Neulich habe ich eine Abschiedsrede für eine frühere Kollegin gehalten. Wir kennen uns gut, deshalb war es mir wichtig, die richtigen Worte zu finden. Ich stehe inzwischen relativ häufig mit einem Mikro in der Hand vor Menschen, aber an diesem Abend war ich doch ganz schön nervös – vermutlich, weil es eben nicht nur um die Rede ging.

Spätestens dann, wenn sich alle Blicke auf einen richten, merkt man: Der Inhalt, den man vortragen will, ist nur die halbe Miete. Die andere Hälfte ist das, was man nicht wirklich notieren kann. Die Tatsache, wie man einzelne Sätze betont, in welchem Tempo man spricht, wie häufig man auf die eigenen Notizen schaut und vor allem die Frage, ob die Zuhörenden das Gefühl haben: Da meint jemand wirklich, was sie oder er sagt.

Je weiter oben Menschen auf der Karriereleiter stehen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie auf solche Situationen treffen. Spitzenjobs bringen Präsentationen, Townhalls, Moderationen gleich mit. Umso erstaunlicher ist, wie oft Organisationen stillschweigend voraussetzen, dass ihre Talente sich das unterwegs schon beibringen werden – irgendwie, irgendwo, irgendwann, zwischen Zahlen, Terminen und Verantwortung.

Vielleicht erklärt das, warum das Interview „Warum ‚Sei einfach du selbst‘ auf der Bühne ein schlechter Rat ist“, das meine Kollegin Wiebke Harms mit der Rhetorik-Coachin Friederike von Mirbach geführt hat, bei uns im vergangenen Monat einer der meistgelesenen Artikel war. Mirbach weiß, wie es ist, wenn auf der Bühne etwas schiefgeht: wenn ein Mikro ausfällt oder der Nebenmann plötzlich eine andere Geschichte erzählt als verabredet. Sie war lange Schauspielerin, heute coacht sie Topmanagerinnen und -manager – und übersetzt ihr früheres Bühnenhandwerk in Führungssituationen.