PfadnavigationHomeReiseLänderkunde Río NegroDie Bergwelt der Anden, die Strände des Atlantiks und viel Steppenlandschaft dazwischenVon Rita SchulzeStand: 15:28 UhrLesedauer: 5 MinutenBouldern im Nahuel Huapi National ParkQuelle: picture alliance/Image Source/Manuel SulzerEine eigene Version von Nessie, so viele Papageien, wie sonst nirgends, ein Schoko-Imperium wie von Willy Wonka: Die argentinische Region Río Negro bietet Superlatives und Sonderbares. Und die Option auf Winterurlaub, wenn bei uns Sommer herrscht.Mitten in Argentinien, dort, wo die fruchtbare Pampa mit ihren Abermillionen Rindern vom rauen Patagonien mit seinen vielen Schafen abgelöst wird, liegt die Provinz Río Negro – fast so groß wie Großbritannien, aber mit gut 750.000 Einwohnern viel dünner besiedelt.Geprägt ist die Gegend von der Bergwelt der Anden, den Stränden des Atlantiks und viel Steppenlandschaft dazwischen. Der namensgebende Schwarze Fluss (Río Negro) ist mit 640 Kilometern um einiges kürzer als der gleichnamige Amazonas-Nebenstrom und fließt von der Nachbarprovinz Neuquén bis zum Atlantik.Gut 30 Kilometer oberhalb der Mündung des Flusses liegt die Provinzhauptstadt Viedma. Ihr größtes Highlight stellt ihre Geschichte dar: 1986 sollte sie im Rahmen eines Dezentralisierungsplanes Buenos Aires als Hauptstadt Argentiniens ablösen. Der Plan war bereits vom Kongress abgenickt worden; eine Wirtschaftskrise und ein Machtwechsel durchkreuzten ihn jedoch letztendlich. Optisch gibt die Nachbarstadt Carmen de Patagones auf der anderen Flussseite für Besucher einiges mehr her. Hier sind noch einige Bauten aus der Kolonialzeit erhalten.Lesen Sie auchGegründet wurde Viedma 1779 vom spanischen Entdecker Francisco de Viedma, dessen Expedition mit der Kolonisierung der Küsten Patagoniens beauftragt war. Eine Kolonisierung, die mit der Vertreibung und Ermordung der indigenen Bevölkerung, der Mapuche und Tehuelche, einherging und Argentinien zur „weißen Nation“ machte – mit Einwanderern hauptsächlich aus Italien, Spanien sowie Deutschland und der Schweiz.Sie kamen in mehreren Wellen: Zuerst waren es aktiv angeworbene Siedler für das angeblich „leere“ Land. Ab den 1930er‑Jahren kamen dann zunehmend jüdische Flüchtlinge. Nach 1945 wurde Argentinien zudem Fluchtziel deutscher NS-Verbrecher, die hier nicht selten untertauchten. Mediterrane WassertemperaturenRío Negro bietet neben ausgedehnten Steppen auch viel Strand. Entspannt urlauben lässt es sich im beliebten und oft vollen Badeort Las Grutas, der mit ähnlichen Wassertemperaturen wie das Mittelmeer punktet. Der Name bedeutet „die Grotten“ und geht zurück auf die Felshöhlen, die die Brandung hier in die Steilküste gefressen hat. Das etwas übersichtlichere Balneario El Cóndor an der Mündung des Río Negro in den Atlantik lockt mit Badespaß in Süß- und Salzwasser, breitem Sandstrand, Dünen und Steilküsten, wo die weltgrößte Papageienkolonie lebt: Etwa 35.000 Paare grüner Felsensittiche nisten hier in bis zu drei Meter tiefen Höhlen aus Sandstein und Kalk – und machen dort lautstark auf sich aufmerksam. Die Höhlen werden von Generation zu Generation weitergegeben, manche sind seit Jahrzehnten im Besitz derselben Sittichfamilien. Lesen Sie auchTierisch was los ist auch in der Seelöwenkolonie Punta Bermeja. Von einer Aussichtsplattform aus können Besucher die Meeressäuger beobachten, die ebenfalls ein Faible für Strandurlaub haben und sich in Strand und Wasser tummeln. Mit Glück lässt sich auch ein Blick auf manchmal vorbeiziehende Orcas und Glattwale erhaschen. Willkommen in der Schokoladenhauptstadt Der europäische Einfluss macht sich besonders in einem Produkt bemerkbar: