Auf einer 50-tägigen Reise begleitete Gunnar Hartmann eine gefährdete Vogelart auf ihrer Zugroute nach Südspanien. Das Besondere: Ein österreichisches Team zieht die Waldrappe auf und bringt ihnen das Fliegen bei. In diesem Interview erzählt uns der Student der Bio-Geo-Wissenschaften an der Universität Koblenz über seine Erlebnisse auf der 2800 Kilometer langen Reise. Eine Jury zeichnete dieses Bild zusammen mit vier weiteren Motiven bei mehr als 220 Einsendungen aus.Herr Hartmann, Ihr Foto zeigt einen Schwarm Vögel, die zusammen mit einem Fluggerät fliegen – wie kam es zu dieser Situation?Das Projekt siedelt den Waldrapp in Europa wieder an. Vor etwa 400 Jahren haben wir Menschen die Art in Europa ausgerottet, da der Zugvogel an vielen Orten als Delikatesse galt. Heute werden die Waldrappe von Menschenhand aufgezogen. Das Waldrappteam bringt ihnen die Flugroute bei, damit die Jungvögel später selbständig für den Winter in ein Überwinterungsgebiet fliegen. Und so kommt es dann dazu, dass die Ziehmütter selbst in die Luft müssen.Wie zieht das Waldrappteam die Vögel auf, damit Menschen von ihnen akzeptiert werden?Wenn Waldrappe in Zoos schlüpfen, kommen sie nach wenigen Tagen in die Obhut von zwei menschlichen Zieheltern. Diese füttern und betreuen die Vögel jeden Tag rund um die Uhr. In diesem Fall waren es Ziehmütter, die eine enge Bindung zu den Waldrappen aufgebaut haben. Sie vertrauen ihnen und folgen ihnen überallhin.Und wie bringt man sie dazu, einem Flugzeug zu folgen?Zieheltern gewöhnen die Vögel Schritt für Schritt ans Fluggerät. Zunächst lernen die Waldrappe es am Boden kennen und schauen es sich an. Startet der Motor, schrecken die Vögel zunächst vor Lärm zurück. Durch die Stimme der Ziehmütter vermitteln sie den Jungvögeln, dass keine Gefahr droht. Im nächsten Schritt rollt das Fluggerät über den Boden, und die Vögel lernen hinterherzufliegen, bis schließlich in der Luft trainiert werden kann. Zum Schluss trainieren wir in der Luft. Nach und nach bauen sich so die Muskeln der Jungvögel auf, und die Flugdauer verlängert sich. Als Wiedererkennungswert setzen wir die Farbe Gelb ein. Sowohl die Kleidung der Ziehmütter ist gelb als auch der Schirm des Fluggeräts. Besucher unserer Station dürfen diese Farbe nicht tragen.Ein Waldrapp aus einem europäischen WiederansiedlungsprojektGunnar HartmannWenn die Vögel gut trainiert sind – wie beginnt dann die Reise in den Süden?Auf natürliche Weise entsteht bei Zugvögeln eine sogenannte Zugunruhe. Das ist genetisch bedingt und ein Überlebensinstinkt. Sobald sie alle bereit sind, kann die Reise losgehen. Das Trainingsgelände befand sich 2024, als das Foto gemacht wurde, im Süden von Bayern am Tachinger See. Von dort aus ging es dann entlang der Alpen Richtung Frankreich und über die Pyrenäen bis nach Andalusien. Wir haben mit diesem Fluggerät in 50 Tagen über 2800 Kilometer Fluglinie zurückgelegt.Im Fluggerät sitzen eine Ziehmutter und der Pilot. Wo waren Sie und die andere Ziehmutter?Die andere Ziehmutter war am Boden. Sie wechseln sich ab, wer mitfliegt, um ein Gleichgewicht zu halten, wer mit den Vögeln in der Luft ist. Ich gehörte zu dem Bodenteam, das den Zug verfolgt und die Versorgung und Logistik organisiert hat. Wir transportierten das Futter