Moskau testet Norwegen auf SpitzbergenRusslands Aktivitäten im hohen Norden nehmen zu, die strategische Bedeutung des norwegischen Archipels wächst. Oslo steht vor einem heiklen Balanceakt.Ingrid Meissl Årebo, Stockholm31.05.2026, 15.03 Uhr4 LeseminutenDer norwegische Kronprinz Haakon hat im August 2025 die Inselgruppe Spitzbergen besucht.Lise Aaserud / NTB«Grönland ist nutzlos; warum übernehmen sie nicht Spitzbergen», riet der kroatische Staatspräsident kürzlich seinem amerikanischen Amtskollegen Donald Trump. Die zu Norwegen gehörende Inselgruppe biete mit seinen eisfreien Gewässern mehr strategisches Potenzial.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dass sich die Besitzansprüche Trumps nach Spitzbergen ausweiten werden, ist laut dessen Grönland-Berater nicht wahrscheinlich. Thomas Emanuel Dans meinte Anfang Februar, Norwegen leiste gute Arbeit, Spitzbergen frei und sicher zu halten. «Wir sehen dort nicht dieselben Risiken wie in Grönland», zitierte ihn die norwegische Fernsehanstalt NRK.Allerdings hat Russlands Präsenz im Nordpolarmeer während des vergangenen Jahrzehnts markant zugenommen. Beate Gangas, die Chefin des norwegischen Inland-Nachrichtendienstes, sprach kürzlich von der schwierigsten sicherheitspolitischen Lage ihres Landes seit dem Zweiten Weltkrieg. Nicht zuletzt das Risiko russischer Sabotageakte, Cyberangriffe, Einflussoperationen und Rekrutierungsversuche ist gemäss Norwegens neustem Sicherheitsbericht stark gestiegen. Im Visier Russlands: Die nordnorwegischen Provinzen sowie Spitzbergen, auf halber Distanz zwischen Nordkap und Nordpol liegt. Die Inselgruppe markiert das Eingangstor zur Barentssee und damit auch zur Kola-Halbinsel, wo Russlands Atom-U-Boote, Eismeerflotte und Bombenflugzeuge stationiert sind.Vertraglich geregelte SouveränitätDas einstige Niemandsland gehört seit hundert Jahren zu Norwegen. Der 1925 in Kraft getretene Spitzbergenvertrag gewährt dem Staat volle Souveränität über den Archipel, der anderthalbmal so gross ist wie die Schweiz. Darin eingeschlossen ist das Recht auf Selbstverteidigung, nicht aber der Bau militärischer Anlagen. Niederlassen dürfen sich auf Spitzbergen Menschen aller 44 Länder, die dem völkerrechtlichen Abkommen beigetreten sind, unter ihnen Russland als Rechtsnachfolger der Sowjetunion.Der Grossteil der gut 2500 Personen lebt im Hauptort Longyearbyen. Dazu kommen rund 340 Russinnen und Russen im einstigen Grubendorf Barentsburg, das vom Staatsunternehmen Arktikugol betrieben wird. Im unrentablen Kohleabbau arbeiten nur noch wenige; er dient Russland vor allem als Vorwand, den Beobachtungsposten auf der Insel aufrechtzuerhalten. Seit Putins Einmarsch in der Ukraine bleiben die Touristen dem arktischen Dorf mit Konsulat, Hotel, Museum und Sowjetnostalgie fern. Auch die früher regen Kontakte mit dem 55 Kilometer entfernten Longyearbyen liegen auf Eis. Derweil steigt das politische Thermometer, oder wie Norwegens Aussenminister Espen Barth Eide kürzlich sagte: «Die Arktis ist heiss und kann kaum heisser werden».Seit der Annexion der Krim 2014 hat Russland seine Provokationen auf Spitzbergen intensiviert. Wie schon die Sowjetunion während des Kalten Krieges wird es nicht müde, die norwegische Souveränität infrage zu stellen. Als sich Longyearbyen vorigen August für die 100-Jahr-Feier des Spitzbergenvertrags herausschmückte, liess Moskau verlauten, dass Norwegen ebendieses Abkommen verletze, antirussische Diskrimination ausübe und die Insel militarisiere. Damit, behauptete ein Sprecher des russischen Aussenministeriums, wolle Oslo den Archipel in den Einflussbereich der Nato-Planungsstrukturen einbinden.Ans eigene Publikum gerichtet ist das Narrativ der russischen Erstbesiedelung: Weil Spitzbergens Erde mit dem «Schweiss und Blut der Vorfahren» getränkt sei, verdiene nicht Norwegen, sondern Russland eine Sonderstellung. Gemäss schriftlichen Quellen landete der Holländer Willem Barents 1596 als erster auf «Svalbard», der «kühlen Küste», die zu einem Eldorado für europäische Walfänger wurde, bevor sie im 19. Jahrhundert zunehmend in Vergessenheit geriet. Erst der Kohleabbau machte das unwirtliche Gebiet wieder interessant – für Amerikaner, Europäer und Russen gleichermassen.Um das eigene Geschichtsverständnis zu festigen, inszeniert Russland gerne patriotisch-religiöse Akte. In Barentsburg und im 1998 Knall auf Fall verlassenen Grubenort Pyramiden werden Gedenkanlässe mit Militärparaden gefeiert: Fahnenschwingende Patrioten sollen die Illusion bieten, dass Putins Kriegskurs sogar in der Arktis unterstützt wird. Der wohl spektakulärste Vorfall spielte sich 2023 im Geisterort Pyramiden ab: Putins Lieblingsbischof segnete dort ein sieben Meter hohes russisch-orthodoxes Kreuz. Das dem Schutzpatron der Soldaten gewidmete Kreuz wurde nicht nur illegal aufgestellt, es war auch mit dem St-Georgs-Band geschmückt, einem propagandistischen Militärabzeichen, das zum Symbol geworden ist für Russlands Krieg in der Ukraine.Um russische Touristen nach Spitzbergen zu locken, sollen diesen Sommer erstmals Schiffe zwischen Murmansk und Barentsburg verkehren. Russinnen und Russen könnten damit die Visumspflicht umgehen.Viel kritische InfrastrukturNach den jüngsten Sabotageakten in der Ostsee steigt die Angst vor Angriffen auch auf Spitzbergen, wo es viel kritische Infrastruktur gibt: In der Siedlung Ny-Alesund steht das nördlichste Forschungszentrum der Welt, in Longyearbyen neben Energieanlagen, Flugplatz, Tiefseehafen und Universität eine globale Saatgutbank. Ein 1400 Kilometer langes Unterwasserkabel zum Festland vernetzt nicht nur die Arktis, sondern auch die weltgrösste Satelliten-Bodenstation SvalSat mit Kunden wie Nasa, ESA und globalen Wetterdiensten. 2022 warf Russland SvalSat vor, seine über hundert Antennen auch für militärische Zwecke zu nutzen. Wenig später wurde eines der zwei Glasfaserkabel beschädigt. Den Verdacht, dass russische Trawler den Kabelbruch verursacht hatten, konnte Norwegen nicht beweisen.Laut Stian Bones, Geschichtsprofessor an der Arctic University in Tromsö und Mitverfasser einer neuen Analyse der Bedrohungslage, ist Spitzbergen für Moskau zu einem Testballon geworden. Mit den umfangreichen Operationen im Graubereich zwischen Krieg und Frieden schwäche und fordere es nicht nur Norwegen, sondern die gesamte Nato heraus.Das nordische Land geht einen schwierigen Balanceakt: Soll es Russlands immer frechere Aktionen ignorieren – mit dem Risiko, dass diese weiter zunehmen werden? Oder soll es sie scharf kritisieren – auf die Gefahr hin, sich Diskriminierung, Vertragsverletzung oder der Einschränkung der Meinungsäusserungsfreiheit vorwerfen zu lassen? Regierungschef Jonas Gahr Störe hat bisher geduldig wiederholt, dass Spitzbergen zum unteilbaren Königreich Norwegens gehöre. Seine Worte klingen wie das Echo seiner dänischen Amtskollegin Mette Frederiksen, deren Sorge indes Grönland gilt.Passend zum Artikel