Wer als Durchschnittseuropäer seinen Tag mit Gong, Tai-Chi und einem Kräutertee startet, bestickte Stoffhausschuhe trägt und sich Mandarin-Lektionen auf Duolingo antut, macht was? Genau, Chinamaxxing. Man könnte auch sagen, er eignet sich chinesische Kultur und Tradition an, was aber öde nach Uni-Vorlesung klingt. Nicht nach einem Tiktok-Trend, den es wirklich gibt, bei dem westliche Gen-Z-Menschen einen fernöstlichen Lifestyle pflegen. Eine Amerikanerin wiederum, die Weinschorle trinkt, Techno hört und alte Kirchen besichtigt, betreibt – auch das ist echt – Europamaxxing.Jene, die bis hierhin nichts verstehen, haben wohl einfach zu wenig Doomscrollmaxxing in sozialen Medien praktiziert. Oder zu viel Agemaxxing, in anderen Worten: Sind zu alt, um noch jeden Trend mitzumachen. „Maxxing“ kommt vom englischen maximize („maximieren“) und meint, eine bestimmte Sache einzuüben oder zu optimieren, um das Maximum aus ihr herauszuholen. Sei es in der Karriere, beim Hobby oder Sport. Seit Jahren schon schwirrt dieses Slangwort durchs Internet, 2024 schrieben Trendsetter der Apotheken Umschau über Sleepmaxxing (also Tipps zur Verbesserung der Schlafqualität), doch anstatt damit auszusterben, hat sich die Nachsilbe inflationär ausgebreitet. Inzwischen ist sie allgegenwärtig, zumindest online. Ein Erfolg, an den nicht mal das berühmte „-gate“ (Watergate, Nippelgate, Partygate) heranreicht.Woran das liegt? Einerseits fügt sich der Maximierungsgedanke in einen Zeitgeist des ständigen Selbstoptimierens. Zumal: In einem Weltgeschehen, das außer Kontrolle zu sein scheint, kann es nur beruhigend sein, wenn wenigstens ein paar Aspekte im Leben steuerbar und ausbaufähig bleiben. Anderseits hat das Suffix den Vorteil, an buchstäblich alles drangehängt werden zu können. Die Treppe ins nächste Stockwerk nehmen? Floormaxxing. Die Notvorräte aufstocken? Prepmaxxing. Mehr Bücher lesen? Bookmaxxing. Hautpflege? Skincaremaxxing. Asketisch leben wie ein Mönch? Monkmaxxing.Jugendsprache:Ist „unc“ das neue „Boomer“?Ein neues Jugendwort macht sich über „Onkelhaftes“ lustig. Und manche fragen sich, ob das nur eine weitere Spielart von „Du nervst, Alter“ ist. Ganz und gar nicht!Diese Offenheit lädt natürlich zum Missbrauch ein. Ein kommerzieller Hafermilchhersteller warb bereits mit Ballaststoffmaxxing. Und das US-Verteidigungsministerium, um keine Grausamkeit verlegen, kommentierte im Februar auf X den Iran-Krieg mit „Lethalitymaxxing“, also so was wie „Tödlichkeitsmaximierung“.Seinen Ursprung hat der Begriff in der Videospielwelt, da bedeutet er, eine begrenzte Anzahl von Ressourcen auf eine Fähigkeit oder ein Merkmal einer Spielfigur zu setzen und andere bewusst zu vernachlässigen. Das übertrugen junge Männer der Incel-Bewegung – einer frauenfeindlichen Online-Community – aufs echte Leben. Looksmaxxing nennen sie ihre Maxime, das eigene Aussehen mit extremen Mitteln aufzumöbeln. Manche schlagen sich dazu sogar mit Hämmern ins Gesicht.Das Suffix, so schrieb der Linguist Adam Aleksic in der Washington Post, sei ein Beispiel dafür, wie das Vokabular einer radikalen Randgruppe in den Mainstream einsickert. Andere Beobachter sagen: Relaxmaxxing, so schlimm ist es nicht. Der Begriff hat sich derart verselbständigt, dass er die Optimierungsidee längst ins Lächerliche zieht. Zu sehen am Wort Regularmaxxing: Hierbei vervollkommnen Menschen lieber ihren täglichen Besuch im Stammcafé, anstatt in jede neu eröffnete Espressobar zu rennen. Oder Nonnamaxxing – in Ruhe leben, so wie eine Oma in Italien.