Die katholische Kirche sei «falsch abgebogen», meint der schweizerische Piusbruder Pascal Schreiber. Nun droht ihm die ExkommunikationIn Deutschland bildet die traditionalistische Piusbruderschaft neue Priester aus. Im Juli möchte sie den Leiter ihres Priesterseminars zum Bischof weihen – ohne päpstlichen Auftrag. Der Vatikan spricht von einem «schismatischen Akt».02.06.2026, 10.31 Uhr4 LeseminutenDer Piusbruder-Pater Pascal Schreiber leitet das Priesterseminar der Priesterbruderschaft im bayrischen Zaitzkofen.Piusbruderschaft DeutschlandDie römisch-katholische Kirche versteht sich als allumfassende Weltkirche. Unterschiedlichste Orden und Strömungen finden in ihr Platz; das Wort Schisma, Altgriechisch für «Spaltung», kommt ihren Geistlichen entsprechend selten über die Lippen. Doch die Geduld der Kirche hat Grenzen. Wenn eine Gruppe ohne päpstlichen Auftrag Priester zu Bischöfen weiht, droht sowohl den Bischöfen als auch den von ihnen geweihten Priestern der Ausschluss aus der Kirchengemeinschaft: die sogenannte Exkommunikation.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das gab es 1988 schon einmal. Damals weihte der Erzbischof Marcel Lefevbre, der Gründer der traditionalistischen Piusbruderschaft, ohne päpstliche Genehmigung vier neue Bischöfe in Écône im Kanton Wallis. Lefevbre, der Bischof Antônio de Castro Mayer und alle vier von ihnen geweihten Bischöfe wurden sofort exkommuniziert. Diese Geschichte droht sich nun zu wiederholen. Am 1. Juli möchte die Priestergemeinschaft, die die theologischen und liturgischen Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnt, ohne Zustimmung des Papstes vier neue Bischöfe weihen. Die Weihe soll wieder in Écône stattfinden. Dort hat die Bruderschaft ihren Sitz.Bisher waren alle Versuche der Piusbrüder gescheitert, den Papst für die Weihen gnädig zu stimmen. Entsprechend droht den zwei Bischöfen und ihren vier Kandidaten, zwei Franzosen, einem Amerikaner und einem Schweizer, der Ausschluss aus der Kirchengemeinschaft. Der Schweizer Kandidat heisst Pascal Schreiber, er ist 53 Jahre alt, stammt ursprünglich aus dem Aargau und leitet das Piusbrüder-Priesterseminar Herz Jesu im bayrischen Zaitzkofen. Seit die Nachricht von der baldigen Bischofsweihe in der Welt ist, hält er sich gegenüber der Öffentlichkeit bedeckt. Eine Gesprächsanfrage der NZZ blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.Das war im Dezember noch anders. Für eine Recherche dieser Zeitung über randständige Strömungen innerhalb und ausserhalb der Amtskirchen sprach Schreiber über seinen Werdegang als Priester und über die Ausbildung der Piusbrüder-Seminaristen in Zaitzkofen. Sein Priesterseminar habe regen Zulauf, sagte er. Dem Vatikan warf er vor, dass dieser mit den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils «falsch abgebogen» sei.Die Piusbrüder lehnen den Wert der Religionsfreiheit abMit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den sechziger Jahren gingen grundsätzliche Reformen einher, die aus Sicht der Piusbrüder mit der Lehre der Kirche nicht vereinbar sind. Sie stören sich etwa an der Liturgiereform: Priester halten seither Messen nicht mehr auf Kirchenlatein ab, und sie bieten das Messopfer nicht mehr mit dem Rücken zu den Gottesdienstbesuchern dar. Sie beten in der Landessprache und wenden sich den Gläubigen zu.Aber