Kaum hat Delivery Hero-Chef Niklas Östberg seinen Rückzug aus dem von ihm gegründeten Lieferdienst angekündigt, bricht ein Bieterwettstreit aus. Uber hat schon einen Preis je Aktie genannt, den es bereit wäre zu zahlen. Nun soll auch der Technologie-Investor Prosus, zu dem der Lieferando-Mutterkonzern Just Eat Takeaway gehört, Eigner nach einem Anteilserwerb gefragt haben, berichtet die „Financial Times“ (FT). Damit stünden die beiden Essenslieferanten in direkter Konkurrenz um Delivery Hero, das nach eigenen Angaben in 65 Ländern aktiv ist – und damit für Investoren Infrastruktur in attraktiven Märkten besitzt.Die Brisanz: Eigentlich sollte Prosus seinen Anteil an Delivery Hero von vormals 27,4 Prozent bis Herbst auf weniger als zehn Prozent reduzieren. Grund ist eine EU-Auflage nach der Übernahme von Just Eat Takeaway vor knapp einem Jahr. Nun hat die EU-Kommission entschieden, dass es beim Abverkauf bleibt, sie hat allerdings die Frist für Prosus verlängert. Einen Zeitraum hat sie nicht genannt. Prosus hält dem Datenanbieter LSEG zufolge aktuell knapp 17 Prozent an Delivery Hero.Uber vergrößert LieferdienstplattformProsus wollte offenbar verhindern, dass Uber bei Delivery Hero aufstockt. Doch mit der Fristverlängerung der EU hat Prosus sich zu der Übernahme von Just Eat Takeaway bekannt, die bereits abgeschlossen ist. Zudem hat Prosus jene Anteilsscheine, die bei einem Treuhänder lagen, schon zu Teilen verkauft – unter anderem an Uber. Gelingt Uber eine Übernahme von Delivery Hero, wird der Druck auf den Lieferando-Investor immer größer.Der US-Fahrdienst, der mit seiner Tochtergesellschaft Uber Eats nach eigenen Angaben in 34 Ländern Essen ausfährt, hält laut dem Finanzdienst Bloomberg derzeit direkt und über Derivate der Investmentbank Morgan Stanley knapp 37 Prozent an Delivery Hero. Gelingt Uber die Übernahme, würde das Imperium aus Fahr- und Lieferdienst immer größer. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Uber das deutsche Start-up vollständig wird übernehmen können.Uber konkurriert mit TaxisMit einer Übernahme von Delivery Hero würde Uber ein Geschäft stärken, das in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden ist. Das 2009 gegründete Unternehmen ist ursprünglich als Chauffeurdienst bekannt geworden, der mit Taxis konkurriert. Vorstandschef Dara Khosrowshahi hat es seit seinem Antritt 2017 auch mehr und mehr zum Lieferdienst gemacht.Das war anfangs zunächst vor allem Essenslieferung aus Restaurants, mittlerweile lassen sich über Uber aber diverse Produkte bestellen, von Lebensmitteln über Blumen bis zu elektronischen Geräten. Uber bietet sich auch als Kurierdienst für Pakete an. Diese Lieferangebote sind heute das wachstumsstärkste Geschäft von Uber, im vergangenen Jahr standen sie für ein Drittel des Konzernumsatzes von 52,0 Milliarden Dollar. Am höchsten war das Wachstum dabei in Europa, und Uber hat nach eigenen Angaben seinen Marktanteil in Deutschland und anderen Ländern wie Großbritannien und Frankreich ausgebaut.Mittlerweile reichen die Ambitionen des Unternehmens noch viel weiter. Uber will auch eine Buchungsplattform für Reisen werden. Auf der Uber-App lassen sich heute Autos mieten, und erst kürzlich wurde eine Allianz mit dem Reiseportal Expedia vereinbart, die es Uber-Nutzern erlaubt, Hotelzimmer zu buchen. „Uber wird eine App für alles“, sagte Khosrowshahi bei der Ankündigung der Kooperation. Die Plattform wolle einen größeren Teil des „Alltagslebens“ auf sich ziehen.„Uber One“ attraktiver machenKhosrowshahi positioniert Uber damit als eine Art „Super-App“ nach dem Vorbild chinesischer Plattformen wie Wechat, die eine Reihe verschiedener Dienste integrieren. Er geht auch einen ganz ähnlichen Weg wie der Zimmervermittler Airbnb, der seinen Aktionsradius in jüngster Zeit ebenfalls immer mehr ausgeweitet hat. Khosrowshahi hat sich freilich in der Vergangenheit auch schon von Aktivitäten getrennt, gerade auf eher futuristischen Gebieten. 2020 stieß er die Sparten für autonome Fahrtechnologien und für Flugtaxis ab.Der Ausbau der Uber-Plattform um zusätzliche Dienste ist für das Unternehmen auch ein Mittel, um seine kostenpflichtigen Abonnements unter dem Namen „Uber One“ attraktiver zu machen. Die Abonnenten müssen keine Liefergebühren bezahlen und bekommen Rabatte auf verschiedene Uber-Angebote, zum Beispiel Uber-Fahrten oder seit Kurzem in den USA auch Hotelbuchungen. Das Abonnement kostet monatlich 9,99 Dollar in den USA und 4,99 Euro in Deutschland. Kürzlich teilte Uber mit, die Marke von 50 Millionen Abonnenten überschritten zu haben.Uber war lange ein Verlustgeschäft. Erst 2023 gab es erstmals einen positiven Betriebsgewinn, Khosrowshahi beschrieb dies damals als „Wendepunkt“ für das Unternehmen. Seither ist Uber solide, profitabel und schlägt sich auch an der Börse