Ein selbst ernanntes „Genie ohne Talent“ hatte die Fluxus-Bewegung in Person von Robert Filliou bereits hervorgebracht, da erfand sich mit Bazon Brock ein „Künstler ohne Werk“. Keine abgefahrene Conceptual Art steckte dahinter, sondern ein Happening-Vermittler, der, ausgestattet mit der angemessenen Portion Egozentrik, den Kommentarbedarf der bildenden Kunst als eigenes Programm erkannte. Tatsächlich musste es ja jenseits von strenger Wissenschaft auch eine fröhliche geben und jemanden, der dem Publikum in direkter Begegnung nahebrachte, warum im Namen der Kunst so seltsame Dinge geschahen in jenen Tagen, da Klaviere zerdeppert oder einem toten Hasen die Bilder erklärt wurden. Was hat das mit dem Alltag und unserem Leben zu tun? Wie kann Kunst überhaupt dazu beitragen, die Welt zu sehen und anders zu verstehen als gewöhnlich?Bazon Brock war und ist es bis heute nicht nur um die Vermittlung von Ästhetik zu tun, vielmehr um „Ästhetik als Vermittlung“, wie er schon 1977 eine ausufernde Textsammlung überschrieb und seine Agenda auf eine Formel brachte. „Besucherschule“ lautet eine andere: Diese transitorische Anstalt sollte nicht weniger sein als „das Gegengewicht zu den künstlerischen Selbstverwirklichungsanleitungen in den Meisterklassen der Kunsthochschulen“. Brock nannte das auch „Action Teaching“. Es bekundete sich in frühen Jahren darin, dass sich der Redner vor seinen Zuhörern auf den Kopf stellte und drauflosdozierte. Dem All-over im Action Painting entsprach in der Praxis des Ästhetik-Performers der Drang, allen Assoziationen und Gedankenblitzen nachzugeben und polyfokal über Zeiten und Epochen hinweg zu argumentieren. Im Sprechen artikuliert Brock die Emphase seiner Eingebungen durch das kernige R im „Werrk“ oder das gedehnte A in der „Aarrbeit“.Die Polemosophie ist die Mutter aller DiskurseSein Entwurf passte zum Zeitgeist, als der Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann in einem Buch von 1979 „Kultur für alle“ propagierte, und er wird noch durch die Gegenwart bestätigt. Schwellenabbau, Teilhabe, Inklusion stehen heute auf den Lehrplänen der Kunstpädagogik oben, bei Brock unter den Vorzeichen einer „Polemosophie“, herkömmlich auch Disput und Diskurs genannt. Wie man das Publikum zum Hinschauen und Beurteilen ermächtigt, hat der Philosoph, Kulturwissenschaftler und Hochschullehrer in Tausenden von Auftritten in einer Praxis erprobt, die später Lecture Performance genannt werden sollte. Jeder Mensch ein Interpret, könnte das Ideal dieser Übungen lauten.Drei Lehrer, wie sie sich jeder Kunstbürger nur wünschen kann: Peter Sloterdijk, Bazon Brock und Peter Weibel am 19. Juli 2012 in der Hochschule für Gestaltung in KarlsruheHelmut FrickeSeinen Hang zum Fließtext wusste Brock in der TV-Sendung „Bilderstreit“ zu straffen, die, irgendwie passend, in der Bundeskunsthalle in Bonn aufgenommen wurde und die er bis 2008 ein Jahrzehnt lang moderierte. Mit seinen Mitstreiterinnen wie Ursula Bode oder Carla Schulz-Hoffmann hatte sich dieses Format auf 3sat als unterhaltsame Option des Formats Ausstellungsrezension etabliert, das durchaus eine Neuauflage (mit jüngerem Personal) verdient hätte. Als public intellectual alter Schule meldet sich Brock unbeugsam zu tagesaktuellen Themen zu Wort, zu Santiago Sierras hochumstrittener Intervention in der ehemaligen Synagoge in Stommeln anno 2006, die er aus einer künstlerischen Perspektive unerschrocken verteidigte, oder auch zur letzten, skandalgeschüttelten Documenta, der er Kulturalismus vorwarf.Schon in der „Ästhetik als Vermittlung“ hatte Brock für die Kunst uneingeschränkten Spielraum eingefordert, was er jüngst noch einmal bekräftigte: die radikal subjektive Stimme, die einen „sinnstiftenden Weltblick nur aus der Logik des individuellen Gestaltens heraus, ohne Unterwerfung unter religiöse Überzeugungen oder Sitten und Gebräuche der Kulturkollektive“ vorzubringen weiß. In dieser Logik liegt es, die Überformung durch Aktivismus abzulehnen. Kunst ist immer schon Risiko zur Individualität. Bei allen Pirouetten, die er bislang in seinen „Lustmärschen durch Theoriegelände“ und wohin auch immer gedreht hat, nimmt sich Bazon Brock damit selbst in die Pflicht. Am heutigen Dienstag wird er bewundernswerte neunzig Jahre alt.
Bazon Brock wird 90
Bevor die Vermittlung zum Pflichtprogramm in den Kunstmuseen wurde, hatte er schon Kunst daraus gemacht: Zum neunzigsten Geburtstag von Bazon Brock.
Der Kunstkritiker Bazon Brock wird 90 Jahre alt und prägte seit 1977 die Kunstvermittlung mit "Ästhetik als Vermittlung" sowie dem Fernsehformat "Bilderstreit". Sein partizipativer Vermittlungsansatz etablierte öffentliche Diskurse und demokratische Kunzzugänglichkeit als Standard für kritische Reflexion. --- ⚠️ **Nota**: questo articolo non riguarda tech e non è rilevante per Warptech News (testata per manager IT/CTO). Sospetto sia un errore di copia-incolla.






