Etwa eine Million Fans hatten sich im Laufe der Weltmeisterschaft 2006 im Olympiapark versammelt, um gemeinsam Fußball zu schauen. Diese Heim-WM wurde zum Sommermärchen, das Münchner Fan-Fest mit seiner Mischung aus Public Viewing, Musik und Gastronomie galt als vorbildlich. Die damals offiziell von der FIFA ausgerichtete Public-Viewing-Veranstaltung wurde in München bei folgenden Fußballwettbewerben auch ohne Beteiligung des Weltverbandes fortgeführt, nach der WM 2010 allerdings ging das Interesse daran zurück. Von „Fan Fest“ in „Fan Zone“ umbenannt gab es für das Event bei der Heim-Europameisterschaft 2024 im Olympiapark dann aber wieder großen Zuspruch: 703 000 Zuschauer besuchten die Fan Zone im Verlauf der EM.Nun steht die WM 2026 bevor, der erste Anpfiff ertönt am 11. Juni in Mexiko-Stadt. Die Vorzeichen für eine mögliche Rekordteilnahme an Public Viewings sind allerdings mehr als ungünstig, unter anderem, weil diesmal knapp 10 000 Kilometer entfernt von München angestoßen wird. Bedingt durch die Zeitverschiebung in den Austragungsländern USA, Mexiko und Kanada sind die Übertragunsgzeiten in Deutschland ungewöhnlich. In der Gruppenphase steht die Nationalelf entweder um 19 oder 22 Uhr mitteleuropäischer Zeit auf dem Platz, ein Sieg in Gruppe E liefe auf 22.30 Uhr hinaus. Der dritte Platz in der Gruppenphase oder potenzielle Finalspiele könnten dann auch Anstöße zu nachtschlafender Zeit bringen, beispielsweise um 3.30 Uhr in Kansas City.Braucht München unter diesen Umständen eine Fan Zone im Ausmaß wie im Jahr 2024? Ja, so die SPD-Fraktion im Stadtrat. In einem Antrag fordert sie den Olympiapark und die Stadtverwaltung auf, ein „bewusst niedrigschwelliges“ Public Viewing am Hans-Jochen-Vogel-Platz zu ermöglichen. Doch allein aus terminlichen Gründen wäre das Vorhaben schwierig: Das Actionsport-Festival Mash, zwei Konzerte der Toten Hosen und der Sommernachtstraum München fallen allesamt in die WM-Spielzeit und belegen den Hans-Jochen-Vogel-Platz mindestens teilweise. Der Lauf B2Run würde ein eventuelles Public Viewing zum Halbfinale zunichtemachen, das Spiel um Platz drei fiele dem Sommernachtstraum zum Opfer, zumal Auf- und Abbauzeiten ebenfalls einkalkuliert werden müssen.Die Fan Zone bei der Heim-EM 2024. Die SPD-Fraktion im Münchner Stadtrat möchte, dass es bei der WM 2026 genauso aussieht. Karl-Josef HildenbrandDer Olympiapark steht vor dem Dilemma, dass er über den Zeitraum der WM keine Fläche dauerhaft für eine Fan Zone zur Verfügung stellen kann. „Wir hätten also über das Turnier hinweg wechselnde Spielstätten und manche Spiele können wir gar nicht anbieten, weil keine Location verfügbar ist“, erklärt Tobias Kohler, Pressesprecher der Olympiapark GmbH. Man könnte eventuell vom Hans-Jochen-Vogel-Platz auf die Olympiahalle ausweichen. Ob sich Fans aber davon begeistern lassen, im Hochsommer in der Halle Fußball zu schauen, ist fraglich. Das Olympiastadion ist wegen Sanierungsarbeiten ohnehin geschlossen.„Ein Public Viewing kann sich bei sehr guter Auslastung durch Eintritt und Gastronomie finanzieren, wobei sich die Kosten des Fußballfestes sicherlich im siebenstelligen Bereich bewegen würden“, so Kohler. Die von der SPD geforderte, öffentlich zugängliche Veranstaltung „ohne Konsumzwang“ wäre in ihrer Finanzierung deutlich schwieriger.Voraussichtlich müssen die Münchner Fans ihren WM-Sommer also im Biergarten oder in der Sportsbar verfolgen. Hier kommt die Stadt jenen entgegen, die Public Viewing draußen anbieten wollen. Das Kreisverwaltungsreferat (KVR) hat die Sperrstunde in einer Ausnahmeregelung nach hinten verschoben. In Außenbereichen dürfen die Gaststätten WM-Spiele bis 1 Uhr nachts und wieder ab 6 Uhr morgens zeigen, falls deren Außengastronomie nicht aus Lärmschutzgründen ohnehin auf 22 Uhr beschränkt ist.Im Biergarten des Paulaner Brauhaus am Kapuzinerplatz holt Wirt Zeno Kratzer das Maximum aus dem WM-Auftakt: Neben den drei Vorrundenpartien mit deutscher Beteiligung zeigt das Brauhaus zwanzig weitere Spiele der Gruppenphase. „Münchner Communities dürfen gerne auf uns zukommen, damit wir für alle Spiele ohne deutsche Beteiligung das richtige Flair hinbekommen“, wirbt Kratzer. Die argentinischen und spanischen Fans ließen sich das nicht zweimal sagen. So ist beispielsweise für die Partie Argentinien-Österreich am 22. Juni ein DJ gebucht, der den Zuschauern mit argentinischen Sounds einheizt. Solche Angebote würden „unfassbar gut angenommen“, sagt Kratzer.Zeno Kratzer, Wirt des Paulaner Brauhaus am Kapuzinerplatz. Robert Haas/Robert HaasDas Paulaner Brauhaus ist nur eine von vielen Gaststätten, die Public Viewing im Freien anbieten, wobei die meisten ausschließlich Spiele zeigen, die bis spätestens 22 Uhr starten. Der Sonderregelung zufolge muss der Außenbereich bis 1 Uhr vollständig geleert sein, was eine Übertragung späterer Spiele in Biergärten faktisch sinnlos macht. Ein Hotspot für WM-Nachteulen ist das Pub Kilian's, das mit Münchens brasilianischer Community zusammenarbeitet. Bei der Partie Brasilien gegen Haiti am 20. Juni um 2.30 Uhr bleibt der Innenbereich länger geöffnet, davor spielt Livemusik aus Ipanema.