Jos Leijdekkers steht auf der Liste der meistgesuchten Kriminellen Europas, doch eigentlich weiß jeder, wo er lebt: in Sierra Leone. Das ist klar, seit der Mann, der wegen Kokainhandels in Abwesenheit zu mehr als 80 Jahren Haft verurteilt worden ist, dort Anfang 2025 in einer Neujahrsmesse gesichtet wurde.Ein Video zeigte den Präsidenten des Landes, Julius Maada Bio, in der ersten Reihe einer Kirche in seinem Heimatdorf. Zwei Reihen dahinter saß der Mann, der in seiner Heimat als „Bolle Jos“ bekannt ist, dicker Jos, einträchtig neben der Tochter des Präsidenten, Agnes Bio. Beide sollen ein Paar sein, womöglich haben sie ein gemeinsames Kind. Das dürfte der Hauptgrund sein, warum die Niederlande nicht an ihn herankommen: Er steht unter dem Schutz der Präsidentenfamilie.Am Sonntag berichtete ein frustrierter Justizminister David van Weel, dass er seit sechs Monaten von seinem Amtskollegen aus Sierra Leone dieselbe Antwort auf das niederländische Auslieferungsgesuch bekomme: „Wir arbeiten intensiv daran, die Verfahren laufen, der Polizeibericht ist fast fertig.“ Zuletzt hatte van Weel den Kollegen Mitte Mai in Genf getroffen.Der Drogenkriminelle „Bolle Jos“ wurde im Januar 2025 in Sierra Leone von der First Lady gefilmtVRT NWS/FacebookIn einem Rechtsstaat könnten die örtlichen Behörden nun einen Haftbefehl ausstellen und Leijdekkers abschieben. Doch glaubt van Weel nicht mehr daran. „Wir schätzen, dass dieser Mann monatlich Hunderte Millionen Euro verdient – in einem Land, dessen Bruttoinlandsprodukt niedriger ist als sein Einkommen“, sagte er in der Fernsehsendung „Buitenhof“. „Das wird ein solches Land natürlich völlig korrumpieren.“Mehr als 350 Millionen Euro Zuschüsse aus BrüsselDeshalb versucht die niederländische Regierung nun politischen Druck aufzubauen. In der Sendung stellte der rechtsliberale Justizminister die EU-Entwicklungshilfe für Sierra Leone infrage. „Es ist natürlich absurd, dass wir ein Land unterstützen, das gleichzeitig einem der größten Drogenhändler der Welt Unterschlupf gewährt“, sagte er.Nach Angaben der EU-Kommission sind im laufenden Finanzrahmen für 2021 bis 2027 insgesamt 352 Millionen Euro an Zuschüssen für Sierra Leone vorgesehen, viel Geld für ein Land mit bloß neun Millionen Einwohnern. Deutschland und Frankreich sind die größten bilateralen Unterstützer. Die EU-Mittel werden von der Kommission verplant. Das EU-Parlament und die Mitgliedstaaten setzen den Rahmen dafür und überwachen die Ausgaben. Einfluss nehmen könnten die Niederlande wohl nur auf den nächsten Finanzrahmen ab 2028, müssten dafür aber Unterstützer finden.Ausgeschlossen ist das nicht. Schließlich hat die spanische Polizei Anfang Mai gerade mehr als 30 Tonnen Kokain beschlagnahmt, eine Rekordmenge – auf einem Schiff, das in Sierra Leone abgelegt hatte. An Bord waren unter anderem sechs bewaffnete Niederländer. Van Weel verwies am Sonntag auf den Fall. Schon früher hatte er gesagt, die Schlüsse lägen auf der Hand – nämlich, dass Leijdekkers in ihn verwickelt sei.Spezialeinheiten planten Festnahme auf hoher SeeEin hohes Interesse an dessen Festnahme und Überstellung hat auch Belgien, wo der Drogenboss in mehreren Verfahren zu insgesamt 54 Jahren Haft verurteilt worden ist. In den Niederlanden wurden 24 Jahre Gefängnis gegen ihn verhängt, wegen groß angelegten Kokainhandels und Gewalttaten, darunter ein Auftragsmord.Weil die Auslieferung nicht vorankommt, sollen Spezialeinheiten der niederländischen Polizei und der Marine in den vergangenen Wochen schon eine Festnahme Leijdekkers’ auf hoher See geplant haben. Wie die Zeitung „De Telegraaf“ kürzlich berichtete, wurde der Kriminelle monatelang vom Geheimdienst observiert.Dabei sei herausgekommen, dass er regelmäßig mit einem Boot ins benachbarte Liberia reise, mutmaßlich zum Kokainschmuggel. Die Spezialeinheiten hätten ihn dabei in internationalen Gewässern festnehmen sollen, die niederländische Regierung habe dies angeordnet. Allerdings seien zwei Zugriffe in letzter Minute abgesagt worden – warum, ist nicht klar.