Paris lernt das Feiern, das fußballerische. Noch geht es nicht ohne Clashs mit der Polizei, ohne Ausschreitungen, ohne Plünderungen von Läden, ohne Sachbeschädigungen am Mobiliar der Stadt. Aber allmählich kommt das dann vielleicht auch mal, muss ja, man ist jetzt eine respektable und respektierte Hausnummer des Weltfußballs. „Légendaires“, titelt die Zeitung Le Parisien am Morgen danach, dazu das Mannschaftsbild des schon wieder siegreichen PSG. L'Équipe stanzt das neue Selbstverständnis in eine Zeile, die sie wohl selbst für unmöglich gehalten hätte, sagen wir: vor eineinhalb Jahren. „Les invincibles.“ Die Unbesiegbaren.Es lag eine schwüle Hitze auf Paris, als es dann endlich 21.01 Uhr war und die Erlösung in Form eines verschossenen Elfmeters im Finale der Champions League gegen den FC Arsenal aus Budapest herüberschwappte in den voll besetzten Parc des Princes, in dessen Mitte PSG einen Kubus aus vier Großbildschirmen gestellt hatte für das Public Viewing, in die Bars der Stadt, auf die Terrassen mit Bildschirmen. Wie eine Welle in mehreren Schüben kam die Erlösung, weil das Internet nun mal nicht überall gleich schnell ist. Beim Elfmeterschießen war diese verzerrte Gleichzeitigkeit natürlich besonders ärgerlich. Stand man in einer Bar mit langsamem Internet, hörte man aus der Bar nebenan mit schnellerem Internet schon, ob der Spieler, der doch gerade erst anlief, treffen würde oder nicht. Geht mehr Spoiler?Finale der Champions League:Paris beherrscht den KontinentAls erst zweite Mannschaft gewinnt Paris Saint-Germain den wichtigsten Klubwettbewerb zweimal nacheinander. Ein Tor von Kai Havertz und ein Aufreger in der Verlängerung reichen dem FC Arsenal nicht.Arsenals fünfter Schütze, der Brasilianer Gabriel, vergab also. Im Zeitraffer vergab er gleich mehrmals, von Bar zu Bar, und Paris entlud sich in seinem ganz eigenen Mix aus Freude und Anarchie. Wieder brannten danach Autos und Fahrräder. Wieder schossen Fans Feuerwerk in Richtung der CRS, eines besonders unpopulären Korps der französischen Polizei. Wieder wurde der „Périph'“ blockiert, die große Ringstraße.426 Personen nahm die Polizei im ganzen Land vorläufig fest, manche auch in Grenoble, Agen, Bordeaux, die meisten aber in Paris. Doch da die Zahl aus der Nacht stammt, muss man annehmen, dass sie erst provisorischen Charakter hat. Sieben Beamte wurden verletzt, einer von ihnen offenbar schwer. Innenminister Laurent Nuñez sprach von „absolut inakzeptablen Ausschreitungen“.22 000 Polizisten hatte er mobilisiert für diesen Abend, etwa die Hälfte von ihnen allein für die Sicherung der Hauptstadt. Im Vorjahr, als PSG den ersten Henkelpott seiner Vereinsgeschichte gewonnen hatte, war es zu wüsten Szenen gekommen, vor allem auf den Champs-Élysées. Im Chaos war ein junger Mann auf einem Motorrad von einem Auto angefahren worden und erlag seinen Verletzungen. Diesmal verrammelten die Ladenbesitzer an der Paradeavenue ihre Boutiquen mit Barrikaden aus Stahl und Holz – ziemlich professionell mittlerweile, routiniert auch, sicher ist sicher.Man fürchtete einen neuerlichen Triumph, so paradox das auch klingt. Den Taumel und die Tumulte. Jubelnächte im Fußball sind in Paris Bühnen vieler Akteure, und nicht alle haben Fußball im Sinn.Die extreme Rechte im Land instrumentalisiert die Kollateralschäden solcher Nächte als Beweis für die Probleme mit der ImmigrationDa sind zunächst die Fans von PSG, die alten und die ganz frisch dazugekommenen, sie machen wohl etwa 95 Prozent des Feiervolkes aus. Sie formen eine lange Zeit frustrierte Gemeinde aus dem Zentrum der Stadt und aus den Banlieues, die den plötzlichen Ruhm ihres Vereins noch kaum fassen kann. Sie rufen zwar schon seit Jahren im Chor „Ici, c'est Paris“, das hier ist Paris, als müsste man sie fürchten. Doch gefürchtet ist Paris erst, seit Katar die Pariser finanziert, seit 2011. Zunächst wurden sie nur ein bisschen gefürchtet, nun plötzlich sehr.Die ausgelassene Euphorie der Fans kommt vor allem daher, aus einem trotzig abgestreiften Frust. Le Parisien schreibt jetzt „Für immer legendär“ – das ist eine hübsche Ableitung eines Slogans der großen Rivalen im Land, von Olympique de Marseille. Die Marseillais hatten als erste französische Mannschaft die Champions League gewonnen. 1993 war das. Seither nerven sie die Pariser mit ihrem Motto „À jamais les premiers“: Für immer die Ersten.Wieder brannten Autos und Fahrräder: 426 Personen wurden von der Polizei in der Nacht vorläufig festgenommen, nicht nur in Paris. Die Zahl dürfte noch steigen. Kenzo Tribouillard/AFPNeben den Fans mit ihren überbordenden Herzen gehen aber in solchen Nächten auch junge Menschen aus den Vorstädten auf die Straße. Sie nutzen und schüren das Chaos, um sich dann mit der Polizei zu prügeln, der sie vorwerfen, es immer nur auf sie abgesehen zu haben. Sie haben gewissermaßen politische Motive, genährt aus vielen polizeilichen Übergriffen in den Banlieues, auch tödlichen. Die ersten Tränengasschwaden zogen schon durch die Straßen im 16. Arrondissement, in der Umgebung des Prinzenparks, da war der unglückliche Gabriel noch gar nicht zum Elfmeter angetreten.Und dann gibt es noch eine kleine Schar von Leuten, die im Schatten der Freude Schaufenster einwerfen, Kleider klauen, oder was sie halt finden, eine Mikrowelle, ein Handy. Es sind Trittbrettfahrer des Triumphs. Sie haben eher banale, kleinkriminelle Motive.Die extreme Rechte im Land stellt die Kollateralschäden solcher Nächte immer als Beweis dafür hin, dass Frankreich ein Problem habe mit seiner Bevölkerung in den Banlieues, mit Immigranten, dass der Staat das Phänomen nicht unter Kontrolle habe, kurz: dass es endlich Zeit sei, dass sie an die Macht komme. Marine Le Pen und ihr Ziehsohn Jordan Bardella vom Rassemblement National redeten auch jetzt wieder so, mit viel Lust an der politischen Instrumentalisierung.Nun, Paris lernt gerade das Feiern. Irgendwann gelingt wohl auch das ohne strafrechtliche Folgen.
Paris nach dem Champions-League-Triumph: Eine Nacht in Taumel und Tumult
22 000 Polizisten waren mobilisiert, weil in Paris nach Fußballtriumphen viele Akteure auf den Straßen unterwegs sind – und nicht alle leben nur ihre Freude aus. Chronologie einer Nacht.