weitaus schwerer wiegen aus ihrer Sicht die doktrinären Neuinterpretationen der Kirche. Das Konzil beschloss, liberale Werte wie etwa die Religionsfreiheit anzuerkennen und Kommunikationskanäle zu nichtchristlichen Religionen aufzubauen. Die Kirche suchte beispielsweise den Dialog mit dem Islam und die Aussöhnung mit den Juden. Aus Sicht der Piusbrüder, die sich nach dem konservativen Papst Pius X. benannt hatten, weicht das den absoluten Wahrheitsanspruch des Christentums auf.Allerdings hatte die Bruderschaft bald das Problem, dass sie wegen des hohen Alters ihrer führenden Kleriker neue Bischöfe brauchte. Zu den vier Bischöfen, die sie 1988 weihte, gehörte unter anderem der Holocaustleugner Roger Williamson, den die Piusbruderschaft 2012 ausschloss. Heute sind nur noch zwei dieser vier Bischöfe am Leben, sie sind mittlerweile 67 beziehungsweise 68 Jahre alt. Um ihren Aufgaben auch in Zukunft vollumfänglich nachkommen zu können, sieht sich die Piusbruderschaft dazu genötigt, nun neue Bischöfe zu weihen. Dafür nimmt sie im äussersten Fall auch die Gefahr der Exkommunikation in Kauf.Die Exkommunikation ist die härteste Strafe des Kirchenrechts, sie ist aber umkehrbar, wenn der Ausgestossene seine Tat bereut. Doch die Piusbrüder nahmen von ihren Bischofsweihen von 1988 keinen Abstand. Trotzdem hob Papst Benedikt XVI. im Jahr 2009 den Ausschluss der Piusbrüder-Bischöfe aus der Kirchengemeinschaft auf. Er begründete seinen Gnadenakt damit, dass dieser «dem gleichen Ziel» diene wie die Strafe selbst: Es gehe darum, «noch einmal die vier Bischöfe zur Rückkehr einzuladen». Rehabilitiert waren sie damit weiterhin nicht.Nach der Bischofsweihe droht der Bruch mit RomDie Piusbrüder üben ihre Ämter solange unrechtmässig aus, wie ihr Status innerhalb der Kirche ungeklärt ist. Das ist er noch heute. Das heisst: Alle von ihnen gespendeten Sakramente sind gültig, aber kirchenrechtlich illegal. Um den Bruch zu kitten, führte Rom in den darauffolgenden Jahren den Dialog mit den Piusbrüdern und anderen Traditionalisten in einer eigens dafür eingerichteten Kommission fort. Trotz unterschiedlicher Versuche sowohl Benedikts XVI. als auch seines Nachfolgers Franziskus, den Piusbrüdern entgegenzukommen, blieben die Gespräche ohne Ergebnis.2019 löste Papst Franziskus die Kommission auf. Die Piusbruderschaft dagegen blieb bei ihrer Position, wonach wonach man weder eine eigene kirchliche Rechtsprechung beanspruche, noch eine «Parallelautorität in der Kirche» errichten wolle. Man verfolge mit den Bischofsweihen lediglich das Ziel, «den Glauben aller Zeiten zu bewahren». Sie seien in der «beispiellosen Glaubenskrise» der Gegenwart «lediglich als Dienst an den Seelen und an der Kirche» zu verstehen. Das teilte die Bruderschaft in einem Kommuniqué mit, das ihr Generalhaus in Menzingen im Kanton Zug Ende Mai veröffentlicht hatte.Papst Leo XIV. hat das offenkundig nicht überzeugt. Der Vatikan teilte mit, bei den geplanten Bischofsweihen handle es sich um einen «schismatischen Akt». Der Papst bete darum, dass die Verantwortlichen der Bruderschaft von dieser Entscheidung «wieder Abstand nehmen».Sollten die Piusbrüder am 1. Juli neue Bischöfe weihen, stünde die römisch-katholische Kirche erneut vor einem Schisma. Ob die Piusbruderschaft danach noch eine zweite Chance erhalten wird, ist fraglich.Passend zum Artikel