Schokolade. In Bariloche, 2015 zur Schokoladenhauptstadt Argentiniens gekürt, reihen sich die Manufakturen aneinander. Besonders in der Calle Mitre fühlen sich Besucher in ein buntes Willy-Wonka-Schoko-Imperium versetzt; zu Ostern wird stets ein Stadttor im Schokodekor aufgestellt. Die Angebotspalette reicht von Zartbitter bis Vollmilch, pur oder mit Füllung, wobei das typisch argentinische Dulce de Leche, eine gekochte Zucker-Milch-Vanille-Spezialität, natürlich nicht fehlt. Pionier ist Aldo Fenoglio: Der aus Turin stammende Chocolatier kam 1947 nach Bariloche und eröffnete dort die erste Schokofabrik.Auf Schienen durch die patagonische Steppe 827 Kilometer misst die Strecke des Tren Patagónico von Viedma am Atlantik durch das weite Nichts der patagonischen Steppe bis nach Bariloche in den Anden. Der legendäre Zug, der mit Klimaanlage und Restaurant zu den am besten ausgestatteten des Landes gehört, beginnt seine Fahrt jeweils freitags um 18 Uhr und braucht für die Strecke laut Fahrplan 18,5 Stunden – vorausgesetzt, die Gleise werden nicht durch wilde Guanakos blockiert, die wilden Verwandten der Lamas. Lesen Sie auchDie Passagiere können zwischen Pullman- und Kabinenklasse wählen. Vor den Zugfenstern eröffnet sich ihnen die ganze Weite Patagoniens in gedeckten Farben: olivgrün, ockerbraun, staubgrau. Eine geradezu überwältigende Ödnis, glatt gebügelt vom immerwährenden Wind, die während der langen Fahrt zur meditativen Betrachtung einlädt.In der Schweiz ArgentiniensDas Gebiet rund um San Carlos de Bariloche in den Anden ist auch bekannt als die Schweiz Argentiniens. Und tatsächlich fühlen sich Besucher der 135.000-Einwohner-Stadt nahe der chilenischen Grenze in die Eidgenossenschaft versetzt: Häuser im Schweizer Chalet-Stil samt kitschig-fotogen davor sitzenden Bernhardinern mit Schnapsfässchen um den Hals, drumherum bewaldete Berge und Seen des Nationalparks Nahuel Huapi.Die Region ist das Wintersportziel Argentiniens zwischen Juni und Oktober. Rund um den rund 2400 Meter hohen Cerro Catedral tummeln sich dann zahlreiche Skifahrer und Snowboarder. Den Rest des Jahres kommen Angler, Wanderer, Mountainbiker, Kletterer und andere Outdoor-Fans in die Gegend. Ganzjährig schmecken Schokolade und Käsefondue, die Bariloche seinen Schweizer Einwanderern verdankt. Berühmt-berüchtigt ist die Stadt außerdem für ihre Bierkultur, die vielen Kneipen und ihr ausuferndes Nachtleben. Es ist besonders auf junge Gäste zugeschnitten, denn die Gegend ist traditionell das Ziel von argentinischen Schulklassen auf Abschlussfahrt. Das Zitat„Du und ich nackt im Nahuel Huapi, schon sehr kalt, Baby, I can tell“Diese Zeile stammt aus dem 2021 veröffentlichten Song „Nahuel Huapi“ der österreichischen Band Bilderbuch. Geschrieben haben die vier Musiker das Lied in einer Blockhütte unweit des gleichnamigen Sees. Kalt ist das Wasser hier wirklich: Zum Ende des Sommers werden gerade mal 14 Grad Celsius erreicht – Eisbaden lässt sich hier also rund ums Jahr. Der Beliebtheit des 531 Quadratkilometer großen Nahuel-Huapi-Gletschersees und des Nationalparks, der sich grenzübergreifend auch in die Provinz Neuquén erstreckt und der älteste des Landes ist, tut das keinen Abbruch. In der Sprache der Ureinwohner der Region, der Mapuche, bedeutet Nahuel Huapi so viel wie „Insel des Jaguars“. Dabei soll sich im See ein ganz anderes Tier aufhalten – wenn man den Behauptungen einiger Einheimischer glaubt: ein Seemonster namens Nahuelito, auch patagonischer Plesiosaurier genannt, also die argentinische Variante des Ungeheuers von Loch Ness.Skurriles, Rekordverdächtiges, Typisches: Weitere Teile unserer Länderkunde-Serie finden Sie hier.