für die Vögel. Dazu gehörten tiefgefrorene Rinderherzen, Küken und Ratten. Außerdem bauten wir eine mobile Voliere auf und wieder ab, kümmerten uns um die Verpflegung des Flugteams und führten ein ganzes Camp für rund 15 Menschen mit.Was war Ihre Aufgabe während der Reise?Ich habe im Bodenteam geholfen, jeden Tag nach Start und Landung die Voliere für die Vögel ab- und aufzubauen. Das dauert jeweils etwa eine bis eineinhalb Stunden. Ich war außerdem für die Routenplanung zuständig. Da ich Spanisch spreche, musste ich zum Beispiel die Flugplätze in Spanien kontaktieren und über unsere Reise informieren. Mein Highlight war, dass ich die Reise mit der Kamera dokumentieren konnte.Trotz aller Vorbereitungen klappt bei einer solchen Reise vermutlich nicht immer alles. Was waren die größten Schwierigkeiten?Die Vögel haben ihren eigenen Willen – manchmal wollen sie morgens nicht aus der Voliere kommen. Sie verfliegen sich, und wir müssen sie dann suchen. Bei starkem Wind oder Nebel müssen wir manchmal spontan landen, oder dem Piloten oder der Ziehmutter wird schlecht. Dazu kommt die Abstimmung mit Flugplätzen, und wir müssen Zeiten, zum Beispiel durch Kontrollzonen, einhalten.Mitten in dem Geschehen ist Ihr Gewinnerfoto entstanden – wie kam es zu diesem Moment?An dem Morgen, an dem das Bild entstanden ist, war alles sehr stressig. Totales Chaos. Eigentlich hatte ich eine ganz andere Aufgabe. Ich wollte trotzdem dieses Bild machen und bin auf einen Hügel gelaufen. Die Vögel und das Fluggerät waren in der Luft und sind einige Runden am Flugplatz geflogen, da die Vögel nicht direkt folgten. Durch meine Position bin ich auf Augenhöhe mit den Vögeln, und die Landschaft ist gut zu erkennen. So entsteht der Eindruck, ich wäre mit in der Luft gewesen. Und das unterscheidet das Foto von anderen Bildern, denn meistens sind sie hoch am Himmel und weit weg.Was war der eindrücklichste Moment für Sie auf dieser Reise?Es gab zwei Momente, die mir im Kopf geblieben sind. Jeden Morgen öffnet die Ziehmutter die Voliere. Das Fluggerät startet, die Vögel heben ab und folgen ihm. Erst dann löst sich langsam in einem die Spannung.Der zweite Moment war, als es in Spanien fast unmöglich schien, einen passenden Ort für die erste Landung zu finden. Ich musste sehr viel telefonieren. Als ich es schließlich kurz vorher schaffte, hatte ich das Gefühl, über mich selbst hinausgewachsen zu sein. Das werde ich nicht vergessen.Für viele Menschen ist Wissenschaft abstrakt und praxisfern. Was kann ein Bild wie Ihres leisten?So viele Menschen, die vorher keinen Zugang zu dem Projekt hatten, konnten dieses Bild sehen. Es hat eine romantische, unglaubhafte Wirkung auf den Betrachter und erzählt eine Geschichte zu dem Projekt.Jedes Jahr findet eine solche Migration von Waldrappen statt. Mehr Infos zum Waldrappteam und dem Projekt stehen unter www.waldrappteam.at.Das sind die anderen GewinnerfotosFotowettbewerbNature Scientist At Work Fotowettbewerb 2026 Gewinnerbilder
Waldrappen: Wie Menschen den seltenen Vögeln das Fliegen beibringen
2800 Kilometer ist Gunnar Hartmann mit einem Vogelschutzprojekt quer durch Europa gereist. Eines der Fotos, die er dabei gemacht hat, hat nun den Fotowettbewerb des Wissenschaftsmagazins „Nature“ gewonnen.









