Es ist das Ende der Unabhängigkeit eines der größten Unternehmen, das die deutsche Start-up-Szene je hervorgebracht hat: Der amerikanische Fahrdienstvermittler Uber und der deutsche Lieferkonzern Delivery Hero haben sich auf eine Übernahme geeinigt. Das teilten beide Parteien am Donnerstag mit. Uber bietet den Aktionären demnach 41,50 Euro je Aktie in bar, was einer Unternehmensbewertung von knapp 13 Milliarden Euro entspricht. Damit hat Uber seine Offerte über 33 Euro je Aktie aus dem Mai noch einmal deutlich verbessert.Der amerikanische Konzern verpflichtet sich im Rahmen der Vereinbarung dazu, bis mindestens 2029 den Hauptsitz von Delivery Hero in Berlin beizubehalten und keine „Änderungen an der dortigen Belegschaft“ vorzunehmen. Darüber hinaus kündigte Uber an, in den kommenden fünf Jahren zwei Milliarden Euro in Deutschland zu investieren.Uber war im April bei Delivery Hero eingestiegen und besaß zuletzt knapp 25 Prozent der Anteile sowie Optionen auf weitere knapp 12 Prozent durch Finanzinstrumente. Nun verkaufte der Delivery-Hero-Großaktionär Prosus seinen Anteil von knapp 17 Prozent an Uber, das sich damit schon eine Mehrheitsbeteiligung gesichert hat. Prosus hatte sich im Zuge der Übernahme des Rivalen Just eat takeaway, in Deutschland unter dem Namen Lieferando bekannt, gegenüber der EU dazu verpflichtet, seine Anteile an Delivery Hero zu reduzieren.Größter Essenslieferdienst außerhalb von ChinaUber baut mit der Übernahme sein schon bestehendes Liefergeschäft „Uber Eats“ aus und wird zum größten Essenslieferdienst außerhalb von China. Der größte Konkurrent ist Doordash aus den Vereinigten Staaten, der in Europa mit dem Lieferdienst Wolt aktiv ist. Uber konkurriert global auch mit dem chinesischen Anbieter Meituan und eben dem kleineren Just eat takeaway.Ursprünglich ist Uber als Chauffeurdienst bekannt geworden, der mit Taxis konkurriert. Vorstandschef Dara Khosrowshahi hat das Unternehmen seit seinem Antritt 2017 aber immer stärker zum Lieferdienst ausgebaut. Über Uber lassen sich längst nicht mehr nur Restaurantessen bestellen, sondern auch Supermarktprodukte, Lebensmittel und Elektrogeräte. Uber profitiert im Liefergeschäft davon, dass es viele Kunden aus seinem Fahrtenvermittlungsgeschäft innerhalb der gleichen App auch zu „Uber Eats“ locken kann. Diese Lieferangebote sind heute das wachstumsstärkste Geschäft von Uber, im vergangenen Jahr standen sie für ein Drittel des Konzernumsatzes von 52 Milliarden Dollar.2025 liefen zusammengerechnet Bestellungen im Wert von 236 Milliarden Dollar über die Plattformen von Uber und Delivery Hero. Mit Delivery Hero wird Uber in 99 Ländern tätig sein – davon in 58 sowohl mit seiner Mobilitätssparte als auch mit seinem Lieferdienst. Bislang war Uber auf 34 Märkten mit beiden Angeboten aktiv. Besonders in Lateinamerika sind die großen Plattformen bislang nicht so stark vertreten, Uber profitiert dort jetzt von Delivery Heros Marktzugang. Auch die Geschäfte in Südkorea und im Mittleren Osten gelten als attraktiv.„Konsolidierungsphase der digitalen Plattformmärkte“In seinem Heimatmarkt Deutschland ist Delivery Hero schon lange nicht mehr aktiv. Die lokalen Märkte sind im Liefergeschäft hart umkämpft; die Margen sind niedrig, wenn das Geschäft überhaupt profitabel läuft. Deshalb haben die Anbieter in den vergangenen Jahren oft Märkte verlassen, in denen sie keine Chance mehr auf die Marktführerschaft sahen. Tobias Göbbel spricht von einer „Verschiebung der globalen Marktdynamik“. Göbbel leitet für die Unternehmensberatung Accenture in Zentral- und Osteuropa das Dienstleistungsgeschäft und kennt sich gut auf dem Liefermarkt aus. „Nachdem in den vergangenen Jahren primär Wachstum und geographische Expansion im Vordergrund standen, erleben wir jetzt eine Konsolidierungsphase der digitalen Plattformmärkte“, sagt Göbbel.