Die 96 Minuten vom Sonntagabend in Mainz reichen Julian Nagelsmann nicht. Wenn der Deutsche Fußball-Bund (DFB) an diesem Montag von 11.00 Uhr an auf seinem Campus in Frankfurt zum „Abschiedsevent“ der Männer-Nationalmannschaft vor der Fußball-Weltmeisterschaft einlädt, werden Fans nicht nur – wie ursprünglich geplant – erleben, wie sich Nationalspieler vom Testspiel am Vorabend öffentlich erholen, sie werden auch ein zweites Duell zwischen Deutschland und Finnland sehen, eine Art Mini-Länderspiel.Zweimal 25 Minuten soll es dauern, wie der Bundestrainer nach dem 4:0-Sieg von Mainz am späten Sonntagabend verriet, „um einfach allen Spielern, die länger Pause hatten, einen Spielrhythmus zu geben“. Denn nicht alle 26 Nationalspieler im WM-Kader haben zuletzt regelmäßig Vollzeit gearbeitet; sie sollen, so stellt sich Nagelsmann das vor, durch diese ungewöhnliche Verlängerung der Testpartie „im Flow bleiben, was den Körper angeht“.Patient Deniz Undav ist bester LauneDeniz Undav ist im Flow, sein Körper ließ am Sonntag allerdings keinen Arbeitseinsatz in Vollzeit zu. Nach zwei Toren und einer Vorlage saß der Stuttgarter Stürmer nach einer Stunde Spielzeit plötzlich auf dem Platz und verließ diesen dann, begleitet von den deutschen Ärzten. Sorgen bereitete ihm das nach einer schnellen Selbstdiagnose nicht, im Gegenteil: Der Patient war schon wenig später wieder bester Laune.Wo tut’s weh? „Arschbacke.“ Wie wird’s besser? „Wenig sitzen.“ Wann ist’s wieder gut? „Ein, zwei Tage.“ Wer so launig über die eigene Malaise redet, sollte nicht unter ernsthaften gesundheitlichen Problemen leiden. Im Flugzeug, das Undav an diesem Dienstag zusammen mit dem Tross der Nationalmannschaft ins WM-Land USA bringen soll, wird sich wohl ein bequemes Plätzchen mit Liegefunktion finden, das der Genesung dient.Noch wichtiger als die Frage, wie wenig Undav bei der Anreise sitzen muss, wird in den nächsten Wochen jedoch die Frage sein, wie viel Undav bei der Reise sitzen muss. Nagelsmann plant, daran ließ er am Sonntag trotz Undavs ertragreichem Arbeitseinsatz kaum Zweifel aufkommen, mit Kai Havertz als ersten Angreifer. Womöglich auch schon wieder beim finalen Testspiel am nächsten Samstag (20.30 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zu Länderspielen und bei RTL) in Chicago gegen die USA.Der Bundestrainer hatte am Samstag beim gemeinsamen Zuschauen vor dem Fernseher im Mannschaftshotel nicht nur gesehen, wie Havertz für Arsenal im Champions-League-Finale vorne traf, sondern auch, wie er eifrig hinten mitarbeitete. So etwas habe eine große Bedeutung, „auch für uns.“Undavs Quote im Verein und DFB-Team sind starkAuf Undavs akute Schmerzstelle könnte demnach trotz seiner Bewerbung gegen Finnland und der beeindruckenden Quote im Stuttgarter Trikot mit dem Brustring – 46 Saisonspiele mit 25 Toren und 14 Vorlagen – wie im deutschen Dress mit dem Adler – 8 Länderspiele mit 6 Toren und 2 Vorlagen – beim Turnier vorwiegend die Ersatzbank drücken.Immerhin, anders als nach dem Siegtor gegen Ghana im März, als der Bundestrainer Undavs Leistung als „nicht gut“ bewertete und für Irritationen sorgte, gab es nun eine positive Rückmeldung: „Deniz war sehr gefährlich in der Box, hat ein gutes Spiel gemacht.“ Mit dem dürfte er zumindest Nick Woltemade, den nun dritten Stürmer, erst mal hinter sich lassen.Doch was heißt das schon in Nagelsmanns Offensivpuzzle, in dem er fast jedes Teil an jede Stelle legen kann? Weder Havertz noch Undav noch Woltemade sind Mittelstürmer aus dem Lehrbuch, wie sie einst das Stürmerland Deutschland über Jahrzehnte definierten.Da war es bezeichnend, dass Jamie Leweling die WM-Rückennummer neun bekam – er ist nicht einmal eine falsche Neun, sondern Außenbahnspieler. Er war am Sonntag der einzige Offensivspieler neben Leon Goretzka, den Nagelsmann nicht unbedingt im defensiven Mittelfeld sieht, wo Aleksandar Pavlović und Felix Nmecha Werbung für sich betrieben, der keine Minute zum Einsatz kam.Jamal Musiala ist noch nicht wieder der AlteEchte Zehner im offensiven Mittelfeld sind Florian Wirtz und Jamal Musiala, die erstmals seit November 2024 wieder gemeinsam fürs DFB-Team spielten, was weniger an Wirtz als an Musiala lag wegen dessen Verletzungspause. Der junge Münchner ist allerdings noch nicht wieder der Alte, das wurde gegen Finnland, das qualitativ näher an Curaçao als an der Elfenbeinküste und Ecuador agierte, deutlich.Nagelsmann möchte trotzdem unbedingt auf die beiden „Zauberer“ setzen auf der Weltbühne. Auf Wirtz links sowieso, der im März in der Schweiz glänzte, und auf Musiala in der Mitte, weil der „mit 70 Prozent immer noch viel besser als viele“ sei. Dennoch: Musiala wirkt weiterhin etwas blockiert in seinen zuvor von schlangenhafter Geschmeidigkeit geprägten Aktionen.Völlig losgelöst dagegen spielte ein anderer Münchner. Lennart Karl, der Jüngste und Kleinste im WM-Kader, „scheißt sich nichts“, wie er selbst sagte, er macht sich einfach keinen Kopf. Weil er Nagelsmann im Training in Herzogenaurach imponierte, nahm der ihn gegen die Finnen in die Startelf.Der Achtzehnjährige dribbelte munter drauflos. Dabei blieb er zwar nicht fehlerfrei, der Vortrag aber war womöglich schon ausreichend, um im Sauseschritt an der Konkurrenz auf dieser Position vorbeizuziehen. Weil Serge Gnabry die WM verletzt verpassen wird und Leweling außen vor blieb, hat Nagelsmann auf rechts offenbar die Wahl mit Karl – und Leroy Sané.Der wirkte ob der Vorstellung des Jungspunds nach der Einwechslung wie angestachelt, um zu beweisen, dass auch er kräftig am Schwungrad drehen kann. Nagelsmann, der Sané schon bei der Nominierung verbal stark gestützt hatte, nannte dessen Vorstellung gegen Finnland „top“.Karls Lächeln zuvor bei seiner Auswechslung indes verriet auch, dass er sich durchaus bewusst ist, dass er seit Sonntag nicht zwingend schlechtere Karten haben muss im Vergleich zur internen Konkurrenz, wenn der Bundestrainer am 14. Juni in Houston zum WM-Einstand seine erste Elf aufstellen muss.