Sie sind die Überflieger unter den Insekten: Distelfalter ziehen von Skandinavien bis nach Zentralafrika – und zurückDistelfalter wiegen keine 300 Milligramm – und fliegen Tausende Kilometer weit. Wie entscheiden sie über ihre Flugrouten? Woran orientieren sie sich? Und weshalb tun sie sich den ganzen Stress an?Till Hein31.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenWie ein Nomade zieht er durch die Welt, als eine Art Mehrgenerationenprojekt: Der Distelfalter.GettyAls Familie zu verreisen, ist eine Herausforderung. Dem Kleinen wird vielleicht im Auto schlecht, die Mama hasst es, im Zelt zu übernachten. Der Papa will keine Ruinen besichtigen – und der Teenager wäre sowieso am liebsten zu Hause vor der Playstation geblieben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Manche Schmetterlingsfamilien dagegen scheinen wie fürs Reisen geboren zu sein. Nomadenhaft ziehen sie durch die Welt, als Mehrgenerationenprojekt. Dass Zugvögel gewaltige Distanzen zurücklegen, weiss jedes Kind. Den Sommervögeln dagegen traut man Fernreisen gemeinhin nicht zu.Insbesondere Distelfalter (Vanessa cardui) haben jedoch nicht nur anmutige Flügel mit «Augen»-Mustern in Rostrot, Schwarz und Weiss. «Eine wunderschöne und farbenprächtige Schmetterlingsart», sagt die Biodiversitätsforscherin Daria Shipilina. «Was sie aber ganz besonders macht, ist ihre unglaubliche Langstreckenmigration.»Millionen Individuen dieser Schmetterlingsart seien Jahr für Jahr unterwegs, erzählt die Wissenschafterin. Als Mitarbeiterin des Institute of Science and Technology Austria (Ista) in Klosterneuburg unternahm Shipilina, die inzwischen an der Universität Wien arbeitet, Forschungsreisen nach Benin, Senegal und Marokko, Spanien, Portugal und Malta.Überall sammelte und untersuchte sie Distelfalter, um deren Reiserouten zu entschlüsseln. Sie und ihre Kollegen analysierten zum Beispiel die Verhältnisse bestimmter Isotope – unterschiedliche Atome des gleichen chemischen Elements, die sich je nach Umweltbedingungen im Gewebe anreichern – in den Flügeln der Schmetterlinge.Die Zusammensetzug chemischer Elemente in den Flügeln der Tiere lässt darauf schliessen, wo ihre Raupen welche Pflanzen gefressen haben.R. Sturm / Imago«Die Raupen sind unglaublich gefrässig und setzen viel Fett an», erzählt Daria Shipilina. Ausgewachsene Distelfalter dagegen nehmen nurmehr wenig Nahrung auf. «Die Isotopensignatur in den Flügeln lässt daher auf die Pflanzen rückschliessen, die ein solcher Falter als Raupe gefressen hat.» Und weil bekannt ist, in welchen Regionen der Welt welche Art Vegetation überwiegt, kann man herausarbeiten, wo der Schmetterling geschlüpft sein muss und seine Reise begann.Nach dem Prinzip einer StafetteShipilina und ihre Kollegen haben festgestellt, dass Distelfalter die Alpen und das Mittelmeer überwinden und manche sogar die Sahara. Aus Skandinavien ziehen viele dieser Schmetterlinge bis nach Zentralafrika und wieder zurück – eine der längsten Insektenwanderungen der Welt, insgesamt bis zu 12 000 Kilometer. Dabei beträgt ihre Lebenszeit bloss rund drei Wochen. Wie ist das möglich?Die Migration der Distelfalter laufe nach dem Prinzip einer Stafette ab, fanden die Forschenden heraus. «Jedes Individuum reist in einem Abschnitt des jährlichen Migrationszyklus, und seine Nachkommen setzen anschliessend die Reise fort», erklärt Daria Shipilina. Bis zu zehn Generationen sind an einem solchen jährlichen Wanderzyklus beteiligt.Laborexperimente haben gezeigt, dass sich die Tiere am Sonnenstand und am Erdmagnetfeld orientieren. Manipuliert man die Lichteinstrahlung oder verändert die lokale Ausrichtung des Magnetfelds durch Helmholtz-Spulen oder andere technische Geräte, so lassen sich die Falter verwirren und fliegen nicht mehr entlang der Nord-Süd-Achse. Zudem