Herr Schmitt, Sie beschäftigen sich als Forscher mit militärischem Wandel. Wie lernen Armeen?In dieser Hinsicht unterscheiden sich militärische Organisationen nicht wesentlich von anderen Bildungseinrichtungen. Die Nato kann man als eine Agentur gegenseitigen Lernens betrachten. Weil sie viele unterschiedliche militärische Ansätze in sich vereint, fungiert sie als ein Mechanismus, der militärisches Wissen über alle Mitgliedstaaten verteilt. Aber die effektivste Art zu lernen, ist der Krieg selbst?Krieg funktioniert als ein künstlicher Selektionsprozess. Er versetzt das Militär unter massiven Handlungszwang. Entweder es kollabiert, weil der Druck des Gegners zu groß ist. Oder es widersteht und tritt in eine Adaptionsphase ein, in der es zwischen wirksamen und zu kostspieligen Methoden zu unterscheiden lernt. Manche Armeen können mit diesem Druck besser umgehen als andere. Und das hängt vor allem von den Debatten ab, die im Vorfeld geführt werden. Sie meinen, je mehr vor einem Krieg über ihn gesprochen wurde, desto erfolgreicher eine Armee?Mit Ausbruch eines Krieges erweisen sich militärische Doktrinen meistens als obsolet. Doch statt ganz von vorne anfangen zu müssen, können Offiziere in einer guten Diskurskultur immer auf Konzepte zurückgreifen, die mal in der Debatte waren, aber vielleicht nicht weiterverfolgt wurden. Was beruhigend ist. Die Führungsebene reagiert weniger kopflos?Exakt. Bevor ein neues Strategiepapier die Instanzen regulär durchlaufen hat, vergeht im Stressfall zu viel Zeit. Aber Freunde anrufen zu können, mit denen man auf demselben Generalstabslehrgang oder im selben Jahrgang der Offiziersschule war, kann überlebenswichtig sein. Militärs sind sehr gut darin, zu optimieren, was sie bereits können, aber versagen elendiglich, ihre Kriegführung zu verändern. Wenn militärischer Wandel elementar für nationale Sicherheit ist, verstärkt sich ein gesellschaftlicher Zielkonflikt. Einerseits müssen Staaten Diskussionen auf diesem Gebiet vorantreiben, andererseits Innovationen geheim halten. Wie sollen Demokratien mit diesem Dilemma umgehen?Das Ergebnis von Debatten ist eine Doktrin, die festlegt, wie eine Streitmacht gewinnen will. Obwohl der Plan geheim ist, heißt das nicht, dass auch der militärische Diskurs vertraulich bleiben sollte. Ich glaube sogar, dass das Gegenteil wichtig ist, um möglichst viel des Feedbacks in die strategischen Überlegungen einfließen zu lassen. Die russische Diskussion über militärische Fragen war stets sehr aktiv und qualifiziert. Sogar jetzt noch wird sie zu Aspekten der Kriegsführung in Militärjournalen geführt. Dass die russischen Streitkräfte wenig geneigt sind, irgendeine Erkenntnis aus diesen Diskussionen in ihre Konzeption zu übernehmen, ist eine andere Sache. Welche Streitmacht fällt Ihnen ein, die besonders gut auf einen Krieg vorbereitet war?In der Regel sind die Angreifer besser gerüstet als die Verteidiger. Sie wollen, dass ein Krieg ausbricht, und arbeiten darauf hin. Doch nicht zuletzt der Ukraine-Krieg hat gezeigt, wie schwer Vorhersagen für drei bis fünf Monate im Voraus zu treffen sind. Denn in dieser Zeit greifen Adaptionsmechanismen, die es dem Angegriffenen ermöglichen, sich der Situation zu stellen. Die ukrainische Armee von heute ist nicht dieselbe wie im Jahr 2022. Auch das russische Militär hat Lehren aus der Tatsache gezogen, dass seine leichten Battle Groups für die Offensive in einem so großen Land viel zu schwach waren. Putins Armee war nicht gerüstet für den Krieg, den sie zu führen beabsichtigt hatte. Der Mangel an guten Beispielen ……. hat mit dem zu tun, was der große Militärtheoretiker Clausewitz den „Nebel des Krieges“ genannt hat. Denken Sie an den Golfkrieg, der 2003 die saubere Operation in der Wüste war, die es schon 1990 gegeben hatte. Bis westliche Truppen Bagdad erreichten. Wer auf einen Eroberungskrieg vorbereitet ist, muss nicht unbedingt mit Aufstandsbekämpfung umgehen können. Ich würde behaupten, dass die Wehrmacht 1940 sehr gut auf den Krieg gegen Frankreich vorbereitet war. Abschreckung durch militärische Überlegenheit ist immer noch der beste Weg, um Frieden zu sichern.Olivier SchmittSie meinen Hitlers „Blitzkrieg“, der die Entscheidung nur an einer empfindlichen Stelle herbeizuführen versuchte, statt die Fehler von 1914 zu wiederholen und auf ganzer Linie anzugreifen?Diesem Schachzug waren Jahrzehnte an Diskussionen innerhalb des deutschen Offizierskorps über den Einsatz von Panzer-Verbänden vorausgegangen. Niemand hatte so viele Optionen entwickelt wie die Wehrmacht. Interessant finde ich, dass die Lehre aus den Feldzügen in Polen und Frankreich darin bestand, dasselbe gegen die Sowjetunion zu versuchen. 1940 gut vorbereitet gewesen zu sein, ließ die Wehrmacht 1941 zu selbstbewusst in den Ostfeldzug eintreten. Auf europäischer Seite hat man sich nach 1945 an den Gedanken gewöhnt, dass Kriege unter Nationalstaaten unmöglich seien.Europa hat sein militärisches Denken zu einem gewissen Grad an die USA ausgelagert. Doch wir müssen begreifen, dass die kurze Ära nach dem Ende des Kalten Krieges eine historische Anomalie darstellte. Erstmals in der Weltgeschichte gab es ab 1990 eine Supermacht, hinter der sich alle anderen großen Mächte im selben ideologischen Lager versammelten – als Alliierte und Partner. Worauf müssen wir uns vorbereiten, wenn Frieden nicht mehr durch Abschreckung bewahrt werden kann?Abschreckung durch militärische Überlegenheit ist immer noch der beste Weg, um Frieden zu sichern. Was sich geändert hat, sind die Voraussetzungen, unter denen sie glaubhaft gemacht werden kann. Bis vor Kurzem versprachen die Amerikaner, dass ihr nuklearer Schutzschirm auch für Europa gelte. Aber die amerikanische Absicherung wird unglaubwürdig, wie jüngste Truppenreduzierungen unterstreichen. Deshalb müssen Europäer einen Weg zu einer atomaren Sicherheitsdoktrin finden, die sich nicht in einer Kopie der amerikanischen Methode erschöpft.Wie soll das gehen?Ein erster Schritt in die Richtung nuklearer Teilhabe wurde durch Frankreich unternommen. Diese Diskussion unter Atommächten wäre vor fünf Jahren undenkbar gewesen. Da die konventionelle Kriegsdoktrin für Europa stark von amerikanischen Ideen beeinflusst ist, braucht es auch hier ein Umdenken. Sie meinen die US-Doktrin der Dislokation?Das US-Militär geht davon aus, dass es durch schnelle, gezielte Militärschläge so destabilisierend auf ein gegnerisches System einwirken kann, dass dessen Wille, den Kampf fortzusetzen, gebrochen wird. Diese Strategie setzt verlässliche Geheimdienstinformationen und enorme Luftschlagkapazitäten voraus, um das gegnerische Netzwerk zu zerstören. Das ergibt Sinn, wenn man über die Ressourcen der USA verfügt. Die Probleme im Verhältnis zu Russland hatten lange damit zu tun, nicht zu verstehen, ob es sich vom Westen bedroht fühlte und eine Abschottung anstrebte oder sich als ,gierige Macht' gebärdete.Olivier SchmittIm Iran-Krieg scheint diese Strategie nicht aufzugehen. Selbst die USA können nicht wie die USA kämpfen. Es war ohnehin stets optimistisch anzunehmen, dass die Stärken des Gegners durch Angriffe auf seine Kommunikationsstruktur umgangen werden könnten. Denn der Kampfwille hat mit der Fähigkeit, sich zu orientieren, nichts zu tun. Die neue iranische Führung hat sich nach dem amerikanisch-israelischen Enthauptungsschlag, dem praktisch die gesamte Führungsebene zum Opfer fiel, schnell neu sortiert. Durch die Schließung der Straße von Hormus hat sie auf die Militäroperation mit einem Wirtschaftskrieg reagiert.In Deutschland ist der Glaube weit verbreitet, dass man, wenn man selbst nicht kriegerisch auftritt, keine Gründe liefert, angegriffen zu werden. Was halten Sie davon?Das ist das Sicherheitsdilemma. Aufrüstung führt dazu, dass der Gegner nicht wissen kann, ob eine Bewaffnung in der Absicht erfolgt, sich zu verteidigen, oder für einen Angriff bestimmt ist. Beide Seiten sind gefangen in einem Kreislauf gegenseitigen Misstrauens. Das funktioniert, wenn sie jeweils defensive Ziele verfolgen. Aber es scheitert, wenn eine Seite angreifen will, weil sie sich überlegen fühlt, und durch die fehlende Aufrüstung auf der anderen Seite in der Vorstellung bestätigt wird, es würde sich um leichte Beute handeln. Die Probleme im Verhältnis zu Russland hatten lange damit zu tun, nicht zu verstehen, ob es sich vom Westen bedroht fühlte und eine Abschottung anstrebte oder sich als „gierige Macht“ gebärdete. Die Strategie der USA: mit schnellen, gezielten Militärschlägen ein gegnerisches System so destabilisieren, dass dessen Wille, den Kampf fortzusetzen, gebrochen wird. © dpa/Planet Pix via ZUMA Press Wire/U.S Navy/U.S. Navy Was will Russland?Aus Putins Verhalten gegenüber den USA geht deutlich der Wunsch hervor, als Amerika ebenbürtig behandelt zu werden. Als einstige Großmacht will Russland den alten Status wiederherstellen. Deshalb gibt es keinen Weg, Russlands Ansprüche zu befriedigen, ohne sich selbst fundamentaler Verletzlichkeit auszusetzen. Für russische Eliten ist es schwer zu verkraften, dass das nicht nur nicht mehr der Fall ist, sondern dass China sie ersetzt hat. Unsere Aufgabe ist, die Kosten für eine militärische Auseinandersetzung so weit in die Höhe zu treiben, dass wir weder angegriffen werden noch ihre Paranoia bedienen.Was macht Deutschland zu einem lohnenden Ziel?In dem korrupten System, das die russische Oligarchie unter Putin geschaffen hat, läuft es sehr viel besser für sie selbst, wenn sie Menschen bestechen und erpressen können. Deshalb unterhält Russland lieber Beziehungen zu einzelnen schwächeren Staaten, die es seinem Willen unterwerfen kann, als zu einem wohlhabenden, vereinten und militärisch ebenbürtigen Block. Es will die Staatengemeinschaft kollabieren sehen. Dafür muss es die Integrationskraft mindern, die von Deutschland als einem Gründungsmitglied ausgeht. Trotzdem wäre es unlogisch, ein Territorium anzugreifen, das einer der größten Absatzmärkte der Welt ist.Die Russen wollen keinen Handel treiben. Die ideologische Komponente ihrer Ansprüche trifft im Westen auf eine postideologische Idealisierung der liberalen Ordnung, die rational verbrämt ist. Das heißt: Wir folgen zwar ideologischen Parametern, halten uns aber für anti-ideologisch. Die russische Führung folgt dagegen einer klaren autoritären Vorstellung davon, wie eine Gesellschaft aussehen sollte. Sie geht von einem strukturellen Konflikt mit dem Westen für die