Durch Polens Gesellschaft geht ein tiefer GrabenKonservative und Liberale stehen sich in Polen unversöhnlich gegenüber. Sie leben immer mehr in unterschiedlichen Realitäten. Das macht sich bis in die Familien hinein bemerkbar. Ein Ausweg ist nicht in Sicht.Paul Flückiger, Warschau01.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDie Beziehungen zur Europäischen Union gehören zu den Themen, die Polens Gesellschaft spaltet. Unter anderem protestieren immer wieder Bauern gegen die Brüsseler Handels- und Energiepolitik.Kacper Pempel / ReutersEwa und Maciej haben alles versucht, um den Streit über die Politik aus ihrer Beziehung zu verbannen. Zuletzt vereinbarten die beiden einen Diskussionsstopp in Bezug auf politische und kirchliche Fragen. Aber ihre Ehe zerbrach – an der PiS, wie Ewa sagen würde. Oder: Sie zerbrach an der PO, wie Maciej sagen würde. Sie lösten 2020 den gemeinsamen Haushalt auf und reichten die Scheidung ein. Fast zwanzig Jahre waren sie zusammen gewesen, zwei Töchter haben sie grossgezogen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Natürlich haben Trennungen meist tiefere Gründe, die selbst guten Freunden verborgen bleiben können. Doch im Fall von Ewa und Maciej brachte die Politik das Fass zum Überlaufen. Die polnische Innenpolitik ist seit mehr als zwanzig Jahren vom Bruderkampf zwischen den einstigen antikommunistischen Dissidenten Jaroslaw Kaczynski und Donald Tusk geprägt. Kaczynski politisiert mit seiner Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) auf einer konservativen Werteskala, betont national-katholisch und EU-skeptisch. Der etwas jüngere Tusk gibt sich mit seiner Bürgerplattform (PO) dagegen modern, weltoffen, liberal und will die vertiefte EU-Integration. Der Streit hat sich über die Jahre auf die Gesellschaft übertragen.Jaroslaw Kaczynski, der Anführer der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), hört einer Rede seines ärgsten Widersachers, des Ministerpräsidenten Donald Tusk, im Parlament zu.Jakub Porzycki / NurPhotoEin Flugzeugabsturz entzweit die LagerDie beiden Streithähne waren sich einmal näher gewesen. Vor 23 Jahren beschlossen Kaczynski und Tusk für Kommunalwahlen eine Zusammenarbeit, um die damals dominante Linke zu schlagen. Für die Parlamentswahlen von 2005 planten sie sogar eine landesweite Koalition. Beide hatten damals darauf gehofft, zu gewinnen. Was daraufhin geschah, wird bis heute in einem Satz eines damals vermittelnden Erzbischofs zusammengefasst: «Die einen konnten nicht verlieren, die andern nicht gewinnen.» Der überraschende Verlierer hiess Tusk. Die Gespräche über die Verteilung der Ministerposten scheiterten, die zuvor vereinbarte Koalition kam nicht zustande. Seither sind sich Tusk und Kaczynski spinnefeind.Zugespitzt hat sich der Zwist noch durch den Absturz der polnischen Präsidentenmaschine im April 2010 nahe der russischen Stadt Smolensk. Neben dem konservativen Staatspräsidenten Lech Kaczynski, dem Zwillingsbruder des Parteichefs Jaroslaw, wurden 96 weitere Passagiere getötet. Der Vorfall wurde von der damaligen Tusk-Regierung wie auch von den Russen untersucht. Die Ergebnisse deckten sich: Ursache des Unfalls war eine ungünstige Verquickung von dichtem Nebel und Pilotenfehlern. Doch die PiS hat diese Befunde nie akzeptiert. Sie spricht seitdem von einer Verschwörung zwischen Tusk und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin mit dem Ziel, Kaczynski aus dem Weg zu schaffen.Seit 2010 wird diese These durch monatliche Trauermärsche am Leben gehalten. Die Veranstaltungen haben wesentlich zu einer Emotionalisierung beigetragen. Kritiker der PiS sprechen von einer quasireligiösen «Smolensk-Sekte», deren Anhänger für rationale Erklärungen nicht mehr zugänglich seien. Tusk hat die Veranstaltungen beim Denkmal für die Absturzopfer unweit des Grabes des Unbekannten Soldaten nach dem Regierungswechsel kaum mehr polizeilich absichern lassen. Inzwischen treten dort teilweise aggressive Kaczynski-Gegner auf, die Jaroslaws Kranzniederlegungen für den geliebten Zwillingsbruder stören.Jedes Jahr am 10. April gedenkt Jaroslaw Kaczynski der Opfer des Flugzeugabsturzes von Smolensk 2010, bei dem sein Zwillingsbruder Lech, damals polnischer Präsident, ums Leben kam.Andrzej Iwanczuk / NurPhotoVöllig unterschiedliche MedienweltenJe härter die Fronten zwischen den beiden politischen Lagern wurden, desto emotionaler wurde über Politik auch in der Gesellschaft diskutiert. Inzwischen ist diese in zwei praktisch gleich grosse, unversöhnliche Lager gespalten.Nicht nur Ehen und Freundschaften sind zerbrochen. Der Riss geht durch Familien, trennt Eltern, Kinder und Geschwister. Dabei hört man bisweilen Monströses: «Wenn ich gewusst hätte, dass du einmal Tusk wählen wirst, hätte ich dich bei der Taufe fallen lassen», verkündete eine ältere Dame ihrem rund 60-jährigen Patenkind an einer Familienfeier. Viele Treffen im Freundeskreis beginnen mit der Aufforderung, die Politik bitte wie Regenschirme und Schuhe vor der Tür abzulegen. Und unter Jugendlichen geht die Warnung um, Politik sei der endgültige Partykiller.Beide Seiten leben inzwischen in einer völlig unterschiedlichen Medienwelt. Die PiS-Wähler haben sich das Privatfernsehen Republika als ihr Wahrheitsorgan auserkoren, in dem fast alle Stars des einstigen PiS-Regierungspropaganda-Senders TVP ein neues Zuhause gefunden haben. Die eher liberal eingestellte Hälfte der Polen schaut sich vor allem die Tagesschau des alten Oppositionssenders TVN oder jene des vom PiS-Einfluss «gesäuberten» Staatsfernsehens TVP an. Republika berichtet von einer «Junta von Usurpatoren», die Polen seit dem Wahlsieg Tusks 2023 gegen den wahren Volkswillen beherrsche. Bei dem Polen von TVP und TVN handelt es sich um ein Land mit lächelnden Regierungspolitikern guten Willens, in dem nun alles wieder gut und EU-konform wird.Damit einher gehen Boykottaufrufe gegen gewisse Firmen und Geschäfte. Sie ändern sich, je nachdem, wer gerade regiert. Tankten viele Anhänger der liberalen Opposition in den Jahren der PiS-Herrschaft ihre Autos nicht mehr beim staatlichen Mineralölkonzern Orlen, so rufen seit 2024 PiS-Politiker zum Orlen-Boykott auf. Auch der Essenslieferdienst Pyszne.pl wird von vielen Anhängern der Konservativen boykottiert, weil die Firma ihre Werbung im Fernsehsender Republika eingestellt hat.Der staatliche Mineralölkonzern Orlen wird einmal von der einen Seite, dann wieder von der anderen boykottiert.Jakub Porzycki / NurPhotoDer Regierungswechsel überforderte viele PolenAuch die traditionell linke Kulturszene bleibt von dem Glaubenskrieg nicht verschont. Eine Mehrheit der Kulturschaffenden hatte sich zwar gegen die nationalkonservative Revolution gestellt, die die PiS ab 2015 einleitete. Doch der bekannte Barde und Schauspieler Jan Pietrzak hat sich dazu bekannt, die PiS zu unterstützen. Pietrzak hatte im wilden Sommer der Freiheit von 1981, als die Gewerkschaft Solidarnosc zehn Monate lang legal agieren konnte, den Hit «Dass Polen Polen sei» (polnisch: «Zeby Polska byla Polska») veröffentlicht, jenes Lied, das zur bekanntesten der informellen, antikommunistischen Solidarnosc-Hymnen wurde. Der Titel spielt auf die sowjetische De-facto-Besetzung Polens an, die Polen eben nicht das katholische Polen sein lasse.Zudem gibt es Musiker wie Kazik Staszewski von der Band Kult, der sich mit Erfolg zwischen den beiden politischen Lagern positioniert. Dazu gehören auch ein paar laute Stimmen aus der Subkultur, die die Politik als solche verhöhnen. «Das Land ist geteilt in zwei Teile, gemeinsam sind nur die Flagge und die Amtssprache», singt etwa die bekannte Punkband Dezerter.Der in der EU begrüsste Wahlsieg von Donald Tusk im Herbst 2023 hat die Situation nicht verbessert. Denn bei vielen der fast acht Millionen PiS-Wähler brach mit der Vereidigung der linksliberalen Dreierkoalition Tusks eine Welt zusammen. Der schnelle, radikale und teilweise mit juristisch zweifelhaften Methoden vorangetriebene Umbau von Staatsfernsehen und -radio hat viele ältere und oft einsame Polen entwurzelt. Die PiS hatte ihnen einen väterlichen Staat in die Wohnstuben gesendet, der sich um die Schwachen kümmert und die traditionellen