vermuten Fachleute, dass Distelfaltern auf ihren Fernreisen – ähnlich wie den Zugvögeln – Berge, Meerengen und andere weithin sichtbare Landschaftselemente als Wegmarken dienen.40 Stunden kann ein solcher keine 300 Milligramm schwerer Schmetterling ohne Zwischenstopp fliegen und dabei bis zu 4200 Kilometer zurücklegen. Beim Überqueren der Sahara nutzen manche günstige Winde in einer Höhe von 3000 Metern als zusätzlichen Antrieb – und gelangen so bis nach Zentralafrika. Andere Distelfalter machen in Nordafrika wieder kehrt.Besonders spannend: Die Forschenden fanden keine genetischen Unterschiede zwischen den Kurzstrecken- und den Langstreckenfliegern. «Bei Zugvögeln ist das völlig anders», sagt Daria Shipilina. Bei den Weidenlaubsängern etwa sei eine grosse Region auf den Chromosomen mit unterschiedlichen Migrationsrichtungen verknüpft. «Dies verdeutlicht, wie verschiedene Genomzusammensetzungen zu unterschiedlichen Verhaltensweisen führen können.» Die Reisemuster der Distelfalter dagegen liessen sich auch nicht mit Faktoren wie dem Geschlecht oder der Grösse der Flügel in Verbindung bringen.Shipilina vermutet inzwischen, dass sich die unterschiedlichen Migrationsstile durch phänotypische Plastizität erklären lassen. «Dabei handelt es sich um die Fähigkeit eines Organismus, seinen Phänotyp – in diesem Fall die Lang- oder Kurzstreckenreisen – als Reaktion auf Umweltbedingungen anzupassen, ohne sein genetisches Make-up zu verändern», sagt die Biodiversitätsforscherin.Ihr nomadisches Leben hat einen biologischen Vorteil: Distelfalter paaren sich unterwegs nicht ausschliesslich innerhalb ihrer Reisegruppe.Ger Bosma / GettyVielleicht werden manche Distelfalter in Schweden im Sommer zum Beispiel durch die rasche Umstellung der Tageslänge oder andere saisonale Einflüsse dazu veranlasst, ihre Fernreise über die Sahara bis nach Zentralafrika zu starten. Und im Gegensatz dazu nehmen die Falter in Südfrankreich, wo die Tage länger sind, diese Reize nicht wahr, fliegen daher nur kürzere Strecken und kehren bereits in Nordafrika wieder um.Reisen erweitert den HorizontEine Frage aber bleibt: Die grosse Mehrzahl der Schmetterlingsarten ist ortstreu und überwintert in Mitteleuropa in einem geschützten Unterschlupf, sei es als Ei, Raupe, Puppe oder adultes Tier. Distelfalter dagegen setzen sich Jahr für Jahr den Gefahren einer gigantischen Reise aus. Warum tun sie sich die Strapazen an?Daria Shipilina lacht. «Auch das Überwintern in unseren Breiten wäre für diese Falter stressig und riskant», sagt sie. Denn leicht könnten sie dabei erfrieren. «Durch die Migration dagegen optimieren sie ihre Chancen, in jeder Generation die für die Eiablage und Ernährung ihrer Raupen am besten geeigneten Witterungsverhältnisse vorzufinden.» Zugute kommt den Distelfaltern dabei, dass ihre Larven die Blätter und Blüten unzähliger unterschiedlicher Pflanzen als Nahrung verwerten können.Ihr nomadisches Leben hat noch einen weiteren biologischen Vorteil: Distelfalter paaren sich unterwegs nicht ausschliesslich innerhalb ihrer Reisegruppe. Daria Shipilina und ihre Kollegen haben festgestellt, dass es neben den Pendlern zwischen Skandinavien und Afrika noch eine zweite grosse Population dieser Sommervögel gibt, die zwischen Südafrika und Zentralafrika hin- und herzieht. DNA-Analysen ergaben, dass es zwischen Männchen und Weibchen aus den unterschiedlichen Reisegruppen mitunter zu Affären kommt. Die Fernreisen der Distelfalter scheinen also nicht zuletzt der Erweiterung der genetischen Vielfalt innerhalb der Populationen zu dienen.Ob auch beim Homo sapiens evolutionsbiologische Mechanismen mitspielen könnten, wenn es auf Ferienreisen, fern der Heimat, vermehrt zu Seitensprüngen kommt, ist eine andere Frage.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel