Sie ist eine berühmte Hip-Hop-Tänzerin, hat klassischen und zeitgenössischen Tanz in Paris studiert und beherrscht afrikanische Tänze. Mit Sidi Larbi Cherkaoui choreographierte sie die Rockoper „Starmania“ und trat in seiner „Alceste“ an der Bayerischen Staatsoper auf. Längst ist Josépha Madoki, auch bekannt als Princess Madoki, Frankreichs Première dame in ihrer eigenen, dem amerikanischen „Waacking“ verpflichteten Tanz-Ästhetik. 2016 gründete die französische, 1981 in Kinshasa geborene Choreographin und Tänzerin das erste Waacking Kollektiv Frankreichs, „Ma Dame Paris“. Im Grand Palais veranstaltet sie jährlich das 2019 von ihr gegründete „All Europe Waacking Festival“. Sie leitet ihre „Company Madoki“, choreographierte 2023 für die Pariser Oper und 2024 für die Eröffnung der Olympischen Spiele. Derzeit tanzt das „Centre Chorégraphique National – Ballet de Lorraine“ ihr neues Stück „Garbo“, das am 6. Juni in Paris gezeigt wird.„Garbo“ heißt Ihr neues Stück, eine Choreographie für das „Ballet de Lorraine“ in Nancy. Mitten in den Endproben lag die Premiere der von Ihnen choreographierten Gounod-Oper „Roméo et Juliette“ in Madrid, die noch bis 13. Juni im Teatro Real läuft. Sind Sie wie alle freischaffenden Künstler meistens an zwei Orten gleichzeitig?Ach, das war vergleichsweise entspannt, weil es unsere Pariser Operninszenierung von 2023 war, an der ich nicht viel ändern musste. Die neue Besetzung von spanischen Tänzern musste das Bewegungsmaterial lernen, aber dafür habe ich eine wirklich gute Assistentin. In Nancy hingegen war alles neu: Neues Projekt, für mich unbekannte Tänzer, und ich habe zum ersten Mal mit einem Ballett national zusammengearbeitet. Sonst arbeite ich mit Tänzern aus der Community. Die Tänzer in Nancy kannten mich von Youtube, das war alles, und sie meinten: „Sieht aus wie Voguing“, und ich sagte: „Nein, nein, das ist es nicht, absolut nicht! Da ging erst mal die Diskussion los. Woher kommt diese Tanzkultur? Was ist überhaupt Waacking?Voguing, Tanzen, als wäre es ein Gang über den Laufsteg, kommt aus der schwarzen Subkultur New Yorks. Und Waacking? Waacking kommt aus Los Angeles, es ist also schon geographisch gesehen genau das Gegenteil! Waacking war zuerst da, es entstand Anfang der Siebzigerjahre, Voguing Anfang der Achtzigerjahre. Wir waren die Ersten, auch wenn viele denken, es sei andersherum gewesen. Wer gehörte zu dieser Szene?Die Kultur stammt aus den Underground-Clubs. Geschaffen wurde sie von jungen Männern, Homosexuellen, Afroamerikanern und Lateinamerikanern, die Disco-Musik liebten. Es war eine gemischte Gruppe, eine Verbindung junger People of Color, die sich in der Diskothek in ihren Tänzen ausdrückten. Alle schauten die Hollywoodfilme der Stummfilm-Ära und fühlten sich inspiriert von Ikonen wie Greta Garbo, Marlene Dietrich und Gloria Swanson. Sie wollten sein wie diese schönen, starken, eleganten und glamourösen Frauen. Denn Hollywoods Tore standen homosexuellen People of Color nicht wirklich offen. Es war gesellschaftlich nicht akzeptiert, so zu sein wie sie. Also machten sie die Clubs zu Safe Spaces, um sich frei ausdrücken zu können. Sie fingen einfach an, die Posen, die Haltung, den Ausdruck der Hollywood-Legenden nachzuahmen. Daneben begeisterten sie sich für Kampfkünste, denn sie verehrten Bruce Lee. Er kämpfte mit dem Nunchuk, diesen beiden mit einer Kette verbundenen Holzstöcken. Sie haben sich die Handhabung des Nunchuks abgeschaut. Daher kommen die vielen wirbelnden Armbewegungen im Waacking. Du siehst viele Arme, jede Menge Glamour und Posen. Ich liebe diese Kultur, weil sie wirklich eine Feier der Identitäten ist, ein Tanz, der die Freiheit hochleben lässt. Du kannst dich voll und ganz annehmen und der Welt zeigen, wer du bist. Waacking ist ein Tanz gegen gesellschaftliche Normen, gegen das Patriarchat. Es ist Ausdruck von Emanzipation und Widerstand. Das ist es, was ich mit den Tänzern des Balletts in Nancy teilen möchte, mit diesem Stück, das ich „Garbo“ genannt habe.Der Tanz ist schwer zu lernen. Sehr schwer, er ist sehr technisch. Für diese zeitgenössisch und klassisch trainierten Tänzer etwas ganz Neues. Ich musste wirklich von vorne anfangen, langsam, Schritt für Schritt, um sie die Grundlagen der Technik zu lehren. Sie hatten jeden Tag eine Stunde mit mir und meiner Assistentin, in der wir nur die spezifischen Drills übten, wochenlang. Mein Ziel war nicht, sie in drei Monaten zu Waacking-Tänzern zu machen, das ist unmöglich. Ich dachte eher, sie müssen zumindest das Wesentliche erfassen und ihren eigenen Weg finden. Ich war auch sehr an der Mischung ihrer und meiner Stile interessiert. Das Thema der Hollywood-Filme, die Ikonen, der Glamour, der Chic, all das ist definitiv Teil des Stücks. Für mich werden die 24 Tänzer des Ballet de Lorraine darin die Ikonen ihres eigenen Lebens. Dazu mussten sie ihre eigene Diva in sich finden. Diese Recherche haben wir zusammen unternommen, während der Proben. Man gibt sich als Waacking-Tänzer auch einen neuen Namen. Mein Arbeitsname ist „Princess“ Madoki. Du kannst dich im Waacking selbst neu erschaffen. Das ist mehr als ein Name, es ist ein Charakter. Ich wollte eine Prinzessin sein. Ich habe die Tänzer gefragt, wer sie gerne wären, wie ihre zusätzliche Version von sich heißen soll. Meine persönliche Inspiration ist Diana Ross. In Nancy arbeitete ich mit jedem Tänzer auch einzeln und sagte ihnen, was ist mit Mangas als Inspiration? Kannst du versuchen, deine eigene Diva zu bauen, deine Idee der Diva?