PfadnavigationHomeGesundheitImpfung gegen KrebsDiese mRNA-Impfung könnte bei schwarzem Hautkrebs bahnbrechend seinStand: 14:58 UhrLesedauer: 6 MinutenWissenschaftler forschen seit Jahrzehnten zur mRNA-Impfung in der KrebsmedizinQuelle: Getty Images/Science Photo Library RF/NEMES LASZLO/SCIENCE PHOTO LIBRAErgebnisse einer fortgeschrittenen klinischen Studie zur mRNA-Impfung für Melanom-Patienten wecken Hoffnungen. Die Studienautoren sprechen von einem Meilenstein. Zu Recht?Die Zahlen klingen beeindruckend – zumindest auf den ersten Blick: Bei schwarzem Hautkrebs kann nach dem Entfernen des Tumors der Einsatz einer individuellen mRNA-Impfung zusätzlich zur Standardtherapie das Risiko für eine Rückkehr über fünf Jahre um fast die Hälfte senken. Die Gefahr für die Bildung von Fernmetastasen sank in dem Zeitraum der Studie zufolge sogar noch etwas stärker. Allerdings hat die Studie etliche Schwachpunkte.Die Studienautoren selbst sprechen von einem Meilenstein. „Unsere Studie bietet Melanom-Patienten den starken Beleg dafür, dass die Therapie mit der Intismeran-Impfung in Kombination mit einer Immuntherapie das Risiko für eine Rückkehr des Tumors senken und die klinischen Resultate bessern kann“, sagte Studienleiterin Janice Mehnert von der Grossman School of Medicine der New York University.Der US-Hersteller Moderna, der die kleine Studie zusammen mit dem Pharmakonzern Merck Sharp & Dohme (MSD) finanziert hat, visiert eine Zulassung schon im Laufe des kommenden Jahres an. In der Krebsmedizin wäre es die erste Zulassung einer mRNA-Impfung.Lesen Sie auchWeltweit bekannt wurden mRNA-Impfstoffe durch die Covid-Pandemie. Erforscht wird die Technologie aber schon seit Jahrzehnten – vor allem als Mittel, um das Immunsystem gegen Krebs zu mobilisieren. Außer für Hautkrebs wird eine Nutzung auch für weitere Tumorarten geprüft, etwa Lungenkrebs. „Unsere Resultate können andere Krebsforscher weltweit ermutigen, dass mRNA-Impfungen wie Intismeran in Kombination mit einer Immuntherapie auch gegen andere Tumore helfen könnten“, meint Mehnert.In Deutschland zählt schwarzer Hautkrebs zu den häufigsten Tumoren, mit deutlich mehr als 20.000 Neuerkrankungen pro Jahr, bei steigender Tendenz. Die Therapie käme im Falle einer Zulassung allerdings nur für wenige Tausend von ihnen infrage, sagte der Leiter des Hauttumorzentrums an der Berliner Charité, Thomas Eigentler.Lesen Sie auchFraglich ist ohnehin, ob es überhaupt zu einer Zulassung kommt. Zweifel weckt ein genauerer Blick auf die Zahlen: Die Resultate stammen aus einer sogenannten Phase-IIb-Studie. Diese wurden im Fachjournal „JCO Oncology Advances“ veröffentlicht. In diesem Stadium werden Wirkstoffe zwar schon an Patienten geprüft – aber in kleinerem Rahmen, bevor mit Phase III größere Zulassungsstudien starten. War die mRNA-Impfung wirklich effektiv?In der Untersuchung testeten Ärzte die mRNA-Impfung Intismeran in Kombination mit der Standard-Immuntherapie mit dem Checkpoint-Hemmer Pembrolizumab. 107 Männer und Frauen, denen der Tumor zuvor entfernt worden war, erhielten zwischen 2019 und 2021 die Kombination aus neun intramuskulären mRNA-Impfungen und 18 intravenösen Gaben des bewährten Präparats. In der Kontrollgruppe bekamen 50 weitere nur das Immunpräparat, ohne zusätzliche Impfung. In beiden Gruppen lag das Durchschnittsalter bei Anfang 60. Die Resultate nach einem Zeitraum von fünf Jahren wurden nun auf einem Krebskongress in Chicago vorgestellt, und zeitgleich im „Journal of Clinical Oncology“. Demnach sanken das Risiko für eine Rückkehr des Tumors – ein sogenanntes Rezidiv – um 49 Prozent und für Fernmetastasen um 59 Prozent. „Die Fünf-Jahres-Daten bestätigen frühere Daten – dass es gelingt, die Metastasenfrequenz zum aktuellen Standard um circa 50 Prozent zu reduzieren“, sagte der Dermatologe Dirk Schadendorf vom Universitätsklinikum Essen, der selbst nicht an der Studie beteiligt war. „Das Neue an diesem Update ist die Länge der Beobachtung, die die lang anhaltende Tumorkontrolle nach zwölf Monaten Therapie belegt.“Lesen Sie auchUnklar ist dagegen, ob die Kombination tatsächlich Überlebensvorteile bietet: In beiden Gruppen starben sieben Teilnehmer. Statistisch aussagekräftig ist das nicht. Zudem war die Studie nicht verblindet: Patienten und behandelnde Ärzte wussten, wer die Impfung bekommen hatte und wer nicht.Inzwischen läuft bereits eine größere Phase-3-Studie mit gut 1000 Teilnehmern. Ob sie die jetzigen Ergebnisse bestätigen wird, bleibt abzuwarten. Niels Halama vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg dämpft die Euphorie: „Die nun vorgelegten Zahlen bestätigen nur das, was man schon vorher wusste“, sagte er. „Aber die große Frage bleibt offen: Ist das wirklich relevant?