PfadnavigationHomeGeschichteLehren aus der VergangenheitWorauf Merz mit seinem AfD-NSDAP-Vergleich zieltStand: 16:29 UhrLesedauer: 6 MinutenBundeskanzler Friedrich Merz am Abend des 27. Mai 2026 in der Schützenhalle Hüsten. Das Bekenntnis zu „Glaube – Sitte – Heimat“ steht in dem Veranstaltungsort an der WandQuelle: Bernd Thissen/dpaDer Bundeskanzler nutzt einen Routinetermin für eine historische Parallelisierung. Hält seine Darstellung der seriösen Überprüfung mit geschichtswissenschaftlichen Methoden stand?Ort und Anlass waren wohl eher zufällig. Dass Friedrich Merz ausgerechnet bei einer CDU-Veranstaltung in seiner Heimatstadt Arnsberg am Mittwoch, dem 27. Mai 2026, historisch grundsätzlich wurde, folgte der Entwicklung in Berlin und dürfte kaum bewusst geplant gewesen sein. Jedenfalls bezog er hier, bei einer um etwa drei Monate verspäteten Rede zum 80. Jahrestag des ersten wesentlichen CDU-Programms von Anfang März 1946, klar zeitgeschichtlich Position. „Die CDU entstand als Lehre aus den dunkelsten Stunden unserer Geschichte“, sagte er in Hüsten, das seit 1974 zu Arnsberg gehört. Gemünzt auf die Machtübernahme der NSDAP Anfang 1933 fügte Merz hinzu: „Zu diesen dunklen Stunden unserer Geschichte gehörte die Vorgeschichte eines naiven Glaubens daran, man könne doch mit denen mal zusammenarbeiten, sie in einer Regierung einrahmen.“ Diese Lehre aus der Geschichte präge heute seine Arbeit als Kanzler.Was meint er damit – und liegt er historisch richtig? Um das zu beantworten, muss man sich einerseits die Entwicklung hin zur Machtübernahme Hitlers vor Augen führen und andererseits die Schlüsse, die das christlich-bürgerliche Lager nach 1945 daraus zog.Lesen Sie auchSeit der Reichsgründung 1871 standen sich in der deutschen Politik das katholisch geprägte Milieu und das protestantische Bürgertum unversöhnlich gegenüber – diese Konfrontation wird gegenüber dem bekannteren Konflikt mit der stark anwachsenden Arbeiterbewegung meist vergessen. Besonders im größten Teilstaat Preußen, zu dem 1815 die stark katholisch geprägten Regionen Rheinland und Westfalen gehörten, war dieser Konflikt evident, denn die Kernlande der Hohenzollern-Monarchie waren seit der Reformation weitestgehend protestantisch. Auch in der Weimarer Republik kam es zu höchstens punktueller Zusammenarbeit. Die Zentrumspartei, die als echte Volkspartei vom Klein- bis zum Großbürgertum alle Schichten des katholischen Milieus umfasste, gehörte zu den stärksten Stützen der ersten Demokratie auf deutschem Boden. Die protestantisch-konservative, teilweise reaktionäre Deutschnationale Volkspartei (DNVP) kämpfte 1919 bis 1924 gegen die Republik, bevor sie sich anschließend bis 1928 zu einer Duldung durchrang; danach schwenkte sie unter dem neuen rechtsextremen Vorsitzenden Alfred Hugenberg wieder scharf nach rechts.Lesen Sie auchAuch die Freiheitlichen der Weimarer Republik waren zerstritten, nämlich gespalten in die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) und die nationalliberale Deutsche Volkspartei (DVP). So präsentierte sich das bürgerliche Lager doppelt disparat. Lesen Sie auchÜbrigens nicht anders als die Linke, in der die radikalen Sozialisten der KPD in unterschiedlichen Konstellationen gegen die damals vorwiegend staatstragende SPD stänkerten. Schon in der Weimarer Republik gab es allerdings das Phänomen, dass die SPD-Fraktion im Reichstag weitaus linker und ideologischer agierte als sozialdemokratische Landespolitiker. So war es die Fraktion, die Anfang 1930 die an sich erfolgreich regierende Große Koalition unter dem SPD-Kanzler Hermann Müller stürzte.Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenDie folgenden zweieinhalb Jahre amtierten zwei Zentrumspolitiker als Reichskanzler: erst der Konservative Heinrich Brüning, dann der Reaktionär Franz von Papen. Bei den drei Reichstagswahlen in dieser Zeit stieg Hitlers NSDAP von zuvor 2,6 Prozent der Wählerstimmen bis auf maximal 37,3 Prozent. Vor allem die DNVP und die DVP verloren an die braune Bewegung, in kleinerem Maße auch die SPD; sogar eine (geringfügige) Wählerwanderung von der KPD zur NSDAP gab es. Einzig das Zentrum blieb mit rund zwölf Prozent der Wählerstimmen weitgehend stabil.Zuerst in den Ländern gab es eine Regierungsbeteiligung der Hitler-Partei: Im Freistaat Braunschweig entstand im Herbst 1930 eine Koalition aus DNVP und NSDAP. Doch wegen der Bedeutungslosigkeit des winzigen Landes mit gerade mal einer halben Million Einwohnern (0,75 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands) blieb das weitgehend unbemerkt. Den ersten NSDAP-Ministerpräsidenten bekam der noch deutlich kleinere Freistaat Anhalt im Mai 1932, als Folge einer Koalition der Hitler-Bewegung mit der DNVP. Im Land Oldenburg und im Freistaat Mecklenburg-Schwerin folgten im Sommer 1932 die beiden ersten braunen Alleinregierungen; in beiden Fällen hatte die NSDAP nach vorgezogenen Neuwahlen das bürgerlich-konservativ-protestantische Lager weitgehend aufgesogen.Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 ermöglichte dann eine persönliche Intrige des Reaktionärs Franz von Papen. Um sich an seiner vormaligen „grauen Eminenz“ Kurt von Schleicher zu rächen, der ihn wegen offensichtlicher Erfolglosigkeit abserviert hatte, führte Papen den Rechtsaußenflügel des Zentrums, die DNVP und den DNVP-nahen Veteranenverband „Der Stahlhelm“ zur „Kampffront Schwarz-Weiß-Rot“ zusammen, um eine NSDAP-geführte Regierung zu bilden.Lesen Sie auchDie Idee dahinter war, man könne sich Hitler und seine Massenbasis zunutze machen. Papen, eine in der deutschen Politik einmalige Kombination von Selbstüberschätzung und Naivität, brachte das auf die Formel: Man werde den NSDAP-Chef „einrahmen“ und in Wirklichkeit selbst die Macht ausüben. „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht!“, soll Papen laut dem Zeugnis des reaktionären Nazi-Gegners Ewald von Kleist-Schmenzin (im April 1945 wegen Widerstandes hingerichtet) gesagt haben.Schließlich gab sogar die Mehrheit des bis dahin standhaft rechtsstaatlich gesinnten Zentrums nach: Der Parteivorsitzende Ludewig Kaas, ein geweihter Priester, stimmte Koalitionsverhandlungen mit der neuen Reichsregierung Hitler-Papen zu. Doch das war eine reine Farce, denn der NSDAP-Chef wollte so nur dem noch zaudernden Reichspräsidenten Paul von Hindenburg demonstrieren, dass er den erst drei Monate zuvor gewählten Reichstag schon wieder auflösen müsse. Kaas durchschaute das Manöver nicht, und Hitler bekam, was er wollte: Neuwahlen und die Notverordnungsgewalt zum Regieren ohne das Parlament. Lesen Sie auchDer letzte Versuch des Zentrums, Hitler zu bändigen, hatte dann im März 1933 genau die entgegengesetzte Wirkung: Die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz etablierte den eigentlichen Führerstaat, denn Papen und die DNVP erwiesen sich als unfähig, der rohen Brutalität der NSDAP etwas entgegenzusetzen.Um ein derartiges Szenario nach 1945 auszuschließen, strebten weitsichtige Politiker eine überkonfessionelle bürgerlich‑konservative Partei an – die Union. Zu ihnen zählten der langjährige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, der frühere Reichsfinanzminister Andreas Hermes und der christliche Gewerkschafter Jakob Kaiser (alle katholisch und bis 1933 im Zentrum aktiv) sowie Hans Schlange-Schönigen, Robert Lehr und Franz Etzel (alle ehemals DNVP und Protestanten).Im Parteiprogramm von Neheim-Hüsten vom 1. März 1946, zu dessen Feier Friedrich Merz jetzt sprach, heißt es unter anderem: „Eine ehrliche Gewissenserforschung verlangt von uns gebieterisch, dass wir auch die letzte Bindung an jene Weltanschauung, an jenen Ungeist überall endgültig bekämpfen, die uns in dieses Elend geführt haben.“ Und weiter: „Zum ersten Male in der deutschen Geschichte finden wir uns unter Ablehnung jeglicher Zersplitterung in unserem Volke zusammen zur Union aller christlichen Demokraten.“ Außer von Adenauer wurde dieser Entwurf beispielsweise auch von dem früheren DNVP-Mann Friedrich Holzapfel und dem früheren DDP-Politiker Heinrich Rönneburg unterschrieben. Eine bürgerliche, konfessionsübergreifende Volkspartei zu bilden, war die Lehre aus der Katastrophe des Dritten Reiches. Das sind die historischen Hintergründe von Merz’ Ausführungen.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen die Weimarer Republik, der Nationalsozialismus und die Geschichte der Bundesrepublik.
Worauf Merz mit seinem AfD-NSDAP-Vergleich zielt - WELT
Der Bundeskanzler nutzt einen Routinetermin für eine historische Parallelisierung. Hält seine Darstellung der seriösen Überprüfung mit geschichtswissenschaftlichen Methoden stand?







