Kommunikation über Kunst hat er stets kontrovers geführt. Bazon Brock ist ein Querdenker, der keinen Konflikt scheut. Und er ist medienwirksam wie kein Zweiter – eine singuläre Figur der deutschen Nachkriegsintellektualität.Jürgen Müller02.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEin Schaudenker, der immer auch um mediale Präsenz bemüht ist: Bazon Brock in einer Aufnahme von 2012.ImagoBereits sein Vorname ist Programm. Aus Jürgen Johannes Hermann wird Bazon, was auf Altgriechisch der Grosssprecher und Schwätzer bedeutet – ein Name, den ihm sein enervierter Gymnasiallehrer mit auf den Weg gab. Dies ist insofern nicht bloss anekdotisch, als Namen ästhetische Ereignisse darstellen. Max Goldt verdanken wir die charmante Sottise: «Professor Bazon Brock. Ein Name wie ein juwelenbesetzter Betonbrocken.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bazon Brock, der heute seinen 90. Geburtstag begeht, ist Teil einer Generation, die um die Verwerfungen der Geschichte weiss. Er hat sie selbst erfahren. 1936 wurde er in Pommern geboren. Sein Vater wurde von Soldaten der Sowjetarmee am Ende des Zweiten Weltkriegs erschossen. Bazon Brock flüchtete in den Westen. Zwei Jahre war er im Internierungslager in Dänemark. Er erlebte den Tod zweier Geschwister. Mit einer solchen Biografie weiss man, warum, wofür und wogegen man kämpfen muss.Ein Provokateur im besten SinnDem Studium der Germanistik und Philosophie in Frankfurt und Zürich folgten Tätigkeiten als Dozent und Professor an verschiedenen Universitäten und Kunsthochschulen. Parallel zum Studium absolvierte er am Darmstädter Landestheater eine Ausbildung zum Dramaturgen bei dem legendären Gustav Rudolf Sellner, um in Luzern am Theater zu arbeiten.Mit 24 Jahren wurde er auf Vermittlung von Martin Heidegger an die Hamburger Hochschule für bildende Künste berufen. Nur Friedrich Nietzsche war bei seiner Berufung an die Universität Basel ebenso jung. Brock ist ein geborener Lehrer, wenn man darunter Vermittlung im weitesten Sinn versteht. Er weiss zu begeistern und zu provozieren. Sein Lateinlehrer hätte seine wahre Freude daran gehabt, denn das Verb «provocare» heisst hervorrufen oder herausfordern. Ein Provokateur stiftet Gemeinschaft, indem er die hergebrachten Regeln infrage stellt.Das Werk des Jubilars zeigt, dass Kommunikation über Kunst kontrovers sein muss. Vor allem die Gegenwartskunst bedarf einer besonderen Form der Vermittlung. Brock hat dafür sogar den Begriff der Polemosophie kreiert. Polemik tut not! Wer Lehrer ist, darf nicht hochnäsig gegenüber seinen Schülern sein. Von Beuys, mit dem gemeinsam zahlreiche Aktionen entstanden sind, existiert das schöne Diktum: «Auf der Suche nach dem Dümmsten.» Brock hat dies berücksichtigt. Er wollte Wirkung.Der Professor für Ästhetik und «Grosssprecher» Bazon Brock auf einer Aufnahme von 1967.Ullstein/GettyPeter Sloterdijk hat ihn einmal respektvoll als Schaudenker bezeichnet, war er doch immer auch um mediale Präsenz bemüht. Allein die zahlreichen TV-Produktionen zur zeitgenössischen Kunst seit den 1960er Jahren sind Legende. Seine Zusammenarbeit mit Harald Szeemann für die berühmte Documenta 5 und die Konzeption der Besucherschule sind besonders hervorzuheben. Doch das allein reicht noch nicht, denn «Der Hang zum Gesamtkunstwerk» fand dann auch selbstbewusst mit einer grossen Diskussionsveranstaltung seinen Weg ins Fernsehen.Wahrheit und NichtwissenVon 1997 bis 2008 leitete Brock die Gesprächsrunde «Bilderstreit» bei 3sat. Ob Fernsehen oder Documenta, kleine Formen oder grosse Bücher – man findet ihn überall. Schaut man im Internet auf seine zahlreichen Porträts und Aktionen, sieht man einen gutaussehenden und stilbewussten Mann. Ausserdem hört man ihm gern zu. Er zeichnet sich durch eine angenehme Stimme aus.Wenn man Bazon Brock zuhört und zusieht, kann man ein wenig neidisch werden. Man erhält den Eindruck, dass es in der zeitgenössischen Kunst früher wirklich um etwas ging. Man vermisst diese Form des Authentischen als unausgesetzten Anspruch der Suche nach, nicht des Besitzes der Wahrheit, wie sie Bazon Brock pflegte.Brock lehrt, dass es eine Würde der Frage und des Nichtwissens gibt. In der Antike wurde auch Platon als Bazon und Grosssprecher bezeichnet. Am Ende von dessen Dialog «Das Trinkgelage» heisst es, dass ein und derselbe Mann fähig sein sollte, Tragödien und Komödien zu schreiben. Brock hält es so. Aus Prinzip meidet er Apokalypsen und besitzt Humor. In einem Film von Werner Nekes für die Ausstellung «Westkunst» von Kasper König hat er gleich drei Rollen übernommen: Peggy Guggenheim, Pierre Restany und Jean Dubuffet.Ein ihm gewidmeter Dokumentarfilm aus dem Jahr 2016 von Peter Sempel hat den treffenden Titel: «Bazon – Ernste Scherze». Was lehrt uns das? Mit Kunst geht Verantwortung einher. Es geht nicht um das Leiden oder die Grösse der Künstler, sondern um das Angebot zum Dialog. Heute redet man von Performativität und Diskursivität. Früher hätte man vom Unterwegssein und von den Wegen oder von der Aufführung gesprochen.«Wir haben vergessen», so schreibt Brock 1986, «dass ein Problem zu lösen immer nur heissen kann, neue Probleme zu schaffen.» Bazon Brock ist eine singuläre Figur der deutschen Nachkriegsintellektualität – Künstler, Denker, Polemiker, Performer, Lehrer und öffentlicher Störenfried produktiver Art.Passend zum Artikel
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Kommunikation über Kunst hat er stets kontrovers geführt. Bazon Brock ist ein Querdenker, der keinen Konflikt scheut. Und er ist medienwirksam wie kein Zweiter – eine singuläre Figur der deutschen Nachkriegsintellektualität.