Werte, allen voran die katholische Kirche, unterstützt und achtet. Die Häme gewisser liberaler Spitzenpolitiker im Umgang mit der Opposition verstärkte den Eindruck, es gehe den Wahlsiegern vor allem um Rache.Politiker stossen mit Versöhnungsversuchen an GrenzenBronislaw Czekala aus Bydgoszcz hat seit dem Wahlsieg von Tusks Koalition übers Auswandern nachgedacht. «Unter Tusks diabolischem Wolfsblick lässt sich hier nicht mehr leben», klagt der 66-Jährige. Wie viele PiS-Anhänger will er eigentlich nicht mit ausländischen Medien sprechen, tut es dann aber doch, unter der Prämisse, dass sein richtiger Name nicht genannt wird. Er habe Kroatien ins Auge gefasst: katholisch wie Polen und konservativ regiert, dazu viele Sonnenstunden und eine lange malerische Adriaküste, so erläutert er seine Überlegung. Es wurden Vorbereitungen getroffen, das Haus zum Verkauf ausgeschrieben.Doch schliesslich hielt die Enkelin den Mann zurück: «Meine Sehnsucht wäre doch zu gross gewesen», sagt er. Mit seiner Ehefrau hat er sich eingeigelt in einer eigenen Realität. Die beiden halten sich mit TV Republika zusammen in einem von Usurpatoren regierten Land auf, das den Volkswillen missachtet und die katholische Identität Polens zerstören will. Das Polen der Czekalas wird Berlin und Brüssel wehrlos ausgeliefert. Die Clique um den Landesverräter Tusk will die Homosexuellenehe einführen und bald auch die Euthanasie legalisieren.Es hat in den vergangenen Jahren immer wieder Versuche gegeben, die Spaltung des Landes zu überwinden oder zu lindern: von Politikern, der Kirche oder auch Nichtregierungsorganisationen. Aber insbesondere die Politiker mussten merken, wie dick die Bretter sind, die sie bohren. Tusks Aufrufe zur Versöhnung sind vielen zu unglaubwürdig. Aber auch prominente, versöhnliche Brückenbauer wie der frühere Parlamentspräsident Szymon Holownia sind mit ihren Bemühungen gescheitert. Holownia hatte letztmals im Wahlkampf um das Präsidentenamt versucht, zwischen den Lagern zu vermitteln.Ihm ist es zu verdanken, dass die Wahl des konservativen Karol Nawrocki schliesslich von allen Parteien anerkannt wurde. Belohnt wurde Holownia dafür jedoch nicht; seine Partei ist etwa zehnmal weniger beliebt als noch vor fünf Jahren. Auch die Bemühungen lokaler, unpolitischer NGO, von Künstlern oder der immer noch einflussreichen katholischen Kirche konnten nicht verhindern, dass sich der Graben eher vertieft hat, als dass er zugeschüttet worden wäre.Der frühere Parlamentspräsident Szymon Holownia wollte die Polarisierung in der Politik aufbrechen. Bei der Präsidentenwahl 2025 schied er aber in der ersten Runde aus.Kacper Pempel / ReutersKein Präsident für ganz PolenDas zeigte sich etwa bei der Antrittsrede von Karol Nawrocki im August 2025. Der knapp siegreiche neue Staatspräsident tat nicht einmal mehr so, als wolle er alle Polen vertreten. Damit hebt er sich noch einmal deutlich von seinem ebenfalls konservativen Vorgänger Andrzej Duda ab. Nawrocki hat in seinen neun ersten Amtsmonaten gegen mehr Gesetze der Tusk-Koalition sein Veto eingelegt als Duda in seiner ganzen zehnjährigen Amtszeit. Mit Duda hatte sich Tusk noch oft auf einen Kompromiss einigen können. Der Kleinkrieg zwischen Regierungssitz und Präsidentenpalast hat sich jedoch noch einmal deutlich zugespitzt. Das ist kein Wunder: Nawrocki wird als künftiger Kandidat für den Vorsitz der PiS gehandelt. Solange er jedoch noch Staatspräsident ist, gilt er als Integrationsfigur der polnischen Rechten.Der Wahlsieg von Karol Nawrocki bei den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Juni hat Menschen wie Czekala neue Hoffnung auf eine Rückkehr zu den alten Zeiten der PiS-Regierung gegeben. Inzwischen glauben viele Nawrocki-Wähler, dass der junge Quereinsteiger eher als der greise Jaroslaw Kaczynski die PiS bei den Parlamentswahlen 2027 zum Erfolg führen könne.Präsident Karol Nawrocki stellt sich gegen die Regierung von Ministerpräsident Donald Tusk und profiliert sich als möglicher nächster Anführer der Nationalkonservativen.Aleksandra Szmigiel / ReutersPassend zum Artikel