Sie nannten ihn «Wühlmaus»: Nachruf auf einen der berühmtesten Fluchthelfer für DDR-BürgerHasso Herschel, der Tunnel unter der Berliner Mauer grub und einen Cadillac zum Fluchtgefährt umbaute, ist 91-jährig gestorben.Adrian Meyer31.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenFür Hasso Herschel war die Fluchthilfe mehr als ein Beruf: «Ich wollte denen helfen, die ich liebte, und jenen schaden, die ich hasste.»Scherhaufer / Ullstein / GettyHasso Herschels erster Versuch, seine Schwester zu sich in den Westen zu holen, geht schief. Monatelang hatten Westberliner Fluchthelfer im Sommer 1962 einen 60 Meter langen Tunnel gegraben. Er führt unter der Mauer, die die Stadt seit einem Jahr teilt, nach Ostberlin, direkt unter ein Häuschen im DDR-Grenzgebiet. Als sich die Fluchthelfer bis dorthin vorgegraben haben, sägt Hasso Herschel, der Mann für den Durchbruch, den Holzfussboden im Wohnzimmer von unten durch. Da ruft eine Stimme: «Macht, dass ihr wegkommt, haut ab!» Worauf Herschel laut der Zeitung «Die Welt» antwortet: «Ich dachte, sie wollen weg?»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eigentlich sollten Dutzende Menschen durch den Tunnel vor der SED-Diktatur flüchten, unter ihnen Herschels Schwester und deren einjährige Tochter. Er selbst war erst vor kurzem aus der DDR geflüchtet. Nun will er seine Familie nachholen. Doch als er vom Ende des Tunnels ins Wohnzimmer kriechen will, schleicht bereits die Stasi ums Haus. Ein Spitzel hatte den Tunnel verraten. Herschel kann gerade noch entkommen. Für rund achtzig DDR-Bürger aber wird der Tag zum Desaster: Die Stasi verhaftet sie wegen «versuchter Republikflucht» und sperrt einige davon jahrelang ein. Herschels Schwester wurde zum Glück nicht gefasst.Deshalb versucht er wenige Wochen später den nächsten Durchbruch. Seit Monaten arbeitet er mit mehr als vierzig Helfern an einem weiteren, 135 Meter langen Tunnel unter der Mauer an der Bernauer Strasse, mit Hacken, Spaten und im Schichtbetrieb. Diesmal klappt alles. Am 14. und 15. September 1962 flüchten 29 Menschen durch den schlammigen Stollen, unter ihnen Herschels Schwester, ihr Mann und deren Tochter. Der sogenannte «Tunnel 29» wird weltberühmt, denn ein Kamerateam des US-Senders NBC filmt den Bau und die spektakuläre Flucht für einen Emmy-prämierten Dokumentarfilm.Die bisher grösste Massenflucht an der Mauer demütigt das DDR-Regime. Doch für Herschel, den man nun «Wühlmaus» nennt, markiert sie den Beginn einer ungewöhnlichen Karriere: Er wird zu einem der erfolgreichsten Fluchthelfer an der innerdeutschen Grenze. Etwa tausend Menschen, behauptet er, habe er in den Westen gebracht. «Ich wollte denen helfen, die ich liebte», sagt er einmal zur «Berliner Zeitung», «und jenen schaden, die ich hasste.»Geboren wird Hasso Herschel 1934 in Dresden. Als Neunjähriger überlebt er die Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Als Schüler in der DDR begeistert er sich für den Sozialismus. Doch sein Weltbild bekommt Risse, als er im Alter von 16 Jahren von der Polizei verhört wird. Er hatte eine Menschenschlange fotografiert, die vor einem Kiosk für Lebensmittel anstand. «Danach kippte es», sagt er in einem Interview. Beim Arbeiteraufstand 1953 marschiert er mit. Die Stasi verhaftet ihn, worauf er von der Schule fliegt. «Langsam war ich fertig mit dem System», sagt er im Interview.Es sollte noch schlimmer kommen. Herschel studiert in Westberlin, als er 1955 bei einem Besuch seiner Eltern in Dresden verhaftet wird. Er hatte im Westen illegalerweise eine Kamera, ein Fernglas und eine Schreibmaschine aus der DDR verkauft, um sein Studium zu finanzieren. Dafür wird er zu fast fünf Jahren Zuchthaus und Zwangsarbeit verurteilt. Von der unmenschlichen Haft, sagt er einmal, habe er noch jahrzehntelang geträumt.Wenige Wochen nach dem Bau der Berliner Mauer entkommt Herschel im Oktober 1961 mit einem gefälschten Schweizer Pass durch den Checkpoint Charlie. In Westberlin sucht er sogleich Fluchthelfer für seine Schwester. In einem Wohnheim findet er schliesslich jene Studenten, die den Tunnel 29 planen. Zur Finanzierung des Baus hatte ein Teil der Gruppe Filmrechte an den Sender NBC verkauft. Herschel erhält daraus 15 000 Deutsche Mark.Beflügelt vom Erfolg, gräbt er zwei Wochen später bereits am nächsten Stollen, der jedoch verraten wird, so wie viele andere Fluchttunnel. Deshalb setzt Herschel auf neue Methoden: Er baut einen Cadillac um, in dem er Flüchtlinge hinter dem Armaturenbrett versteckt; er besorgt gefälschte Pässe, schmiert ungarische Lkw-Fahrer oder besticht Diplomaten. Manchmal kommt sogar ein Helikopter zum Einsatz. Um die Fluchten zu finanzieren, nimmt er Geld, jeweils 6000, später 12 000 Mark. Die Spitzelberichte über ihn in der Stasi-Behörde füllen mehr als einen Kubikmeter. «Fluchthelfer zu sein, war für mich ein ganz normaler Job, der auch nichts mit Mut zu tun hatte», sagt er zur «B. Z.», «dafür mit Hass auf das DDR-Regime.»Nach zehn Jahren verkauft er 1972 seine Fluchtwagen und Kontakte für mehr als 100 000 Mark. Er investiert in Restaurants und Discos in Berlin, kauft sich eine Villa mit Schwimmbad, hat drei Kinder von drei Frauen. Dann verliert er in den neunziger Jahren sein ganzes Geld mit einem Steakhouse, das durch die BSE-Krise pleitegeht. Hoch verschuldet zieht er auf den Bauernhof seiner Schwester nach Brandenburg.Im Jahr 2012 wird Herschel mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die Anerkennung brauche er eigentlich nicht, sagt er einmal der «B. Z.». «Ich hatte viel Erfolg und habe viele Menschen glücklich gemacht. Das ist Dank genug.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel