PfadnavigationHomeRegionalesHamburgOlympia-Aus„Nicht 300.000 Sportfeinde“ – Tschentscher verteidigt Hamburgs ReferendumStand: 14:18 UhrLesedauer: 4 MinutenGemeinsame Suche nach Antworten und Perspektiven: Andy Grote (l-r,), Innensenator, Peter Tschentscher (beide SPD), Erster Bürgermeister, und Katharina Fegebank (Grüne)Quelle: Georg Wendt/dpa54,9 Prozent der Hamburger haben Nein gesagt – zum zweiten Mal nach 2015 scheitert die Hansestadt mit ihrer Olympia-Bewerbung am eigenen Bürgervotum. Bürgermeister Peter Tschentscher will wichtige Modernisierungsprojekte nun ohne die Ringe weiterverfolgen.Hamburg zieht nach dem deutlichen Nein der Bürger seine Olympiabewerbung zurück – der Senat aber weist den Gedanken zurück, durch das Referendum politisch beschädigt zu sein. Nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis stimmten 54,9 Prozent gegen eine Bewerbung der Hansestadt um Olympische und Paralympische Spiele, 45,1 Prozent votierten mit Ja; die Abstimmungsbeteiligung lag bei 49,6 Prozent. Rund 1,3 Millionen Menschen ab 16 Jahren waren stimmberechtigt.Lesen Sie auchAm Tag nach der Niederlage zeigte sich Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) zwar enttäuscht, bemühte sich aber zugleich um politische Schadensbegrenzung. Er habe sich im Vorfeld des Referendums „sehr unterstützt“ gefühlt, sagte er vor den Medien im Rathaus mit Blick auf die Ziele, die der rot-grüne Senat mit Olympia verbunden habe. Zugleich erneuerte er sein Bedauern über das Votum. Viele Bürger seien enttäuscht, sagte Tschentscher – „wir sind es auch“. Schon am Sonntag hatte er den Rückzug der Bewerbung eingeleitet und den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Weikert, sowie den deutschen IOC-Vertreter Michael Mronz informiert. Hamburg scheidet damit aus dem nationalen Auswahlverfahren aus. Tschentscher machte zugleich deutlich, dass der Senat das Ergebnis zwar akzeptiert, aber nicht als grundsätzliche Absage an den sportpolitischen Kurs der Stadt versteht. Der Senat habe gewusst, dass die Skepsis gegenüber Olympia in Hamburg größer sei als in anderen deutschen Städten. Mit dieser Diagnose knüpft Tschentscher an eine Erfahrung an, die die Stadt bereits 2015 gemacht hatte: Schon damals scheiterte eine Bewerbung Hamburgs für die Spiele 2024 am Bürgervotum. Damals stimmten 51,6 Prozent dagegen und 48,4 Prozent dafür, bei einer Beteiligung von 50,2 Prozent. Diesmal fiel das Nein also noch klarer aus. Erklärungsversuche für die Skepsis in der StadtBesonders bemerkenswert ist dabei, dass die Ablehnung sich quer durch die Stadt zog. In keinem der sieben Bezirke gab es eine Mehrheit für die Olympia-Pläne des Senats. Das macht die Niederlage politisch gravierender, als es der bloße Landesdurchschnitt ohnehin schon nahelegt. Anders als im Rathaus, wo SPD, Grüne und CDU die Bewerbung unterstützten, fehlte dem Projekt in der Stadt die gesellschaftliche Mehrheit; Zustimmung gab es nur in einigen Stadtteilen, die nicht zu den sozial schwachen gehören.Tschentscher wehrte sich ausdrücklich gegen eine Deutung, wonach Hamburg mit dem Referendum generell gegen große Sportereignisse votiert habe. „Ich glaube nicht, dass wir 300.000 Sportfeinde jetzt alle gegen Olympia hatten“, sagte er. Viele hätten vielmehr „ihre eigenen Ideen, was prioritär ist“. Es ist der Versuch, die Niederlage als Prioritätenentscheidung und nicht als Misstrauensvotum gegen den Sport oder gegen den Senat zu rahmen. Dass der Senat mit dem Referendum auf Transparenz gesetzt habe, sei gerade deshalb wichtig gewesen, sagte Tschentscher, „weil wir ja auch mit den Folgen jetzt umgehen müssen.“ Katharina Fegebank (Grüne) sprach, und das deutlich emotionaler als es ihr im Kaisersaal des Rathauses Peter Tschentscher getan hatte, von einem schmerzhaften Tag für den Senat. „Auch am Tag danach, es tut immer noch richtig weh“, sagte die Zweite Bürgermeisterin. Sie nannte das Ergebnis eine „wahnsinnige Enttäuschung“ – nicht nur für die Regierungsparteien, sondern auch für die vielen Ehrenamtlichen, Aktiven und Unterstützer der Kampagne. Zugleich verteidigte sie die politische Entscheidung, die Bewerbung überhaupt dem Volksentscheid auszusetzen. „Risikominimierung als politische Leitlinie, das kann nicht unser Anspruch sein“, sagte Fegebank. Die Abstimmung sei in einer so weitreichenden Frage richtig gewesen, auch wenn man das Risiko einer Niederlage gekannt habe. In ihrer Analyse benannte sie vor allem Sorgen über Mieten, Finanzen und Sicherheit als entscheidende Faktoren der Ablehnung; viele dieser Bedenken seien in der Kampagne offenkundig nicht ausgeräumt worden.Stadionbau soll weiter verfolgt werdenSportsenator Andy Grote (SPD) schlug in dieselbe Kerbe. In der Debatte sei es „ehrlicherweise nicht so oft um Sport“ gegangen, sagte er. Zwar sei das Hamburger Konzept für nachhaltige, kompakte und stadtverträgliche Spiele vielfach gelobt worden. Ausschlaggebend gewesen seien am Ende aber tiefere Vorbehalte: gegen mögliche Kosten, gegen zusätzliche Verkehrsbelastungen, gegen Mietsteigerungen und gegen die Zumutungen eines weiteren Großprojekts. Nun müsse die Stadt die positiven Elemente des Konzepts ohne Olympia weiterverfolgen. So soll weiter am Bau eines neuen Stadions im Volkspark geplant werden. Grote machte aber auch deutlich, dass dafür private Investoren mit ins Boot kommen müssten. Und auch an der Einführung weiteren Sportunterrichts in den Schulen werde festgehalten.Genau in dieser Weiterplanung liegt die politische Aufgabe für Rot-Grün nach diesem Sonntag. Tschentscher kündigte an, die mit der Bewerbung verbundenen Infrastrukturprojekte „auch ohne Olympia mit Nachdruck“ weiterzuverfolgen. „Es wird nicht leichter, aber es ist unser Auftrag“, sagte er. Der Senat versucht damit, das gescheiterte Großprojekt in eine andere Erzählung zu überführen: Nicht Olympia selbst, sondern die damit verknüpften Modernisierungsziele – von der Verkehrsinfrastruktur bis zu Sportstätten – sollen fortbestehen. Fast am Ende des Scherbengerichts sagte Tschentscher, vielleicht auch zu sich selbst: „Es geht im Leben ja immer weiter.“jlau