Zum „Showdown“ im großen „Kanzlertausch“-Zoff, wie ein Boulevardblatt raunte, kommt es am Montagvormittag dann doch nicht zwischen dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Auf der Vorfahrt des „Welcome Hotel“ in Meschede eilt Wüst der Limousine des Kanzlers entgegen, um ihn gleich beim Aussteigen per Handschlag willkommen zu heißen. Danach lassen sich die beiden vor einem großen CDU-Logo von dem guten Dutzend Fotografen und Kamerateams ablichten. Lächelnd stehen sie nebeneinander, die Hand aber reichen sie sich nicht noch einmal.In dem Tagungshotel mit Blick auf den Hennesee im Sauerland in Merz’ Bundestagswahlkreis findet eine zweitägige Mandatsträgerkonferenz statt. Die nordrhein-westfälischen CDU-Abgeordneten in Land, Bund und Europa wollen sich auf den beginnenden Landtagswahlkampf vorbereiten. Ende April kommenden Jahres wird in NRW ein neues Parlament gewählt. Die Strategietagung sei schon länger geplant, habe mit der „aktuellen Lage“ nichts zu tun, heißt es seit Tagen und auch am Montag noch einmal aus der Landes-CDU beschwichtigend. Und dass Merz bei der Konferenz vorbeischaue und in seiner Funktion als CDU-Bundesvorsitzender zum Auftakt zu seinen Parteifreunden spreche, bevor er zur neuen Arbeitswoche aufbreche, sei doch ganz selbstverständlich. Nach dieser vergangenen wilden Woche?Im Saal wird Merz mit lang anhaltendem Applaus von den nordrhein-westfälischen CDU-Mandatsträgern empfangen. Der CDU-Bundesvorsitzende bleibt stehen, um Hände zu schütteln, nimmt sich hier und da Zeit für ein paar Worte. Während die Journalisten den Raum verlassen müssen, tritt Wüst ans Rednerpult.Wüst nutzt die Gelegenheit zur KlarstellungWie Teilnehmer später berichten, nutzt Wüst seine Begrüßung für eine Klarstellung. Es sei ihm „nach dem Quatsch der letzten Woche wichtig“, eine Sache noch einmal deutlich zu machen. „Solche Personalspekulationen sind nicht nur Quatsch, ich will auch ausdrücklich davor warnen.“ Die Herausforderungen, vor denen Deutschland stehe, seien groß. Merz gehe diese Herausforderungen und seine Aufgaben in Deutschland und Europa als Bundeskanzler entschlossen an. „Dabei hast du, lieber Friedrich, meine volle persönliche Unterstützung und die volle Unterstützung der gesamten CDU Nordrhein-Westfalen.“Freundlichkeiten: Hendrik Wüst begrüßt Bundeskanzler Friedrich Merz am 1. Juni in Meschede.dpaIn seiner Rede geht Merz nicht auf die Wechselgerüchte ein. Vielmehr spricht der Kanzler über aktuelle politische Themen, wie Teilnehmer berichten. Wüsts freundliche Worte erwidert Merz mit Freundlichkeiten. „Ich danke Ministerpräsident Hendrik Wüst und der nordrhein-westfälischen Landesregierung für ihre Arbeit in schwieriger Zeit.“ Das Düsseldorfer Bündnis sei Vorreiter beim Thema Künstliche Intelligenz, Innovationen und Staatsmodernisierung. Den von Wüst geführten CDU-Landesverband lobt Merz als einflussreich auch in der Bundespolitik. „Noch nie war die nordrhein-westfälische CDU so stark gewesen wie heute.“Interessant könnte es nun beim Tagesordnungspunkt „Austausch zur aktuellen politischen Lage“ werden. Was läge näher, als auch die Vorgänge der vergangenen Woche zu besprechen? Aber niemand befragt den Kanzler dazu, wie Teilnehmer berichten. Das ist erstaunlich, weil jeder Mandatsträger, den man vor der Klausur von Meschede im Hintergrundgespräch um eine Einschätzung bat, freimütig von der schlechten Stimmung an der Basis erzählte. Erstaunlich ist es auch mit Blick auf jene Presseberichte vergangene Woche, es gebe angesichts der desaströsen Umfragewerte für Merz und seine schwarz-rote Bundesregierung auf der einen Seite und des Höhenflugs der in Teilen rechtsextremen AfD auf der anderen Seite unter CDU-Leuten in Berlin Überlegungen, den in demoskopischen Erhebungen gut dastehenden Ministerpräsidenten Wüst mit einem konstruktiven Misstrauensvotum zum Kanzler zu wählen.Wenn es um Wüst geht, zeigt Merz schnell NervenErstaunlich ist es schließlich, weil