InterviewWarum manche essen können, was sie wollen – und andere die Schokolade sofort auf der Hüfte habenDer Mediziner Tim Hollstein erforscht Stoffwechseltypen. Er hat eine gute Nachricht: Wer zu Übergewicht neigt, kann aktiv gegensteuern.12.03.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenVerschwenderische Stoffwechseltypen verbrennen Kalorien schnell. Sparsame Stoffwechseltypen setzen eher Fett an.Robert Daly / GettyEs ist unfair: Manche Menschen können essen, so viel sie wollen, und bleiben schlank. Andere müssen Kalorien zählen, um ihr Gewicht zu halten. Der Arzt und Stoffwechselforscher Tim Hollstein vom Universitätsklinikum Kiel untersucht die Stoffwechseltypen und hat ein Buch über sie geschrieben: «Das Kuchen-Paradox». Er weiss, man kann sein Schicksal beeinflussen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herr Hollstein, darf ich ganz schamlos fragen: Sind Sie ein sparsamer Stoffwechseltyp, der schnell an Gewicht zulegt, oder ein verschwenderischer Typ, der kaum zunimmt?Ich bin definitiv ein verschwenderischer Stoffwechseltyp. Mein Körper verbrennt Kalorien, als gäbe es kein Morgen.Tim Hollstein.PDSie können also essen, was Sie wollen, und werden nicht dick?Das habe ich lange Zeit tatsächlich getan. In meiner Kindheit, meiner Jugend und während meines Medizinstudiums hatte ich ein fürchterliches Ernährungsverhalten. Ich habe mehrere Packungen Süssigkeiten pro Tag gegessen. Teilweise habe ich auf die Art 2000 zusätzliche Kalorien aufgenommen. Trotzdem blieb ich sehr schlank. Jetzt, mit 40 Jahren, ist meine Figur immer noch ähnlich wie früher. Ich habe ein bisschen Gewicht zugenommen, weil ich Kraftsport treibe. Was sich noch geändert hat: Ich ernähre mich viel gesünder.Sie verzichten freiwillig auf Süssigkeiten, obwohl sie Ihnen nichts anhaben können?Ich bin eben mittlerweile Ernährungsmediziner. Ich weiss, dass man sich als Verschwender-Typ ebenfalls gesund ernähren sollte. Bei mir war es ganz konkret so, dass meine Cholesterinwerte richtig stark angestiegen sind. Da habe ich eingesehen, dass Schlanksein kein Freifahrtschein für Schokolade ist.Sie erforschen, wie sparsame und verschwenderische Stoffwechseltypen auf Diäten oder Überernährung reagieren. Wie finden Sie heraus, zu welcher Gruppe eine Person gehört?Der Goldstandard dafür ist die Stoffwechselkammer. Die Versuchsperson lebt für einen Tag darin. Dort nutzt sie zwischendurch ein Laufband oder soll bestimmte Nahrungsmittel essen. In der Kammer sind ein Bett, ein Fernseher, ein Waschbecken, eine Toilette. Man kann darin wirklich leben, der Raum ist aber hermetisch abgeriegelt. Denn so können wir über die Ein- und die Ausatemluft genau messen, wie viele Kalorien die Person verbraucht.Wie geht das?Wenn wir Energie verbrennen, entsteht unter anderem CO2. Anhand der Raumluft messen wir, wie viel Sauerstoff die Person aufgenommen hat und wie viel CO2 sie ausgeatmet hat. So berechnen wir den Kalorienverbrauch. Diese Messungen sind sehr aufwendig, und es gibt gar nicht so viele von diesen Stoffwechselkammern. Begonnen habe ich mit dieser Forschung in den USA. Aber auch hier in Kiel, wo ich mittlerweile tätig bin, haben wir zwei solcher sogenannter Raum-Kalorimeter.Nach der Bestimmung des Stoffwechseltyps beginnt die eigentliche Arbeit: Sie haben bei Ihrem Forschungsaufenthalt in den USA geschaut, wie unterschiedlich stark die verschwenderischen und sparsamen Typen zu- und abnehmen. Dafür mussten Sie die Studienteilnehmer wie Labormäuse beobachten, richtig?Wir haben die Leute tatsächlich wie bei einem Maus-Experiment sechs Wochen lang in der Klinik eingesperrt, sie beim Essen gefilmt und darauf geachtet, dass sich manche nicht mehr bewegen als andere. Trotzdem haben die Leute sehr unterschiedlich viel Fett und Gewicht verloren. Daran sieht man den Einfluss des Stoffwechseltyps.Warum nehmen die Verschwender stärker ab als die Sparsamen?Das braune Fett spielt eine wichtige Rolle.Braunes Fett?Das braune Fett ist eine Art körpereigene Heizung. Zuerst entdeckte man es bei kleineren Säugetieren, zum Beispiel bei Murmeltieren, Ratten oder Mäusen. Es hält sie warm. Irgendwann hat man erkannt, dass auch menschliche Babys braunes Fett haben. Sie brauchen es ebenfalls, um ihre Temperatur zu regulieren. Man dachte lange, dass der erwachsene Mensch keines habe. Aber das stimmt nicht. Es