Das sei „selektive Strafverfolgung“ und damit ein Verbrechen, schimpfte Israels Justizminister Yariv Levin. Sein Zorn galt der Generalstaatsanwaltschaft. Die hatte Ende der vergangenen Woche angekündigt, Anklage gegen Yonatan Urich zu erheben, einen engen Berater von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Urich soll im Sommer 2024 geheime Informationen durchgestochen haben – an die deutsche „Bild“-Zeitung. Aus der Sicht der Staatsanwaltschaft hat er damit bewusst der nationalen Sicherheit Schaden zugefügt – das könnte zu einer lebenslangen Haftstrafe führen. Kritiker sagen, Urich habe zudem das Leben der Geiseln im Gazastreifen gefährdet. Denn das Ziel des Leaks war es ihnen zufolge, zu verhindern, dass ein Geiseldeal mit der Hamas zustande kommt – was erst einmal gelang.Die Anklageerhebung ist eine wichtige Entwicklung in einem Fall, der in Israel seit Jahren Schlagzeilen produziert – und der auch Netanjahu noch gefährlich werden könnte. Denn die entscheidende Frage lautet: War der Ministerpräsident eingeweiht in das offenbar systematisch betriebene Unterfangen Urichs und weiterer Mitarbeiter, mithilfe durchgestochener Informationen die öffentliche Meinung zu beeinflussen? Vertreter der Regierungskoalition wie Justizminister Levin sprechen dagegen von einer Kampagne der Justiz gegen die politische Rechte.Die „Bild“-Leaks-Affäre nahm ihren Anfang im August 2024. Netanjahu stand unter Druck, nachdem grausige Nachrichten aus dem Gazastreifen gekommen waren: Soldaten hatten in einem Tunnel in Rafah die Leichen von sechs Geiseln entdeckt. Sie waren unmittelbar zuvor aus nächster Nähe erschossen worden. Ihre Hamas-Wächter wollten so verhindern, dass die am 7. Oktober 2023 verschleppten Personen befreit werden.Hunderttausende Israelis fordern eine WaffenruheDie Nachricht schockierte Israel und führte dazu, dass Hunderttausende Menschen auf die Straße gingen. Sie forderten, dass die Regierung eine Vereinbarung mit der Hamas schließt, um die Geiseln freizubekommen. Netanjahus Strategie des militärischen Drucks hatte in ihren Augen versagt.Der Ministerpräsident war aber nicht gewillt, davon abzuweichen. An diesem Punkt kam Netanjahus Berater Urich ins Spiel, gemeinsam mit weiteren Personen: unter anderem der Kampagnenmanager Israel Einhorn, der Medienberater Eli Feldstein und ein Reservist namens Ari Rosenfeld. Letzterer beschaffte den Vorwürfen zufolge Feldstein Dokumente, die als streng geheim eingestuft waren. Feldstein gab im Verhör zu, dass er eines davon zunächst an einen israelischen Journalisten durchstach. Dessen Artikel scheiterte jedoch an der Militärzensur.Mit der Hilfe Urichs wandte Feldstein sich daraufhin über Einhorn an „Bild“ – mit dem Ziel, das Veröffentlichungsverbot zu umgehen. Denn über einen Artikel in einem ausländischen Medium dürfen Journalisten in Israel frei berichten. Bei der deutschen Boulevardzeitung hatten sie Erfolg. Am 6. September erschien dort ein Artikel mit der Überschrift: „Zum Schaudern! Das plant der Hamas-Chef mit den Geiseln“.Ein Strategiedokument von Hamas-Chef Sinwar?Der Bericht basierte laut den Autoren auf einem Dokument, das Soldaten im Frühjahr 2024 auf einem Computer von Hamas-Chef Yahya Sinwar gefunden hatten und das angeblich die Strategie mit Blick auf die Geiseln beschrieb. Demzufolge wolle die Hamas durch psychologische Kriegsführung erreichen, dass die Geiselfamilien und die Öffentlichkeit Druck auf die israelische Regierung ausüben, damit diese in eine Waffenruhe einwilligt.Diese Sichtweise kam Netanjahu zupass. Umgehend wies er in einem Fernsehstatement auf den Artikel hin und sagte, die Demonstranten seien in eine Falle der Hamas getappt. Zudem hatte Feldstein israelische Journalisten vorab auf die anstehende Veröffentlichung hingewiesen. So machte das Dokument in Israel doch noch Schlagzeilen. Es gelang der Regierung, den Protesten den Wind aus den Segeln zu nehmen. Erst vier Monate später kam es durch amerikanischen Druck zu einer Waffenruhe. Bis dahin starben noch Tausende Menschen, und die Geiseln litten weiter in den Tunneln der Hamas.Das Militär leitete nach dem „Bild“-Artikel eine Untersuchung ein, die dann der Inlandsgeheimdienst Schin Bet übernahm. Die Sicherheitsbehörden waren verärgert – nicht nur wegen des Leaks, sondern auch, weil das Dokument offenbar verzerrt dargestellt worden war. Der führende Geheimdienstfachmann Ronen Bergman kam zu dem Schluss, es gebe nicht eine Strategie Sinwars wieder – vielmehr handele es sich um ein Arbeitspapier von Funktionären der mittleren Ebene. In der Zeitung „Yedioth Ahronoth“ sprach Bergman mit Blick auf das Leak von einer „verdeckten und verlogenen Propagandakampagne“.Auch Netanjahu soll von der Polizei befragt werdenMehrere Personen wurden im Herbst 2024 festgenommen. Auch Yonatan Urich wurde damals erstmals verhört. Er hatte zuvor alle Inhalte seines Telefons gelöscht, unmittelbar nachdem Feldstein verhört worden war. Inzwischen glauben die Strafverfolger, Urich habe eine wichtige Rolle bei dem Leak gespielt. Feldstein und Urich sind auch Verdächtige in der sogenannten „Qatargate“-Affäre. Dabei geht es darum, dass sie Geld von Qatar erhalten haben sollen, während sie für Netanjahu arbeiteten.Die „Bild“-Leaks-Affäre weitet sich immer noch aus. So ist Netanjahus früherer Stabschef Tzachi Braverman ins Visier der Ermittler geraten. Er soll Feldstein vor den Ermittlungen gewarnt und ihm gleichzeitig zugesichert haben, er werde versuchen, diese zu beenden. Auch Netanjahu selbst würde die Polizei gerne befragen. Der Ministerpräsident ignoriert die Anfragen jedoch seit Monaten. Für ihn ist die Angelegenheit eine „Hexenjagd“.