Mehr Noahs und Astrids, bitte! Nun betreiben auch die Rechten in Schweden eine grosszügige FamilienpolitikIn Schweden ist die Geburtenrate auf den tiefsten Stand seit einem Vierteljahrhundert gesunken. Dagegen möchte der rechtskonservative Block etwas tun. Migration kann im von Bandengewalt erschütterten Land aber politisch keine Option mehr sein.Frederik Tillitz31.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Namensgebung für Neugeborene ist auch ein Spiegel der Politik.Svetlana Repnitskaya / GettyOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Noah oder Nils waren jüngst die beliebtesten Namen für neugeborene Knaben in Schweden. Bei den Mädchen waren es Vera oder Astrid. Fremde Namen etwa aus dem arabischen oder dem türkischen Raum lagen weit hinten auf der Liste: Omar etwa kam auf Platz 63, der Mädchenname Ayla auf Platz 51. Und so soll es auch bleiben, wenn es nach dem konservativen Tidö-Block ginge.Die Rechte in Schweden hat sich auf das Thema Fruchtbarkeit eingeschossen. Der rechtsbürgerliche Ministerpräsident Ulf Kristersson versucht, es zu einem Schlüsselthema für die Parlamentswahlen Mitte September zu machen, um seine Wiederwahl zu sichern.Seine Regierung hat daher kürzlich die Zahl der kostenlosen, staatlich finanzierten IVF-Behandlungen – mit IVF wird die In-vitro-Fertilisation, also die künstliche Befruchtung, bezeichnet – für Ersteltern von drei auf sechs Versuche erhöht, und Kristersson hat versprochen, dass im Falle seines Wahlsiegs auch IVF-Behandlungen für weitere Geschwister kostenlos sein werden. Eigentlich ist Familienpolitik ein typisch linkes Thema. Deshalb lässt der Fokus der rechtsbürgerlichen Koalition aufhorchen.Wir Kinder aus Bullerbü«Viele, die Kinder haben möchten, stehen vor medizinischen und biologischen Hindernissen», sagte Sozialminister Jakob Forssmed. Die Geburtenrate hat in Schweden im Jahr 2025 mit nur 97 500 Geburten einen Rekordtiefstand von 1,42 pro Frau erreicht – die niedrigste Geburtenzahl seit 23 Jahren. 15 bis 20 Prozent aller schwedischen Paare leiden im gebärfähigen Alter unter ungewollter Kinderlosigkeit.Gleichzeitig wächst die Bevölkerung des grössten Landes Skandinaviens jedoch weiter. Vor allem aufgrund der Einwanderung, die wie schon in vielen vergangenen Wahlkämpfen eines der wichtigsten Themen sein wird. Das plötzliche Interesse der Konservativen an IVF-Behandlungen muss vor allem auch in diesem Licht gesehen werden.Schweden war einst bekannt für die Kinderwelten der berühmten Autorin Astrid Lindgren, die Bücher wie «Michel aus Lönneberga» und «Wir Kinder aus Bullerbü» schrieb. Lange galt es als Vorbild für die Integration von Ausländern. Doch heute ist das Land ein Beispiel dafür, wie sich eine zu lockere Einwanderungspolitik in einen Albtraum verwandeln kann. Banden aus der Einwanderergemeinschaft haben mit Schiessereien, Bombenanschlägen und jugendlichen Auftragskillern Schweden nicht nur unsicher gemacht, sondern auch tief in seinem Selbstverständnis verwundet.Im Wahlkampf konkurrieren Ulf Kristersson und seine Mitte-rechts-Partei Moderaterna mit den rechtspopulistischen Schwedendemokraten (Sverigedemokraterna) um den Platz der grössten Partei im konservativen Tidö-Block – und damit möglicherweise um das Amt des künftigen Ministerpräsidenten. Derzeit zeigen Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Allerdings führen die beiden Parteien auch gemeinsam Wahlkampf, denn schliesslich wollen sie auch zusammen regieren.Der Regierungschef Ulf Kristersson will im September als Ministerpräsident bestätigt werden. Das IVF-Thema soll ihm dabei helfen.Johan Nilsson / TT / ImagoDie Schwedendemokraten haben sich unter der Führung von Jimmie Akesson seit 2005 von einer unbedeutenden extremen Splittergruppe zu einem potenziellen Koalitionspartner gewandelt. In Schweden spricht man sogar vom «Jimmie-Moment» – damit benennt man den Zeitpunkt, an dem die Menschen genug von Bandenkriminalität und den Begleiterscheinungen der Einwanderung