Der US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein soll nach Erkenntnissen des FBI und des US-Justizministeriums mehr als tausend Minderjährige und junge Frauen missbraucht haben. Recherchen des NDR, WDR und der „Süddeutschen Zeitung“ haben nun 19 Europäerinnen identifiziert, die Opfer des Milliardärs gewesen seien.Die Vorgehensweise sei immer ähnlich gewesen: Mindestens fünf vermeintliche Modelscouts seien in Europa auf der Suche nach jungen, attraktiven Frauen gewesen. Die Frauen seien mit der Aussicht auf eine Karriere als erfolgreiches Model geködert worden. Im Anschluss hätten die Scouts Epstein Fotos der Frauen vorgelegt – häufig unter Angabe von Alter und Nationalität, wie die „Tagesschau“ berichtet. Gefielen dem Milliardär die Fotos, sei in der Regel ein Kennenlerngespräch vereinbart worden.Die „Tagesschau“ berichtet exemplarisch von einer Osteuropäerin, die Mitte der 2000er-Jahre in einem spanischen Nagelstudio angesprochen worden sei. Mit Anfang 20 sei sie „natürlich total begeistert“ gewesen, „denn ich wollte schon immer Model werden“, wird die Frau zitiert. Die Frau sei nach einem Videotelefonat schließlich nach Florida gereist. Statt einer Modelkarriere hätte Epstein sie während eines zweijährigen Abhängigkeitsverhältnisses wiederholt sexuell missbraucht.Der Mann, der die junge Frau an Epstein vermittelt haben soll, taucht mehr als 1800-mal in den Akten des US-Justizministeriums auf. Er soll zwischen 2005 und 2019 Aufnahmen von mindestens 52 Frauen – meist im Alter von 18 bis 23 Jahren – an den US-Milliardär gesendet haben. Mindestens eine Betroffene soll zu dem Zeitpunkt noch minderjährig gewesen sein, recherchierten NDR, WDR und „SZ“. Unklar ist, wie viele der Frauen im Anschluss Kontakt zu Epstein hatten.Epstein war 2008 verurteilt worden, weil er eine Minderjährige zur Prostitution angestiftet hatte. Nach einem umstrittenen Deal mit der Staatsanwaltschaft saß er nur knapp 13 Monate Haft ab. Auch danach soll der angebliche Modelscout weiter Fotos an Epstein geschickt haben. Der Schwede, der in Frankreich wohnen soll, will von den strafbaren Handlungen des Milliardärs nichts gewusst haben und wies gegenüber französischen Medien jegliches Fehlverhalten zurück.Im Juli 2019 wurde Epstein erneut festgenommen und von einem Bundesgericht beschuldigt, noch viel mehr Opfer missbraucht zu haben. Am 10. August 2019 wurde er tot in seiner New Yorker Gefängniszelle aufgefunden. Nach offiziellen Angaben beging er Suizid. Hohe Dunkelziffer vermutet Auf die Spur der 19 europäischen Epstein-Opfer sind NDR, WDR und „SZ“ offenbar durch unzureichende Schwärzungen der veröffentlichten Akten des US-Justizministeriums gekommen. Die Frauen seien dadurch namentlich identifizierbar gewesen. Doch die Akten hätten weitere Dutzende Fälle von Frauen aus Europa und Russland enthalten, deren Namen nicht zweifelsfrei recherchiert werden konnten. Die Journalistinnen und Journalisten gehen daher von einer hohen Dunkelziffer an europäischen Opfern aus.Einer, der für Epstein Frauen gesucht haben soll, ist der verstorbene französische Model-Agent Jean-Luc Brunel: Brunel war 2020 festgenommen worden, ihm wurde der Missbrauch Minderjähriger zur Last gelegt. Der Franzose war ein Geschäftspartner von Epstein und stand im Verdacht, Transport und Unterkunft von Mädchen und jungen Frauen für Epstein organisiert zu haben. Brunel wurde 2022 tot in seiner Gefängniszelle aufgefunden.Der New Yorker Anwalt Arick Fudali, der elf mutmaßliche Opfer Epsteins vertritt, erzählte dem Recherchekollektiv von einer Mandantin, die 2009 im Alter von 18 Jahren von Brunel an Epstein vermittelt worden sein soll. Dieser hätte die Frau im Anschluss über einen Zeitraum von fast zwei Jahren fast 50 Mal missbraucht. Brunels Anwältin streitet alle Vorwürfe gegen ihren verstorbenen Mandanten ab. Von dem Missbrauch hätte er nichts gewusst. Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt zu mutmaßlichen Scouts Zuletzt hatte die Pariser Staatsanwaltschaft bekannt gegeben, dass im Zuge der Epstein-Ermittlungen etwa 20 Missbrauchsopfer mit der Behörde Kontakt aufgenommen hätten. „Wir hören diese Opfer an, eine gewisse Zahl davon befindet sich im Ausland“, sagte Staatsanwältin Laure Beccuau Mitte Mai dem Sender RTL. Eine der Frauen soll aus Deutschland stammen, berichtet die „Tagesschau“.Nach der Veröffentlichung Tausender Akten zu Epstein durch die US-Regierung hatte die Pariser Staatsanwaltschaft umfangreiche Ermittlungen eingeleitet. Dabei geht es insbesondere darum, diejenigen zu identifizieren, die es dem US-Milliardär ermöglichten, seine Verbrechen auch in Frankreich zu verüben – etwa indem sie ihn mit potenziellen Opfern in Kontakt brachten.Von den Beschuldigten in Frankreich wurde laut der Staatsanwältin noch niemand befragt. Zuvor sollten ihre Beziehungen zu Epstein genauer ermittelt werden, sagte Beccuau. Dazu soll die Auswertung von Daten aus Epsteins Computer, seiner Telefonate und Adressbücher beitragen. (Tsp/AFP)
Netzwerk des Sexualstraftäters Epstein: Mindestens 19 Europäerinnen sollen Opfer des US-Milliardärs sein
Mit falschen Karriereversprechen sollen vermeintliche Modelscouts Frauen aus Europa in Epsteins Netzwerk gelockt haben. Die Rekrutierung ging offenbar auch nach dessen erster Verurteilung weiter.