nächsten 30 Jahre aus. Das findet sich in jedem einzelnen ihrer strategischen Dokumente. Deshalb investiert sie so viel Energie und Zeit darin, europäische Länder als degenerierte, verweichlichte, kollabierende Gesellschaften darzustellen. Das Buch „Preparing for War. Strategy, Power and Military Change“ von Olivier Schmitt ist im Hurst Verlag im April 2026 erschienen. © PR/C Hurst & Co Publishers Ltd. Der Ukraine-Krieg hat eine bemerkenswerte Evolution durchlaufen. Liefert er Hinweise, wie der russische Aggressor in Schach zu halten wäre?Europäische Militärs sind sich weitgehend einig, dass sie, anders als die ukrainischen Streitkräfte, die Luftüberlegenheit erringen würden. Das mag stimmen. Dennoch bezweifle ich, dass Nato-Truppen weit auf russisches Gebiet vordringen können. Keine Regierung würde das erlauben. Die Gefahr einer nuklearen Eskalation wäre zu groß. Wir müssen von einem Szenario ausgehen, bei dem Russland einen kleinen Landgewinn verbucht, um die Nato in ihrer Reaktionsweise zu testen. Westliche Truppen müssten das Gebiet zurückerobern, ohne auf russischen Boden zu gelangen. Dadurch käme es nicht zu der Form militärischen Dilemmas, mit dem man den Gegner konfrontieren will, weil er antizipieren müsste, wo man mit welcher Stärke als Nächstes vorrücken würde. Der militärische Nachteil wäre auf europäischer Seite?Ich höre zwar immer wieder Nato-Offiziere sagen, dass sie mit Truppenbewegungen durchaus dieses oder jenes Dilemma kreieren könnten, aber das überzeugt mich nicht. Sie kämen nicht zum Zuge. Nur eine Strategie verspricht Erfolg: Erschöpfung. Wir müssen die russischen Truppen auf Nato-Gebiet von Nachschubwegen abschneiden und in einen Abnutzungskrieg verwickeln. Dafür sind ukrainische Kampferfahrungen mit Drohnen sowie Raketen unterschiedlicher Reichweite hilfreich. Wie blicken Sie als gebürtiger Franzose, der in Dänemark forscht, auf die Ankündigung des deutschen Bundeskanzlers, die größte konventionelle Armee Europas aufbauen zu wollen?Die Bundeswehr war im Kalten Krieg schon die größte Truppe in Europa. Und Deutschland hat die tiefsten Taschen. Woher sonst könnte der Anstoß für Fortschritt kommen? Wenn die Bundesregierung ihre Karten klug ausspielt, kann sie ein strategisches Umdenken im Verbund mit anderen EU-Staaten einleiten. Bei Rüstungsfragen brechen sofort nationale Differenzen auf, weil jedes Land seine eigenen Arbeitsplätze und Industrien schützt.Wenn ich mir die Verteidigungsausgaben für die nächsten zehn Jahre ansehe, fließen große Mittel verständlicherweise in die deutsche Wirtschaft. Dennoch werden kritische Systeme nach wie vor aus den USA bezogen. Es handelt sich zwar nur um etwa fünf Prozent der Militärausgaben, aber sie betreffen die am dringendsten benötigten Güter. Das ist ein Risiko. Nicht nur aus politischen Gründen. Jede Investition in amerikanische Hightech erfolgt auf Kosten eigener Spitzentechnologie. So kann man keine industrielle Basis für die Landesverteidigung entwickeln. Sollte der nächste Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte, der traditionellerweise von den USA gestellt wird, ein deutscher General sein?Wichtig fände ich nur, dass die Führungsstruktur der Nato in europäische Hände gelegt wird. Im Moment herrscht die Sorge vor, dass ein solcher Schritt den Rückzug der USA nur beschleunigen würde. Worauf ich sage: Ihr seid nur ein Meeting mit Trump von dem Moment entfernt, dass er den Stecker zieht, und etwas Besseres fällt euch nicht ein?