besser. Uber kam 2019 an die Börse. Danach fiel der Aktienkurs aber sehr schnell unter den Ausgabepreis von 45 Dollar und hat diese Marke auch längere Zeit nicht erreicht. Heute kostet das Papier rund 74 Dollar, und die Marktkapitalisierung beträgt rund 150 Milliarden Dollar.Unwahrscheinlich, dass Uber Delivery Hero vollständig übernimmtDelivery Hero arbeitet ebenfalls im Plus, doch der Gewinn war 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 21 Prozent auf knapp 700 Millionen Euro zurückgegangen. Bereits vor zwei Jahren hatte Uber nach einer Tochtergesellschaft von Delivery Hero in Taiwan gegriffen: Die Amerikaner wollten sich Foodpanda 950 Millionen Dollar kosten lassen. Der Verkauf scheiterte aber am Veto der taiwanischen Kartellbehörden – Uber Eats war zu jener Zeit bereits auf der Inselrepublik aktiv und hätte dort eine zu große Marktmacht erlangt. Aufgrund der Überschneidungen in zahlreichen Ländern dürfte es schwer werden für Uber, Delivery Hero vollständig zu übernehmen.Ökonomen sprechen häufig von einem „Winner takes it all“-Markt, also dass sich ein Wettbewerber als Monopolist durchsetzt. Die Unternehmen selbst streiten das ab, und derzeit gibt der Markt ihnen recht. Der Preiskampf unter Lieferdiensten ist hart. Sie unterbieten sich regelmäßig selbst, was wiederum zu Konsolidierungen führt: Ist ein Unternehmen nicht wettbewerbsfähig, wird es geschluckt. Insbesondere während der Corona-Pandemie entstanden viele Start-ups, die es in Teilen gar nicht mehr gibt. Getir aus der Türkei hat den deutschen Lieferdienst Gorillas geschluckt und sich aus europäischen Märkten zurückgezogen. Auch Delivery Hero ist nicht mehr in Deutschland aktiv, obwohl der Firmensitz weiterhin Berlin ist.Das finnische Wolt wurde von dem US-Unternehmen Doordash übernommen, das später auch das britische Deliveroo kaufte. „Wir beobachten jeden Markt genau“, sagt Wolt-Chefin Marianne Vikkula der F.A.Z., möchte sich jedoch nicht weiter zu dem Übernahmekampf bei Delivery Hero äußern. Einen Kommentar, ob der Wolt-Mutterkonzern Doordash ein Angebot vorlegen würde, lehnte sie ab. Auch Uber sagte auf Anfrage nichts zu Übernahmeplänen für Delivery Hero.Das inoffizielle Angebot korrigierte Uber jedoch bereits nach oben. Erst offerierte der US-Konzern einem großen Anleger 33 Euro je Aktie, wenig später 38 Euro. Ein Pflichtangebot muss Uber erst vorlegen, wenn ihm 30 Prozent von Delivery Hero gehören. Derzeit sind es ohne Optionen 24,99 Prozent.„Uber sind bei Übernahmen gefühlt die Aggressivsten“Der aktivistische Investor Aspex Management aus Hongkong hat indes seine Delivery-Hero-Anteile vollständig an Uber verkauft. Aspex hatte über Monate den Druck auf Mitgründer Niklas Östberg erhöht, zwischenzeitlich auf 15 Prozent aufgestockt und einen Misstrauensantrag gegen den Chef von Delivery Hero gestellt. Dem Druck gab Ostberg Mitte Mai nach. Nun findet bei Delivery Hero einer der womöglich letzten größeren Konsolidierungsschritte weltweit statt.Größeren Spielern wird ein Eintritt in neue Märkte ermöglicht. Insbesondere Lateinamerika, der Mittlere Osten und Südkorea gelten als interessant. Delivery Hero hat sich als Anbieter für Quick Commerce in zahlreichen Ländern kleine Lager aufgebaut. Diese Chance hat der US-Fahrdienst direkt erkannt. „Uber sind bei Übernahmen gefühlt die Aggressivsten und Schnellsten“, heißt es aus dem Umfeld großer Aktionäre.Robotaxis sollen 2028 kommenIn seinem traditionellen Geschäft als Fahrdienst sieht sich Uber derweil oft Fragen gegenüber, inwiefern selbstfahrende Autos zu einer Bedrohung werden könnten. Waymo, eine Schwestergesellschaft von Google in der Alphabet-Holding, betreibt zum Beispiel in mehreren amerikanischen Städten Flotten von Robotertaxis und hat auch mit der internationalen Expansion begonnen. Uber setzt nach dem Verkauf seiner einstigen Sparte für autonome Fahrtechnologien heute auf Allianzen. Beispielsweise gibt es eine Partnerschaft mit Waymo, dessen Robotaxis in einigen US-Städten über die Uber-App bestellt werden können. In Kooperation mit Autoherstellern will Uber auch eine eigene Flotte von Robotaxis aufbauen. Im März kündigte das Unternehmen an, 10.000 vollständig autonome Fahrzeuge vom Elektroautohersteller Rivian kaufen zu wollen. Diese Robotaxis sind noch in der Entwicklung, Uber will sie erstmals 2028 einsetzen.Khosrowshahi versucht, autonomes Fahren als Chance und nicht als Bedrohung für Uber darzustellen. Er hat kürzlich gesagt, sein Unternehmen könne sich damit einen „Multi-Billionen-Dollar“-Markt erschließen. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass autonome Fahrtechnologien seiner Meinung nach noch nicht annähernd zuverlässig genug seien. Als Anbieter eines „hybriden Netzwerks“, zu dem neben Robotaxis auch menschliche Fahrer gehören, sei Uber daher in einer guten Ausgangsposition.