time all the kings and queens picked cotton», singt sie – die Könige und Königinnen kamen einst von den Baumwollfeldern. Im bluesigen «The Man» dann eine Abrechnung mit altem und neuem Rassismus – und der Tatsache, dass ihre berühmten Blues- und Soulidole oft mit leeren Händen aus der Welt schieden: «Can’t stand the man / can’t stand the greed / I’ve got one dollar and he got three.»Das erinnert an Nina Simones messerscharfen Polit-Jazz. Auch ihren Baumwollfarmer-Grossvater besingt Kirby und fordert «Reparations», eine Wiedergutmachung der über Jahrhunderte vererbten ökonomischen Ungleichheit zwischen Besitzern und Sklaven. Und dann ist da neben vielen klassischen Soulnummern noch «Thick N Country». Eine Beschwörung der schönen Frauen, der Backyard-Partys und der Gun-and-Liquor-Culture ihrer Heimat.Der Ruf der AhnenDer analoge Vintage-Sound der Aufnahmen ist der erfahrenen Crew des Labels Daptone und den Produzenten Thomas Brenneck und Homer Steinweiss zu verdanken, die einst an den Erfolgen von Amy Winehouse beteiligt waren.Die Soulsängerin selbst sagt von sich, sie sei ein «slow burn». Jemand, der es nicht eilig hat – nicht mit den Hits, nicht mit den grossen Preisen. Doch wer sich die Zeit nimmt, den entführt «Miss Black America» vom Hip-Hop-Klub zur Baumwollplantage und wieder zurück. «Ich stelle mir vor», sagt Kirby, «dass meine Ahnen auf mich herabschauen und rufen: Mein Mädchen, du lebst unsere Träume, du machst uns stolz.»Passend zum Artikel