PfadnavigationHomeGeschichteHasso Herschel †Rund tausend Menschen holte er in die FreiheitStand: 12:56 UhrLesedauer: 5 MinutenHasso Herschel auf der Baustelle des Besuchertunnels der Berliner Unterwelten nahe seines letzten, gescheiterten Fluchttunnelprojekts von 1970/71 (aufgenommen 2018) Quelle: Sven Felix KellerhoffGut ein Jahrzehnt lang kämpfte Hasso Herschel von West-Berlin aus gegen die SED-Diktatur – indem er die Mauer unterminierte. Jetzt ist der erfolgreichste aller Fluchthelfer im Alter von 91 Jahren verstorben.Die gefährlichste Aufgabe übernahm er gern selbst: beim Durchbruch ganz vorn. Zum Beispiel am 7. August 1962. Natürlich war es Hasso Herschel selbst, der von unten her die Holzdielen des Hauses des Ehepaars Sendler in der Kiefholzstraße 388 durchsägte. Doch als er seinen Kopf durch das Loch steckte, das vielleicht zwanzig mal dreißig Zentimeter klein war, hörte er eine Frau schreien: „Was machen Sie hier?“ und „Hauen Sie bloß ab!“ Herschel antwortete, stehend in dem mehr als 60 Meter langen Tunnel von West- nach Ost-Berlin: „Ich dachte, Sie wollen weg!“ Doch die Frau sagte: „Nein, um Gottes willen, warum sollen wir weg?“ Hasso bot ihr Geld, denn er wusste, dass in der weiteren Umgebung des einfachen Holzhauses Dutzende fluchtwillige DDR-Bürger auf die Chance warteten, die SED-Diktatur unterirdisch verlassen zu können.Doch im selben Moment schlichen sich bewaffnete DDR-Grenzer zum Haus, wie ein Beobachter der Fluchthelfer vom Westen der geteilten Stadt aus sah. Über das im Tunnel mitgebrachte Feldtelefon wurde Herschel informiert. Er sagte seinem Freund Uli Pfeifer, mit dem er zusammen den Durchbruch gewagt hatte, er solle verschwinden, „ich würde dann nachkommen“. Beide Tunnelgräber entkamen gerade noch rechtzeitig – doch eine größere Zahl der Fluchtwilligen nahm die DDR-Staatssicherheit fest und sperrte sie monate-, teilweise jahrelang ein. Glück im Unglück: Anita, Hasso Herschels Schwester, war nicht unter ihnen. Lesen Sie auchDeshalb wagte Hasso nur fünf Wochen später, am 14. September 1962, den nächsten Durchbruch: Gegen 17.40 Uhr öffneten die Tunnelbauer im Keller des Hauses Schönholzer Straße 7 den Boden von unten. Mit durchgeladener Pistole sicherte Hasso Herschel die Treppe nach unten – weil in den Monaten zuvor DDR-Grenzer zwei Tunnelgräber kurzerhand erschossen hatten, waren die Fluchthelfer nun bewaffnet. Diesmal klappte alles. In zwei Nächten nutzten 29 Menschen den 135 Meter langen Stollen unter der Bernauer Straße, um in die Freiheit zu kommen. Darunter waren auch Anita und ihre Tochter Astrid. Und obwohl diese beiden für Hasso Herschel das Hauptmotiv gewesen waren, die anstrengende und hochgefährliche Arbeit als Tunnelgräber zu wagen, machte er als Fluchthelfer weiter – und wurde zum insgesamt Erfolgreichsten: Rund tausend Menschen holte er mit seiner Organisation bis in die 1970er-Jahre aus der DDR. Am 21. Mai 2026 ist Hasso Herschel, wenige Wochen nach seinem 91. Geburtstag, verstorben. Das bestätigte die Familie gegenüber WELT.Sein Leben war geprägt vom Widerstand gegen die kommunistische Diktatur. Geboren im März 1935 in Dresden, lehnte er schon als Jugendlicher das sozialistische System der DDR ab. Am 17. Juni 1953 beteiligte er sich an Demonstrationen und wurde für mehrere Wochen eingesperrt. Da er in Ost-Berlin nicht studieren durfte, schrieb er sich in West-Berlin ein und pendelte täglich. Die regelmäßigen Wechsel über die damals noch offene und wenig kontrollierte innerstädtische Grenze nutzte er zum Schmuggeln. Wegen „Wirtschaftsverbrechen“ erhielt er in der DDR eine sechsjährige Haftstrafe.Lesen Sie auchNach Schließung der innerstädtischen Grenze ab dem 13. August 1961 durch die Berliner Mauer flüchtete Herschel im Oktober 1961 mit einem fremden Schweizer Pass aus der DDR – und engagierte sich umgehend in der West-Berliner Fluchthelferszene. Von Mai 1962 an grub er oft ganz vorn mit am Tunnel unter der Bernauer Straße und, nachdem wegen eines Wasserrohrbruchs die Arbeit dort unterbrochen werden musste, ab Juli am Stollen unter der Kiefholzstraße zwischen dem West-Bezirk Neukölln und Treptow im Osten.Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenNach dem erfolgreichen „Tunnel 29“ (so genannt wegen der Zahl der dadurch geflüchteten Deutschen) verlegte sich Herschel auf andere Methoden. Zum Beispiel bestach er Diplomaten, die in den Kofferräumen ihrer Autos DDR-Bürger über den Checkpoint Charlie brachten – sie wurden nicht kontrolliert. Oder er beteiligte sich an den Umbaukosten von Autos, in deren trickreich eingebauten Verstecken gelenkige Fluchtwillige durch die immer schärferen Grenzkontrollen der DDR kamen. Wenn allerdings einmal etwas schiefging, bedeutete das jahrelange Haft für den gescheiterten Flüchtling und oft zehn Jahre für den Fluchthelfer. Ihr Engagement speiste sich wie bei Hasso Herschel meist einerseits aus der Gegnerschaft zum SED-Regime und andererseits aus dem Wunsch, Angehörigen und Bekannten zu helfen. Wenn die oft trickreich ausgeheckten Fluchtwege, intern „Touren“ genannt, einmal funktionierten, wurden sie auch für andere DDR-Bürger geöffnet. Lange Zeit war diese Form des Widerstandes gegen die SED-Diktatur praktisch vergessen. Die Beteiligten schwiegen, denn seit etwa 1964 brachten einige westdeutsche Medien sehr negative Berichte über Fluchthilfe. Da die Akten der zuständigen Desinformationsabteilung der Stasi-Abteilung 1989 vollständig vernichtet wurden, ist nicht nachweisbar, ob diese Artikel aus Ost-Berlin „inspiriert“ waren; es liegt aber nahe, einen solchen Zusammenhang anzunehmen.Lesen Sie auchDa Fluchthilfe mit hohen Kosten verbunden war, für Baumaterial, Umbaukosten von Autos und Honorare für Fahrer, die den riskanten Transit wagten, nahm Hasso Herschel wie andere West-Berliner Fluchthelfer auch Geld von Flüchtlingen. Doch im Gegensatz zu halb- oder ganz kriminellen Schleusern handelte es sich meist um reine Erfolgshonorare. Herschel deckte mit dem Geld seine Un- und Lebenshaltungskosten, denn Fluchthilfe zu organisieren war zeitaufwendig. Auch nach der Deutschen Einheit blieb an den mutigen West-Berliner Fluchthelfern der 1960er- und 1970er-Jahre der schlechte Ruf hängen, den die Stasi zielgerichtet verbreitet hatte. So dauerte es bis Ende 2012, bevor Herschel und 14 weitere Männer das Bundesverdienstkreuz erhielten. Hasso Herschel unterstützte die Erinnerung an die einzigartige Tunnelgräber- und Fluchthelfer-Szene im geteilten Berlin der 1960er-Jahre bis ins hohe Alter. So wirkte er beim Besuchertunnel des rührigen Vereins Berliner Unterwelten mit, der den letzten von Herschel und Pfeifer gegrabenen, allerdings erfolglosen Fluchtstollen unter der Bernauer Straße erlebbar macht. Als Zeitzeuge berichtete er interessierten Berlin-Besuchern über die Fluchthilfeszene. Sein Leben war Grundlage der allerdings sehr freien Adaption des TV-Zweiteilers „Der Tunnel“ von 2001; Heino Ferch spielte darin eine an Herschel sowie den Fluchthelfer Harry Seidel angelehnte Figur namens „Harry Melchior“.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zusammen mit Dietmar Arnold von den Berliner Unterwelten veröffentlichte er die Bücher „Die Fluchttunnel von Berlin“ (2008) und „Unterirdisch in die Freiheit“ (2015).
Hasso Herschel †: Rund tausend Menschen holte er in die Freiheit - WELT
Gut ein Jahrzehnt lang kämpfte Hasso Herschel von West-Berlin aus gegen die SED-Diktatur – indem er die Mauer unterminierte. Jetzt ist der erfolgreichste aller Fluchthelfer im Alter von 91 Jahren verstorben.








