Explosive Stimmung in Asien und Afrika: Die Folgen des Iran-Kriegs werden für die Menschen zur existenziellen BedrohungDie Dieselpreise haben sich verdoppelt, Beamte haben nur noch eine Vier-Tage-Woche, die Garküchen sind geschlossen. In vielen Schwellenländern zeigen sich die Auswirkungen der enormen Energiepreise immer stärker. Die NZZ-Korrespondenten berichten.Samuel Misteli (Nairobi), Ulrich von Schwerin (Mumbai), Martin Kölling (Tokio), Michael Rasch01.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenIllustration Anja Lemcke / NZZIn Europa und den USA sind die hohen Preise für Erdöl, Erdgas und daraus abgeleitete Produkte unangenehm. In vielen Ländern in Asien und Afrika sind die Preisanstiege aber schmerzlich und teilweise sogar existenzbedrohend. Die Korrespondenten der NZZ berichten über die Folgen der Hormuz-Krise in ihren Ländern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gerüchte über einen Lockdown in IndienIn den ersten zwei Monaten des Iran-Kriegs spürten die Inder die Energiekrise an den Tankstellen noch nicht. Die Regierung in Delhi hatte die Ölkonzerne angewiesen, die höheren Erdölpreise nicht an die Kunden weiterzugeben. In Indien sind 90 Prozent des Marktes für Benzin und Diesel in der Hand von drei grossen staatlichen Ölfirmen. Daher kann die Regierung die Preise bestimmen.Premierminister Narendra Modi wollte vermeiden, dass höhere Preise an den Tankstellen für Unmut bei den Wählern sorgen. Schliesslich standen Anfang Mai in fünf Teilstaaten wichtige Regionalwahlen an. Seit die Wahlen vorbei sind, hat Modi die Preise jedoch freigegeben. In nur zehn Tagen wurden die Preise für Benzin, Diesel und Erdgas an den Tankstellen viermal erhöht. Treibstoff ist jetzt so teuer wie seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Frühjahr 2022 nicht mehr.In den meisten asiatischen Ländern waren wegen des Iran-Kriegs bereits im März die Preise für Treibstoff deutlich erhöht worden. Vor allem in ärmeren Ländern wie Laos, Myanmar oder Nepal hatte der Staat nicht die finanziellen Ressourcen, um den Treibstoff zu subventionieren. So sind die Dieselpreise seit Beginn der Blockade der Strasse von Hormuz in Myanmar um rund 100 und in Laos gar um 150 Prozent gestiegen. Finanziell instabile Staaten wie Bangladesh, Pakistan und Sri Lanka waren gezwungen, eine Vier-Tage-Woche für Staatsbedienstete einzuführen und weitere Schritte zu ergreifen, um den Energieverbrauch zu senken.Inzwischen hat auch Indiens Premierminister Modi seine Landsleute aufgerufen, auf Fernreisen zu verzichten und ihren Energiekonsum zu reduzieren. Viele Inder fürchten, dass dies nur der Anfang ist. Es halten sich hartnäckig Gerüchte, dass die Regierung einen Lockdown wie zu Covid-Zeiten einführen werde.Was das Kochgas betrifft, ist Indien ohnehin längst im Krisenmodus. Schon Anfang März mussten viele Garküchen, Kantinen und Restaurants schliessen, weil sie keine Gasflaschen mehr erhielten. Andere sind seither auf Kohle oder Strom umgestiegen. Landesweit sind Millionen Arbeitsmigranten in ihre Dörfer zurückgekehrt, weil sie in den Städten kein Gas mehr zum Kochen bekommen. Auf den Baustellen von Mumbai und in den Textilfabriken von Surat fehlen nun die Arbeiter.Die höheren Kosten für den Import von Erdöl lassen Indiens Aussenhandelsdefizit steigen. Gleichzeitig ziehen ausländische Investoren seit Monaten vermehrt Geld aus dem Land ab. Dies drückt auf die Währung. Der seit Jahren anhaltende Wertverlust der Rupie hat sich beschleunigt. Seit Beginn des Iran-Krieges hat die Rupie gegenüber dem Dollar 6 Prozent verloren und nähert sich damit der symbolisch wichtigen Schwelle von 100 Rupien zum Dollar.Noch sehen Ökonomen keinen Grund zur Panik. Anders als bei der letzten grossen Währungskrise 2013 verfügt Indien heute über grosse Devisenreserven. Die Wirtschaft ist gesund und wächst weiterhin stark. Die Inflation ist niedrig, auch dank einer guten Ernte im Jahr 2025. Doch dieses Jahr dürfte die Ernte wegen des El-Niño-Phänomens geringer ausfallen, auch dürften die höheren Benzin- und Dieselpreise die Lebensmittel verteuern. Vor allem ärmere Inder werden in den kommenden Monaten ihren Gürtel enger schnallen müssen.In Japan steigt das KrisengefühlIn Japan herrscht eine Disharmonie zwischen amtlicher Entwarnung und unternehmerischem Krisengefühl. Die Regierung beschwichtigt die wachsenden Sorgen der Menschen, dass dem Land bei wichtigen Öl-Derivaten Versorgungsengpässe drohen. Zwar ist Japan vor dem Krieg zu 95 Prozent von Ölimporten aus der Golfregion abhängig gewesen. Der grösste Teil davon wurde durch die Strasse von Hormuz transportiert. Doch die Regierung erklärt, dass sie im Juni 70 Prozent des Ausfalls aus anderen Quellen decken könne und keine Sparmassnahmen nötig seien.Unternehmen schalten trotzdem in den Krisenmodus, besonders für Produkte, die mit dem Rohöldestillat Naphtha hergestellt werden. Dazu gehört Plastik, aber auch Druckerfarbe. Die Regierung sagt zwar, dass es insgesamt genügend Naphtha gebe. Aber Naphtha ist nicht gleich Naphtha. Bei bestimmten Sorten gibt es bereits Lieferengpässe, der Preis hat sich inzwischen beinahe verdoppelt.Das hat Folgen: Ein Nagelhersteller berichtet zum Beispiel, dass sein Absatz steil ansteigt. In der Logistik stellen nämlich immer mehr Kunden von Plastik- auf Holzpaletten um, die sie selbst zusammenzimmern. Der Kartoffelchips-Hersteller Calbee verzichtet bei 14 Produkten auf eine farbig bedruckte Verpackung. Darunter befinden sich auch drei der beliebtesten Chipssorten. Andere Unternehmen setzen auf einfachere Plastikverpackungen.Auch der Staatshaushalt leidet unter den hohen Benzinsubventionen der Regierung. Tokio hatte den Benzinpreis schon vor dem Krieg bei maximal 170 Yen (0.83 Franken) gedeckelt. Durch den Anstieg des Erdölpreises schnellten die Subventionen auf zuletzt über 40 Yen (0.20 Franken) pro Liter in die Höhe. Im Sommer will die Regierungschefin Takaichi zusätzlich die höheren Stromkosten von Familien für die Klimaanlagen bezuschussen.Takaichi sah sich deshalb gezwungen, bereits zu Beginn des seit April laufenden Geschäftsjahres einen 15 Milliarden Franken grossen Nachtragshaushalt anzukündigen. Dieser Schritt trieb wiederum die Renditen von langfristigen Anleihen weiter in die Höhe. Die Anleger sorgen sich nämlich immer mehr um die finanzielle Stabilität des extrem hoch verschuldeten Landes.Die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen ist zeitweise auf 2,8 Prozent hochgeschnellt. Bei diesem Wert seien wegen höherer Zinslasten negative Auswirkungen auf die Wirtschaft zu erwarten, sagt Takahide Kiuchi, Ökonom beim Nomura Research Institute. Die Lage sei kritischer, als die Regierung zugebe, zumal auch die saudische Pipeline zum Roten Meer mit einem militärischen Schlag unterbrochen werden könnte.Es bestehe die Gefahr eines dauerhaften Ausfalls von Lieferungen aus der Golfregion, sagt Takahide Kiuchi. Japans Erdölreserven seien im März 2027 erschöpft. Ab dann müsse Japan mit dem noch zur Verfügung stehenden Öl wirtschaften. Das würde die japanische Wirtschaft seiner Meinung nach schlagartig in eine schwere Rezession stürzen. Die Regierung müsse daher auch «Massnahmen zur Nachfragedämpfung» vorantreiben.Angst vor Ernährungskrise in vielen Ländern AfrikasIn Nairobi herrscht Krisenstimmung. «Die Regierung muss etwas tun. Wenn es so weitergeht, können wir bald unsere Kinder nicht mehr ernähren», sagt Michael Kimani. Der 29-Jährige steuert gerade seinen Bus durch die Strassen von Kenyas Hauptstadt. Nairobi hat sechs Millionen Einwohner, an manchen Ecken kollabiert der Verkehr fast täglich. Doch gerade tuckert der Busfahrer Kimani ungestört voran.Die Ruhe ist eine direkte Folge des Iran-Kriegs. Die kenyanische Regierung hat den Dieselpreis Mitte Mai um ein Viertel erhöht, der grösste Sprung seit zwei Jahrzehnten. Seit Kriegsbeginn ist der Preis für Diesel um die Hälfte gestiegen, jener für Benzin um ein Fünftel.Manche Autofahrer können es sich nicht mehr leisten, ihre Tanks zu füllen. Und viele, die den öffentlichen Verkehr benützen, können den Fahrpreis kaum noch bezahlen. Mit dem Dieselpreis sind nämlich auch die Fahrpreise auf vielen Strecken um 50 Prozent gestiegen.Michael Kimani fährt seit fünf Jahren Bus. Auf seiner Strecke sind die Preise nicht gestiegen. «Wenn wir die Preise erhöhen, haben die Leute nichts mehr zu essen», sagt er. Ein Fahrgast ist unterwegs zu seiner Arbeitsstelle an der Supermarktkasse. Er sagt: «Oder wenn du willst, dass dir noch Geld bleibt für Essen, gehst du halt zu Fuss.»Selbst auf Kimanis Linie gehen die Leute vermehrt zu Fuss. Denn auch wenn er den Preis nicht erhöht, müssen viele Fahrgäste nach der Fahrt mit ihm noch auf andere Linien umsteigen, die inzwischen höhere Preise haben. Hinter Kimani im Bus sitzen gerade acht Leute. Platz hätte es für dreissig.Die Treibstoffkrise ist für viele Menschen existenziell. Millionen leben von umgerechnet ein paar Franken pro Tag. Busgebühren können bei vielen mehr als ein Viertel des Lohns auffressen. Hinzu kommt, dass auch die Preise für Lebensmittel, die einen noch grösseren Teil der Ausgaben ausmachen, wegen des Iran-Kriegs gestiegen sind.Michael Kimani, Busfahrer in Kenyas Hauptstadt Nairobi.Samuel MisteliDie Lage ist deshalb angespannt. Mitte Mai streikten die Transportunternehmer während zweier Tage: Die Busse fuhren nicht, viele Schulen und Läden hatten geschlossen. Auch Michael Kimani streikte. Demonstranten stiessen mit der Polizei zusammen, mindestens vier Personen wurden getötet, 700 verhaftet.Die Regierung verhandelte mit den Transportunternehmern. Sie erklärte sich bereit, den Dieselpreis um 10 Shilling zu senken. Die Mehrwertsteuer auf Benzin hatte sie zuvor schon von 16 auf 8 Prozent gesenkt. Für Kimani ist das ein schwacher Trost: «Sie haben zuerst stark erhöht, dann ein wenig gesenkt. Das geht nicht auf.»Kimani muss dem Besitzer des Busses jeden Tag 4000 Shilling abliefern, das sind umgerechnet 25 Franken. Das Benzin bezahlt er selbst. Sein Gehalt sind die Einnahmen aus den Billetts minus die Ausgaben. Vor dem Krieg blieben ihm pro Tag umgerechnet 10 Franken. Nun sind es an manchen Tagen weniger als 4 Franken.Die kenyanische Regierung ist wegen der Lage zwar unter Druck – aber sie ist auch klamm. Kenya ist hoch verschuldet. Die Regierung braucht die Steuern auf Benzin auch, um die Schulden zu bedienen. Sie kann es sich eigentlich nicht leisten, den Preis künstlich niedrig zu halten. Präsident William Ruto sagte nach dem Streik von Mitte Mai, die Regierung habe schon bisher 170 Millionen Franken ausgegeben, um die Preisschocks abzufedern.Das Bild ist an vielen Orten in Afrika ähnlich. Weil es nur wenige funktionierende Raffinerien auf dem Kontinent gibt, sind afrikanische Länder davon abhängig, teuren raffinierten Treibstoff zu importieren. Im östlichen und südlichen Afrika kommen drei Viertel des importierten Benzins aus dem Nahen Osten.Regierungen überall auf dem Kontinent bemühen sich verzweifelt, den Schock zu mildern. Südafrika zum Beispiel versucht, die Preise über Stabilisierungsfonds bezahlbar zu halten, treibt so aber die Staatsverschuldung in die Höhe. Sambia hat im Mai eine Notverordnung erlassen, die den Treibstoffverkauf an Privatfahrzeuge auf 20 Liter pro Tag beschränkt.Der Senegal wiederum hat Strassenprojekte und andere Infrastrukturprojekte eingefroren, um Geld in den Energiesektor umzuleiten, und die äthiopische Regierung hat ein bereits geplantes Verbot für den Import von Benzinautos vorgezogen. Nun dürfen nur noch Elektrofahrzeuge importiert werden.Kenyas Regierung, schon vor dem Iran-Krieg höchst unbeliebt, beteuert gegenüber der Bevölkerung, sie könne nichts für die explodierenden Benzinpreise. Sie habe Iran schliesslich nicht angegriffen.Doch der Busfahrer Kimani, auf dessen Bus eine grosse USA-Flagge gemalt ist, misstraut seiner Regierung. Diese könne sehr wohl etwas mit den hohen Preisen zu tun haben, so korrupt sei sie. Er sagt: «Wir haben alle zu wenig Geld. Wir müssen wieder streiken.»Der Bus von Michael Kimani mit stilisierter US-Flagge am Heck.Samuel MisteliPassend zum Artikel