Weil sie sich von den Corona-Schutzmaßnahmen ihrer Freiheit beraubt fühlte, tauchte Karla Schulz mit ihren zwei Kindern unter. So schreibt sie es zumindest in ihrem Abschiedsbrief. Ob das wirklich der Hauptgrund war, darüber lässt sich bisher nur spekulieren. An einem Tag im August 2021 jedenfalls kam der Vater der Kinder im Raum Cottbus von der Arbeit nach Hause, um festzustellen, dass seine Kinder mitsamt Mutter verschwunden waren. Frieda war zu der Zeit sieben Jahre alt, ihr Bruder Alfons acht. Der Vater meldete sie als vermisst. Seitdem fehlt von ihnen fast jede Spur.Es sind zwei von sechs Kindern, die das Bundeskriminalamt (BKA) mit seiner bundesweiten Kampagne „Spurlos verschwunden“ sucht. Sie stehen exemplarisch für die 4468 Kinder und Jugendlichen, die zum Stichtag am 1. Mai in Deutschland vermisst wurden. Das BKA hofft auf Hinweise aus der Bevölkerung und macht dafür in Videobotschaften in sozialen Medien auf die Fälle aufmerksam, in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … Ungelöst“ und auf Hinweistafeln im öffentlichen Raum.Karla Schulz hat ihre Kinder dem Rest der Familie ohne rechtliche Grundlage entzogen. Zu Beginn gab es noch Hinweise auf ihren Verbleib. Kontobewegungen etwa: Im März 2023 hat noch jemand in Chemnitz Geld abgebucht. Weitere Hinweise führten im selben Frühjahr zu einem Bauernhof in Buggenhagen in Mecklenburg-Vorpommern. Danach verlor sich die Spur.Hierzulande so unter dem Radar zu leben wie Karla Schulz mit ihren Kindern, das sei erstaunlich, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft in Cottbus. „Wir haben Kontoanfragen gemacht, haben Schulen und Ämter angefragt. Also quasi überall, wo ein normaler Mensch Spuren hinterlassen muss.“ Doch Geldabhebungen gebe es schon lange keine mehr. Die Kinder besuchen seit ihrem Verschwinden keine Schule, es sind auch keine ärztlichen Untersuchungen dokumentiert. Seit 2023 sind weder Karla Schulz noch ihre Kinder krankenversichert. Neuere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass sie sich im Raum Frankfurt (Oder) aufhalten könnten.Der Großteil der Fälle vermisster Kinder klärt sich schnell auf, doch einige fehlen seit Jahren oder JahrzehntenWenn sich in einem Fall wie diesem lange nichts tut, werden die Ermittlungen vorläufig eingestellt, erklärt die Staatsanwaltschaft. Die vermissten Personen sind aber weiterhin zur Fahndung ausgeschrieben. Und der Fall wird immer mal wieder hervorgeholt und geprüft, kommt aufgrund neuer Hinweise, Absprachen oder eines Personalwechsels wieder in die Gänge. So auch jener von Frieda und Alfons Schulz.Der Großteil der Tausenden Fälle vermisster Kinder in Deutschland klärt sich schnell auf: Im vergangenen Jahr betraf das etwa 18 500 von mehr als 19 000 Vermissten, teilt das BKA mit. Die allermeisten Kinder und Jugendlichen kehren wohlbehalten in ihr soziales Umfeld zurück. Doch einige fehlen seit Jahren, teils Jahrzehnten. Mehr als 2100 Minderjährige sind laut BKA schon länger als ein Jahr verschwunden, 634 länger als fünf Jahre. Der älteste ungeklärte Fall eines vermissten Kindes in Deutschland stammt aus dem Jahr 1968.Unter den sechs vermissten Kindern und Jugendlichen im Mittelpunkt der neuen BKA-Kampagne ist auch Sven Hollstein, der 1985 mit sechs Jahren aus seinem Wohnhaus in Ludwigshafen verschwand. Die zwölfjährige Sandra Wißmann wurde zuletzt im Jahr 2000 beim Einkaufen am Kottbusser Damm in Berlin gesehen. Katrin Konert verschwand mit 15 auf dem Heimweg am Neujahrsabend in Bergen an der Dumme. Und Inga Gehricke wird seit einem Familientreffen bei Stendal in Sachsen-Anhalt im Jahr 2015 vermisst. Sie war damals fünf Jahre alt.Dass speziell diese Fälle für die Kampagne ausgewählt wurden, habe nichts mit Priorisierung zu tun, sagt das BKA. Die Fälle stünden beispielhaft für verschiedene Facetten des Themas und Herausforderungen für Angehörige und Ermittler. Solche Kampagnen sollen Aufmerksamkeit generieren und neue Hinweise sammeln. Dank der internationalen Kampagne „Identify Me“ etwa gingen entscheidende Hinweise im Fall des „Mädchens aus dem Main“ ein.Hilfreich können auch Beobachtungen sein, die nebensächlich oder unbedeutend erscheinen. Das gilt gerade bei lange zurückliegenden Fällen. „Hierzu zählen beispielsweise Erinnerungen an ortsfremde Personen oder Fahrzeuge, die zunächst unauffällig erschienen“, schreibt das BKA, „oder alltägliche Wahrnehmungen im Umfeld des letzten bekannten Aufenthaltsortes einer vermissten Person.“ Jedes Detail, ob zeitlich oder örtlich, könnte entscheidend sein.Zu den Vermisstenfällen der Kampagne sind auf der Website des Bundeskriminalamts neben den bekannten Details bisher unveröffentlichte Fotos zu sehen. Hinweise lassen sich direkt über die Website oder bei den zuständigen Polizeidienstellen einreichen. Jede andere Dienststelle nimmt sie ebenfalls entgegen. Zu Frieda und Alfons Schulz haben die Ermittlerinnen und Ermittler seit Kampagnenstart bereits Hinweise bekommen – auch vielversprechende.