war einfach schwer nachweisbar, weil es wenig ist – selbst bei denen, die verhältnismässig viel davon haben.Wie viel steckt davon in unserem Körper?Erwachsene haben bis zu 300 Gramm davon. Man hat dann entdeckt, dass Menschen, die vergleichsweise viel davon haben, gesünder sind. Sie sind schlanker, haben seltener Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.Was hat das braune Fett mit dem Gewicht zu tun?Wir wissen mittlerweile, dass braunes Fett nicht nur bei Kälte aktiv wird, sondern auch nach Nahrungsaufnahme. Es verbrennt dann Kalorien. Dazu passt, dass sich Menschen mit einem verschwenderischen Stoffwechseltyp nach dem Essen oft besonders warm fühlen. Das geht mir auch so. Wenn ich eine reichhaltige Mahlzeit esse, fange ich regelrecht an zu schwitzen. Ausserdem gibt es Hinweise darauf, dass sich Menschen mit mehr braunem Fett schneller satt fühlen.Wie kann es dann sein, dass Sie als Verschwender so einen grossen Drang hatten, viel Schokolade zu essen?Die Stoffwechseltypen können auch nicht alles rund ums Körpergewicht erklären. Sie sind eines von vielen Puzzleteilen. Womöglich habe ich noch ganz andere Vorteile, die mich dazu prädestinieren, viel Schokolade zu essen und trotzdem schlank zu bleiben. Übrigens gibt es auch Verschwender, die dick werden. Zum Beispiel, weil sie aus emotionalen Gründen enorm viel essen oder bestimmte genetische Nachteile haben, die wir noch nicht kennen.Es gibt Menschen, die können jahrelang essen, so viel sie wollen, und auf einmal nehmen sie doch zu. Ändert sich ihr Stoffwechseltyp?Bewiesen ist das noch nicht. Was wir bis jetzt wissen: Braunes Fett geht im Alter zurück. Deswegen würde ich erwarten, dass der Stoffwechsel im Alter sparsamer wird. Das ist aber eine reine Hypothese von mir. Ich möchte künftig in einer Studie die Stoffwechseltypen im zeitlichen Verlauf messen.Ist der Stoffwechseltyp ein genetisch bedingtes Schicksal?Er ist teilweise genetisch, aber auch epigenetisch festgelegt. Es gibt Hinweise darauf, dass ein Kind eher zum Verschwender wird, wenn es in einer kalten Umgebung gezeugt wurde.Wie kann das sein?Ist es über einen gewissen Zeitraum kalt, dann bringt das Spermium bei der Zeugung epigenetisch die Information mit, dass das Kind mehr braunes Fett braucht. Forscher aus Zürich haben das vor einigen Jahren in Maus-Studien gesehen.Über den Menschen sagt ein Maus-Experiment wenig aus. Geschieht bei unserer Spezies tatsächlich etwas Ähnliches?Forscher des Universitätsspitals Zürich haben sich Daten von ganz vielen Menschen angeschaut. Sie konnten nachweisen, dass Menschen, die im Winter gezeugt wurden, mehr braunes Fett haben und tendenziell schlanker sind als diejenigen, die im Sommer gezeugt wurden. Auch eine Studie aus Japan kam zu diesem Ergebnis. Mein Tipp also an alle Frauen: Schickt den Mann eine Woche vor der Zeugung täglich in die Eistonne.Und wenn man mit eher wenig braunem Fett geboren ist: Kann man es vermehren?Das geht – auch wieder vor allem über Kälteexposition.Man soll frieren?Ja. Kalt duschen oder eisbaden aktiviert das braune Fettgewebe zum Beispiel. Denn braunes Fett ist die Heizung unseres Körpers. Die wird angeschaltet, wenn uns kalt ist. Auch die Industrie arbeitet daran, braunes Fett zu aktivieren. Es wäre natürlich sehr praktisch, wenn man das bequem mit einer Spritze schaffen würde. Im Moment gelingt das noch nicht, aber ich erwarte, dass das in absehbarer Zeit klappen wird.Sie schreiben in Ihrem Buch über die Stoffwechseltypen, dass Sie Ihren Lebensstil stark angepasst haben. Warum? Sie sind doch sowieso ein Verschwender-Typ.Ich will meinen Stoffwechsel möglichst lange verschwenderisch halten. Ich gehe also eisbaden und dusche jeden Tag kalt. Die Leute denken wahrscheinlich, ich bin verrückt, denn ich gehe auch im Winter in kurzer Hose durch Kiel. Ich praktiziere zudem Intervallfasten und esse für gewöhnlich nur einmal am Tag – vor allem unverarbeitete Nahrung. Denn dabei muss der Körper ziemlich viel Energie aufwenden, um sie zu verdauen.Haben Sie als ohnehin schlanker, fitter Mensch durch diese Lebensstiländerung positive Folgen gespürt?Ich fühle mich fit, wach und motiviert und habe ein hohes Energielevel. Das habe ich nicht, wenn ich mich vor allem von Schokolade ernähre. Da merke ich wirklich einen Unterschied.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel