Comics als Gesellschaftssatire: Zwei Freundinnen unternehmen Tauchgänge im Bosporus. Und in die türkische WirklichkeitIn ihrer herausragenden Graphic Novel «In den trüben Gewässern Istanbuls» entwirft Özge Samancı ein rasantes und hochkomisches Bild der türkischen Gesellschaft kurz vor dem Aufstieg Erdoğans.Christian Gasser01.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie Freundinnen Ece und Meltem geraten in einen Strudel aus Korruption, religiöser Manipulation und Mord.Helvetiq-VerlagIstanbul um 1995. Die Studentinnen Ece und Meltem teilen ihre Armut, einen miefigen Schlafsaal im Wohnheim und ihre Leidenschaft fürs Tauchen. Bei einem Tauchausflug im Bosporus werden sie Zeuginnen eines ungewöhnlichen Todesfalls: Ein roter Cadillac sinkt an ihnen vorbei in die Tiefe, die Fahrerin – eine ihnen vage bekannte Mitstudentin – können sie nur tot bergen. Der Wagen gehört Aslan Adam, einem ehemaligen Polizisten, der nun, als Kopf einer neuen nationalistischen Partei, für das Amt des Oberbürgermeisters kandidiert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und dann geht es Schlag auf Schlag. Aber die Graphic Novel «In den trüben Gewässern Istanbuls» ist nie genau das, was sie zu sein vorgibt. Sie beginnt wie eine muntere Alltagskomödie um zwei ungleiche junge Frauen. Die temperamentvolle Ece kann ihren Mund nie halten und gerät deshalb immer wieder in die Bredouille; die kluge Meltem ist eine von allen Männern umworbene Schönheit und finanziert ihr Studium als Stewardess.Erst erzählt der Comic komödiantisch aus dem Studentenleben der 1990er Jahre – dann wird er zu einem rasanten Politthriller.Helvetiq-VerlagDie Komödie mutiert zum rasanten, dunklen Thriller, als der schwerreiche, aber zwielichtige Aslan Ece als Nachhilfelehrerin für seinen «schwierigen» Sohn verpflichtet und wenig später die jungen Frauen anheuert, einen gestohlenen Safe – angeblich voller Geldscheine – aus dem Bosporus zu fischen. Ece wittert die Chance, endlich zu Geld zu kommen, und hofft, Aslan über den Tisch ziehen zu können. Meltem ahnt die Gefahr, die von einem Mann wie Aslan ausgeht, doch lässt sie Ece nicht im Stich. Gleichzeitig nahen die Wahlen, Aslans Widersacher ist der Islamist Hamdi Pehlivan, in dem sich der Schatten Erdoğans andeutet.Plastische FigurenzeichnungGeschrieben mit der Präzision eines Uhrwerks, entwickelt die Geschichte immer mehr Spannung. Ece und Meltem geraten in einen Strudel aus politischer Korruption, religiöser Manipulation, Mord. Immer, wenn man glaubt, die Geschichte zu durchschauen, schlägt Özge Samancı einen nächsten Haken: «In den trüben Gewässern Istanbuls» erweist sich so gleichzeitig als Politthriller und Satire mit Verzweigungen in Religions- und Gesellschaftskritik. Es geht um patriarchalen Mief und selbstbewusste Frauen, ausserdem deckt Ece die Lüge ihrer Kindheit auf. Und ganz am Schluss stehen die zwei Freundinnen vor einem grossen ethischen Dilemma.Özge Samancı, Comicautorin.PDAll das kreuzt, reibt und verknäuelt sich, doch die Geschichte wird nie konfus. Zu gut ist die Erzählung, zu plastisch und glaubhaft die Figurenzeichnung, zu souverän die Dramaturgie, die Samancı mit einem feinen Gespür für Dynamik und Dramatik ausgestaltet. Zum Fluss und zum Witz tragen auch die schnellen und schmissigen Zeichnungen bei, die sich an die Tradition von Humorzeichnung und Karikatur anlehnen.Fort in die USADer Thriller-Plot ist Fiktion – alles andere jedoch, der Alltag als Studentin in Istanbul Mitte der 1990er Jahre, basiert auf Erlebtem. Ece ist Özge Samancıs Alter Ego. Als Kind träumte die 1975 geborene Samancı davon, Taucherin zu werden, doch ihr Vater drängte sie in eine Karriere als Ingenieurin. Sie studierte Mathematik, dann Kunst, zeichnete Comics und Karikaturen für das berühmte türkische Satiremagazin «LeMan» und migrierte 2003 – in dem Jahr, in welchem Erdoğan Ministerpräsident wurde – in die USA, wo sie seither als Comicautorin, Medienkünstlerin und Professorin lebt.So entzog sie sich den Erwartungen von Eltern, Familie und Gesellschaft, die sie nicht erfüllen konnte oder wollte. Diese Spannungen nicht zuletzt zwischen westlichen Werten und muslimischem Fundamentalismus reflektierte Samancı in ihrem autobiografischen Debüt «Dare to Disappoint: Growing Up in Turkey», in welchem sie fünfzehn Schlüsselmomente ihres Aufwachsens nachzeichnete – mit viel Witz.Özge Samancı webt in «In den trüben Gewässern Istanbuls» zwar einen dichten gesellschaftlichen Subtext, macht aber keine direkten politischen Aussagen. Sie fängt vor allem eine Stimmung ein: Sie beschwört den Moment kurz vor der Wahl Pehlivans, beziehungsweise Erdoğans, die zu einschneidenden Veränderungen in der Türkei führte.Helvetiq-VerlagErste Anzeichen für einen Kulturwandel sind bereits sichtbar. Das Kopftuchverbot, das an türkischen Universitäten lange rigoros durchgesetzt wurde, wird an Eces Uni aufgeweicht – einige Studentinnen tragen Kopftuch. Statt dieses Detail zu kommentieren, baut Samancı es in die Handlung ein: Dank dem Hijab und der Abaya einer traditionell gläubigen Mitstudentin können Ece und Meltem Aslans schwulen Sohn, der aus Angst vor seinem gewalttätigen Vater ausgerissen ist, als Frau verkleiden und in ihrem Wohnheim verstecken.Friede in der DuscheDen Alltag und das Lebensgefühl der jungen Frauen vermittelt Samancı auf glaubhafte Weise. Deutlich wird dies etwa in der Auseinandersetzung mit dem männlichen Blick in einer patriarchalischen Gesellschaft. Ece und Meltem werden von Männern grundsätzlich nicht ernst genommen, sie werden offensichtlich und schamlos angestarrt, beobachtet, bewertet, beurteilt, sogar bedroht. Auch das wird nicht gross kommentiert, sondern beiläufig gezeigt. Die Häufung solcher Situationen indes wirkt im Lauf des Romans zunehmend bedrückend. Frei und als ganz sie selbst fühlen sich Ece und Meltem nur, wenn sie zu zweit in der trockenen, da kaputten Dusche des Wohnheims sitzen. Oder wenn sie im Bosporus tauchen.Die Vermischung von Genres und Themen, die beiläufige Reflexion einer gesellschaftlichen Situation und der sich andeutenden Entwicklungen und vor allem die Balance zwischen Autofiktion, Satire und Thriller machen aus «In den trüben Gewässern Istanbuls» eine herausragende Graphic Novel, rasant und atmosphärisch, todernst und aberwitzig, mit Substanz und Tiefgang.Özge Samancı: In den trüben Gewässern Istanbuls. Aus dem Englischen von Silv Bannenberg. Helvetiq-Verlag, Basel 2026. 280 S., Fr. 35.90.Passend zum Artikel