hatten und ihre traditionellen Parteien verliessen, um für die Schwedendemokraten zu stimmen.In den vergangenen dreieinhalb Jahren hat die Regierung mit Unterstützung der Rechtspopulisten effektiv einen strengen Einwanderungskurs und eine harte Linie in der Kriminalitätsbekämpfung verfolgt. Doch dann gibt es da die alternde Bevölkerung, die den Erhalt des schwedischen Wohlfahrtsstaates infrage stellt. Massnahmen zur Steigerung der Geburtenrate sind deshalb ein Thema, bei dem sich das politische Spektrum von der Zentrumspartei Liberalerna bis hin zu den Schwedendemokraten einig ist. Auch die Sozialdemokraten sind dafür, auch wenn sie vor «politischem Missbrauch» warnen.In einer Zukunft mit mehr älteren Menschen und weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter stellt sich in ganz Europa die Frage: Wer wird die Lücken auf dem Arbeitsmarkt füllen, wenn die grossen Generationen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, in den Ruhestand gehen und dennoch länger leben: Einwanderer oder ethnische Europäer?Da die Schwedendemokraten den Schlüssel zu einer künftigen rechten Mehrheit in der Hand halten, sind Massnahmen zur Steigerung der Geburtenrate unumgänglich. Sie werden nicht Hand bieten für mehr Einwanderung.Wie sehr jetzt schon die Schwedendemokraten den Ton angeben, zeigt folgendes Beispiel. Die Liberalen, die heute noch Teil der Minderheitsregierung sind, haben mit dem Aufstieg der Bandenkriminalität ihren Niedergang als Partei erlebt. Sie sind derzeit so verzweifelt, dass sie von ihrem Vorsatz, nicht mit den Schwedendemokraten zu koalieren, abgerückt sind. Ihre Parteipräsidentin Simona Mohamsson hat kürzlich Jimmie Akesson auf der Bühne umarmt und ihn im politischen Mainstream willkommen geheissen. «Die Sverigedemokraterna haben gezeigt, dass sie in der Lage sind, sich zu wandeln und konstruktiv zu sein», sagte sie.Der Wandel von JimmieDafür wurden die Liberalen von ihren Wählern abgestraft. In Umfragen sind sie unter die Vier-Prozent-Hürde gerutscht. «Viele haben die Partei aus Protest verlassen. Es fühlt sich an, als hätten sie ihre Seele verkauft. Aber ich habe auch ein bisschen Mitleid mit Mohamsson», sagt Niels Andreasen, ein 61-jähriger Landwirt aus der südlichen Provinz Skane.Natürlich können auch Schweden mit Migrationshintergrund die vom Staat angebotenen Fertilitätsbehandlungen in Anspruch nehmen, doch es ist sehr wahrscheinlich, dass die grosse Mehrheit der Menschen, die diese Massnahmen nutzen, ethnische Schweden sein werden. Das ist die unausgesprochene Überlegung der Politiker.Zusammen mit Jimmie Akesson ist das Thema Fertilität zu einem politisch sicheren Terrain geworden: eine Möglichkeit, Bedenken hinsichtlich einer alternden Bevölkerung, niedriger Geburtenraten und Bevölkerungsrückgangs anzusprechen, ohne mit dem Konsens der Rechten in Sachen Migration in Konflikt zu geraten. Und wenn es zudem gelingt, Wähler aus dem gesamten politischen Spektrum anzusprechen, scheint das Vorhaben geglückt zu sein.Er will die Schwedendemokraten in die Regierung bringen: Jimmie Akesson.Christine Olsson / TT / ImagoUnd Jimmie Akesson hat tatsächlich eine politische Wandlung durchlaufen, zumindest was die Fortpflanzung betrifft: Noch 2019 distanzierten er und seine Partei sich von ihren früheren harten Forderungen, schwedischen Frauen den Zugang zu Abtreibungsrechten zu beschränken.Ob die IVF-Strategie die Geburtenrate in Schweden tatsächlich wieder steigern wird, ist umstritten. Martin Kolk, ein Soziologe an der Universität Stockholm, sagte gegenüber der britischen Zeitung «The Guardian», der Grund für weniger Kinder auch in Schweden sei heute kultureller Natur. Kinder kämen anderen Lebensstilen wie einer erfolgreichen Karriere oder intensiven Hobbys in den Weg.Dafür gibt es noch keine einfache politische Lösung.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Die Rechte in Schweden setzt bei den Wahlen auf die Fruchtbarkeit
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