“ Anders ausgedrückt: Kann die Kombination tatsächlich Leben retten? „Das wird noch zu klären sein“, so der Tumorimmunologe.Denn die Studie bestätigt auch die Bedeutung des Standardpräparats Pembrolizumab: Der Checkpoint-Inhibitor soll dafür sorgen, dass das Immunsystem die Tumorzellen angreift. Die mRNA-Impfung soll die Körperabwehr zusätzlich gezielt für spezielle Strukturen des individuellen Tumors sensibilisieren. Dazu wurde bei den Teilnehmern das entfernte Tumorgewebe analysiert. Die Impfung enthält bis zu 34 typische Eigenschaften dieser Karzinome, sogenannte Tumorantigene. Besondere Nebenwirkungen stellte das Team nicht fest.Lesen Sie auchJetzt richten sich die Blicke auf die Resultate der weltweiten Phase-3-Studie, an der auch mehrere deutsche Kliniken beteiligt sind. „Wenn die Studie ‚positiv‘ ist – das heißt, den primären Endpunkt der statistischen Verbesserung des rezidivfreien Überlebens erreicht –, wird das die Zulassung in den Vereinigten Staaten von Amerika und Europa ohne Hindernisse erlauben“, sagte Schadendorf. Das würde „einen neuen Goldstandard für Melanom-Patienten im Stadium IIB bis IIID weltweit bedeuten“ – also für jene Patienten, bei denen bereits Lymphknoten befallen sind und die eine zusätzliche Therapie nach der Entfernung des Tumors benötigen. „Wenn dies mit einem patientenspezifischen Impfstoff gelänge, würde die Impfstoffentwicklung in der Onkologie einen riesigen Schub erhalten – mit vielfältigen Auswirkungen weit über das Melanom hinaus.“DKFZ-Experte Halama sieht mit Blick auf die veröffentlichte Studie noch viele offene Fragen. „Man hat sich viel größere Unterschiede erhofft“, sagte er. „Das Bild ist mit der aktuellen Studie noch nicht klarer geworden.“ Offen bleibe die Frage, ob die Kombinationsbehandlung viele Todesfälle verhindern kann. „Da kann man skeptisch sein.“Lesen Sie auchHinzu kämen im Falle einer Zulassung weitere Fragen: Gibt es in Deutschland genug Kapazitäten, patientenspezifische Impfstoffe nach Tumorentfernung zeitnah, also binnen einiger Wochen, herzustellen? Und was würde die Therapie kosten?Carola Berking vom Universitätsklinikum Erlangen erläuterte den aufwendigen Herstellungsprozess: „Für jeden Patienten müsste individuell Tumorgewebe gewonnen und versendet und der Impfstoff hergestellt werden“, sagte die Direktorin der Hautklinik. „Die komplexe Logistik und die strengen Herstellungsrichtlinien machen die Therapie sehr teuer – es werden bereits sehr hohe Preise von über 300.000 Euro pro Patient diskutiert.“Auch Covid-Impfung wirkte gegen TumoreHalama merkte dazu an, dass unter Fachleuten die Diskussion aufgekommen sei, ob dieses aufwendige Vorgehen überhaupt notwendig ist: Grundsätzliche Fragen zum Nutzen einer personalisierten mRNA-Krebsimpfung weckte eine Studie im Oktober letzten Jahres im Fachjournal „Nature“. Darin untersuchte eine Gruppe um Adam Grippin vom Anderson Cancer Center in Houston (US-Bundesstaat Texas) ebenfalls den Nutzen einer mRNA-Impfung in Kombination mit einer Checkpoint-Immuntherapie an Menschen, die ein Melanom oder Lungenkrebs hatten.Die mRNA-Impfung steigerte über drei Jahre die Überlebenschance deutlich, insbesondere bei schwer zu behandelnden Tumoren. Der Clou: Bei dem Präparat handelte es sich nicht um einen personalisierten – auf dem eigenen Tumorerbgut – basierenden Impfstoff, sondern um eine schlichte Covid-Impfung. Die genügte offensichtlich schon, um das angeborene Immunsystem anzuregen.„Das wirklich Aufregende an unserer Arbeit besteht darin, dass sie die Möglichkeit aufzeigt, dass weithin erhältliche, kostengünstige Impfungen das Potenzial besitzen, die Effektivität bestimmter Immuntherapien drastisch zu verbessern“, sagte Erstautor Grippin damals. Auch dieses Vorgehen soll in einer größeren Phase-3-Studie geprüft werden.Angesichts der laufenden Diskussion um die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der mRNA-Technologie werden die Resultate der Intismeran-Phase-3-Studie mit Spannung erwartet. Sollte die geprüfte Kombination darin die Überlebensaussicht der Patienten klar und deutlich steigern, wäre das für die Zulassung und den ganzen Bereich ein klares Signal, sagte Halama. Sollten die Daten allerdings nicht so klar sein, könnten unter Umständen mehr Fragen zum tatsächlichen Nutzen aufkommen, glaubt er: „Das dürfte dann noch eine große Diskussion geben.“Walter Willems, dpa/ly