Merz sein Umfeld mit einer geharnischten Stellungnahme antworten ließ, die die Gerüchte erst adelten. Es handele sich um eine „naive Idee“. Sie zeuge „von einer gefährlichen Lust an der Zündelei“. Diese „wüste Spekulation“ gefährde die Stabilität im Bundestag, was angesichts der Krisen auf der Welt „doppelt fahrlässig“ sei. Ein erfahrener Mandatsträger weiß am Rand der Klausurtagung in Meschede zu berichten, Merz habe sich geärgert, dass Wüst nicht zeitig zum Telefon gegriffen und die Sache klargezogen habe. Ein anderer sagt, Wüsts Umfeld habe die Geschichte zu lange laufen lassen. Dabei könne Wüst doch alles auf sich zukommen lassen. „Wenn er die Wahl hier in Nordrhein-Westfalen gewinnt, führt bei der Bundestagswahl 2029 kein Weg an ihm vorbei.“Es ist nicht das erste Mal, dass der CDU-Vorsitzende Nerven zeigt, wenn der Name seines Parteifreunds aus NRW ins Spiel kommt. Im Sommer 2023 veröffentlichte Wüst einen Gastbeitrag in der F.A.Z. mit dem Titel „Das Herz der CDU schlägt in der Mitte“. Auf dem Weg zurück zur Regierungsverantwortung solle sich die CDU daran orientieren, was Kanzler Helmut Kohl und Kanzlerin Angela Merkel vorgemacht hätten. Friedrich Merz, den Wüst nicht einmal erwähnt hatte, kochte. Es dauerte eine Weile, bis sich Wüst und Merz zusammenrauften. Beim traditionellen Sommerfest der NRW-Landesvertretung in Berlin schoben sich die beiden dann Schulter an Schulter lächelnd durch die Menge, prosteten sich zu.Ein ähnliches Schauspiel hätten die beiden nun auch in Meschede wieder vorgeführt, sagt ein Mandatsträger, der sich als „schwer enttäuschter Merz-Fan“ beschreibt und mittlerweile überzeugt ist, dass sich dringend ganz viel zum Besseren wenden, dass „Schwarz-Rot“ endlich „liefern“ müsse. Gleichwohl seien alle froh, dass nun hoffentlich wieder Ruhe einkehre, die CDU wieder geschlossen auftrete. Bis zur Landtagswahl in NRW „rappelt es nicht mehr im Karton“, glaubt ein anderer.Merz wird noch stärker auf Wüst angewiesen seinGelegenheiten für ein Wiederaufflammen der Konflikte gibt es jedoch schon davor reichlich. Die nächste Ministerpräsidentenkonferenz am 25. Juni dürfte unter dem Eindruck der geplanten Großreformen stehen. Der ohnehin gefährlich schwelende Streit ums Geld zwischen Bund und Ländern könnte sich weiter zuspitzen, denn Merz’ Steuerreform dürfte mit Einnahmeverlusten für die Länder einhergehen. Auf Wüst wird Merz dabei bald noch mehr angewiesen sein als ohnehin: Im Herbst übernimmt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident turnusgemäß das Amt des Bundesratspräsidenten.Gegen 12.30 Uhr begleitet Wüst den Kanzler zum Ausgang des „Welcome Hotel“. Merz muss weiter zum nächsten Termin. Ein kurzer Händedruck, ein Lächeln. Zum Abschied wünscht Wüst: „Gute Fahrt!“Nach dem Mittagessen setzen die CDU-Mandatsträger ihre Klausurtagung mit einem Vortrag von Stephan Grünewald, dem Geschäftsführer des Rheingold-Instituts, fort. Er spricht zur Frage „Wie tickt Deutschland? Gestaute Bewegungsenergie und Faszinationspotenziale radikaler Parteien“. Zum Abschluss am Dienstagnachmittag sollen Manfred Güllner und Peter Matuschek vom Forsa-Institut den Teilnehmern einen tiefen Blick in die aktuellen Erkenntnisse der Demoskopie gewähren. Viel Erfreuliches dürften sie den Mandatsträgern nicht mitzuteilen haben. Denn schon die bisher bekannten Zahlen deuten darauf hin, dass sich die Unzufriedenheit in der Merz-CDU im September wieder Bahn bricht. In Sachsen-Anhalt könnte die AfD die absolute Mehrheit erringen, bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin könnte ein Linksbündnis die CDU von der Macht verdrängen. Und in Mecklenburg-Vorpommern nähert sich die CDU der Zehn-Prozent-Marke.
Kanzlerdebatte in der CDU: Friedrich Merz und Hendrik Wüst führen den Schulter-an-Schulter-Moment vor
Zum „Showdown“ zwischen Friedrich Merz und Hendrik Wüst kommt es im Sauerland nicht. Doch von Zufriedenheit kann in der NRW-CDU keine Rede sein.