„Das Liefergeschäft ist hochkompetitiv und in hohem Maße von Skaleneffekten abhängig“, hieß es denn auch von Kristin Skogen Lund, der Aufsichtsratschefin von Delivery Hero. Der Zusammenschluss mit einem „starken Partner“ sei jetzt der richtige Schritt, um die „zukünftige Wettbewerbsfähigkeit und Fähigkeit zur Wertschöpfung bestmöglich zu sichern“.Hatte ohnehin seinen Rücktritt angekündigt: Niklas Östberg, Vorstandsvorsitzender von Delivery Hero.BloombergDer Unternehmensmitgründer und langjährige Vorstandsvorsitzende Niklas Östberg stand schon lange unter dem Druck seiner Investoren, zumindest Teile des Geschäfts zu Geld zu machen. Zur Corona-Hochzeit im Jahr 2021 lag der Aktienkurs zeitweise bei mehr als 135 Euro. Mit dem Ende der Pandemie brach der Kurs ein, auch weil viele Menschen wieder stärker vor Ort einkauften und essen gingen. Mitte März fiel der Aktienkurs gar auf 14,80 Euro. Insbesondere der aktivistische Investor Aspex Management aus Hongkong hatte über die vergangenen Monate den Druck auf Östberg erhöht und schließlich einen Misstrauensantrag gestellt. Östberg kündigte daraufhin seinen Rückzug für Anfang 2027 an. Aspex hat seine Anteile später an Uber verkauft.Die Delivery-Hero-Aktie war am Donnerstagnachmittag nur gut ein Prozent im Plus und lag mit etwa 38 Euro noch deutlich unter dem Übernahmeangebot. Das dürfte damit zusammenhängen, dass Uber den Vollzug der Transaktion angesichts der vielen kartellrechtlichen Überprüfungen erst für die zweite Jahreshälfte 2027 erwartet. In vorauseilendem Gehorsam verkauft Delivery Hero in einem gesonderten Deal für 1,6 Milliarden Dollar sein Geschäft auf 14 Märkten an die Investmentgesellschaft SSW Partners aus New York – vor allem dort, wo „Uber Eats“ und Delivery Hero schon parallel aktiv sind.„Die Parteien dürften damit kartellrechtliche Risiken in bestimmten Ländern vorab identifiziert und adressiert haben“, sagt Johannes Scherzinger, Leiter der Praxisgruppe Kartellrecht & Wettbewerb der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Rödl. Aber auch in den verbleibenden Ländern dürften die Kartellbehörden genau hinschauen. „Eine intensive kartellbehördliche Prüfung ist zu erwarten“, sagt Scherzinger. Es spreche aber vieles dafür, dass die Übernahme nicht insgesamt an den Kartellbehörden scheitern werde und sich aufgrund der weitgehend lokalen Märkte etwaige Bedenken länderspezifisch lösen ließen.Unter den an SSW gehenden Gesellschaften befindet sich auch die spanische Problem-Tochtergesellschaft Glovo, die wegen der Missachtung von Beschäftigungsgesetzen Strafen in Millionenhöhe an die spanischen Behörden zahlen musste. Im Zusammenhang mit Glovo verhängte die EU zudem im vergangenen Jahr eine Kartellstrafe über 329 Millionen Euro gegen Delivery Hero. SSW soll einen strategischen Partner für die 14 Gesellschaften finden. Womöglich kommt dann auch wieder Prosus ins Spiel – die neuen niederländischen Eigner von Just eat takeaway sehen sich schließlich einem deutlich gestärkten und größeren Konkurrenten gegenüber.
Uber übernimmt Delivery Hero: Ein Lieferriese entsteht
Der amerikanische Plattformkonzern Uber kauft den Berliner Lieferdienst Delivery Hero. Damit verschieben sich die Machtverhältnisse auf dem global umkämpften Liefermarkt.










