Grüne Berge, schwarze Sonnen: Eine Stadt im Erzgebirge könnte bald einen Rechtsextremen zum Oberbürgermeister wählen. Eine SpurensucheStefan Hartung macht seit vielen Jahren für die neonazistische Partei Die Heimat Kommunalpolitik in der ostdeutschen Kleinstadt Aue-Bad Schlema. Er hat gute Chancen, zu ihrem Oberbürgermeister gewählt zu werden. Wie kommt das?31.05.2026, 05.00 Uhr8 LeseminutenAue-Bad Schlema liegt im deutschen Erzgebirge, unweit der Grenze zu Tschechien.Iluximage/Mauritius«Wir alle stehen hinter Stefan Hartung», sagt ein älterer Mann und nimmt einen Schluck Bier. Am Rande von Aue, am Brünlasberg, sitzt er mit den anderen Stammgästen auf der Terrasse von «Renates Bierstübel». Hinter der Hecke zeichnen sich die grünen Hügel des Erzgebirges im Abendlicht ab.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Einst war das «Bierstübel» eine normale Kneipe, doch die namengebende Inhaberin verkaufte sie nach mehr als 35 Jahren Betrieb an Hartungs Partei, die Freien Sachsen. Heute kommt sie selbst zum Trinken.Hartung könnte bald zum Oberbürgermeister von Aue-Bad Schlema gewählt werden. Er wäre damit wohl der erste Oberbürgermeister der deutschen Nachkriegsgeschichte, der einer neonazistischen Partei angehört. Hartung ist stellvertretender Vorsitzender der Freien Sachsen und erhielt im ersten Wahlgang mit 29 Prozent die meisten Stimmen. Nun tritt er in der Stichwahl gegen einen Christlichdemokraten an.Bevor einer der Stammgäste erklärt, warum «der Stefan» hier solch hohes Ansehen geniesst, weist er den Reporter zurecht: «Bevor du komische Fragen stellst, klopfst du auf den Tisch, sagst ‹Glück auf›, bestellst dir ein Bier und hockst dich mit uns hin», sagt er barsch.Stolzes BergbauerbeDer Bergmannsgruss «Glück auf» ist ein Relikt aus der Zeit, als Aue noch eine Bergbaustadt war. Gefördert wurden hier über Jahrhunderte Silber, Zinn und Eisen, bevor nach dem Zweiten Weltkrieg der Uranabbau dominierte. Bis heute ist man auf dieses Erbe stolz, genau wie auf das Heilbad in Schlema und die prächtige Natur der Region.Wo man auch durch Aue geht, eröffnen sich Sichtachsen auf die bewaldeten Hügel, die die Stadt umgeben. Noch etwas anderes fällt auf: Rechtsextreme Jugendkultur ist sehr sichtbar. Am Marktplatz geht ein Handwerker vorbei, der eine schwarze Sonne als Tattoo trägt. Sie ist ein Erkennungszeichen der rechtsextremen Szene. An den meisten Laternenpfosten kleben Neonazi-Sticker. Ein junger Mann schimpft im Supermarkt auf «Zecken», eine abwertende Bezeichnung für Linke.Stefan Hartung ist einer der Mitgründer der Freien Sachsen, eine Sammelorganisation für Rechtsextreme und Querdenker.Harry Härtel / ImagoIm Gegensatz zu anderen Städten mit bergbaulicher Vergangenheit sind aber weder Aue noch Bad Schlema, die sich erst 2019 zusammenschlossen, im Zustand des Verfalls. Zwar ist das Lohnniveau im Bundesvergleich gering, aber es gibt reichlich Jobs für Fachkräfte, die Arbeitslosenquote ist relativ niedrig, und Touristen aus ganz Deutschland kommen zu Besuch. Im kommenden Jahr soll die Landesgartenschau noch mehr von ihnen anziehen.Doch nun blickt Deutschland einmal wieder auf Aue-Bad Schlema – wegen seiner Politik.Warum Stefan Hartung zur NPD gingViel davon hat mit Stefan Hartung zu tun. Der 37-Jährige steht einige Stunden zuvor in der Mittagshitze auf dem Altmarkt in Aue und macht in Sonnenbrille und kurzer Hose Wahlkampf. Trotz der Hitze hat er es leicht, die meisten Passanten unterstützen ihn ohnehin.Ein Jugendlicher nähert sich Hartungs Wahlkampfstand und will Aufkleber mit der Aufschrift «Antifa zerschlagen» mitnehmen. Er sagt, er sei Mitglied der CDU-Jugendorganisation Junge Union. Trotzdem wolle er Hartung wählen.Das bietet diesem die willkommene Gelegenheit, von seiner eigenen Zeit in der Jungen Union zu erzählen. Mit 14 Jahren sei er selbst dabei gewesen, habe dann aber erkannt, dass es in der CDU nur um die Verteilung von Posten gehe. Deshalb trat er 2005, zwei Jahre später, in die neonazistische NPD ein, die sich heutzutage Die Heimat nennt und bei der er noch immer Mitglied ist.Unter örtlichen Kommunalpolitikern kursiert jedoch eine andere Version der Geschichte: Hartung sei damals karrieristisch unterwegs gewesen, jedoch von einem Mitbewerber ausgestochen worden. Deswegen sei er wutentbrannt zur NPD gegangen – und dort hängengeblieben, wie es einer ausdrückt.Im Auer Stadtbild ist Stefan Hartung mit Wahlplakaten sehr präsent.André März / ImagoEin anderer sagt: So einer wie Hartung hätte in einer anderen Partei durchaus Karriere machen können.Die NPD erlebte in Ostdeutschland in den frühen 2000er Jahren eine Hochphase, sass in Sachsen bis 2014 im Landtag. Vielleicht sah Hartung in der Partei damals das, was heute viele Frustrierte an der AfD anspricht.Aber in den folgenden Jahren stürzte die Partei ab, und Hartung war als Kommunalpolitiker hautnah dabei. Ab 2009 sass er in Kommunalparlamenten und bewarb sich mehrfach erfolglos auf politische Ämter. Und so ist der IT-Unternehmer durch seine schiere Präsenz nach dem derzeitigen CDU-Oberbürgermeister, der aus Altersgründen aus dem Amt scheidet, wohl Aues bekanntester Politiker.Gleichzeitig – da sind sich Experten einig – ist er eine der zentralen Figuren der örtlichen rechtsextremen Szene. Er organisierte ab 2013 «Lichtellauf» genannte Fackelmärsche gegen Asylbewerberheime und baute ab 2021 während der Proteste gegen die Corona-Massnahmen die Freien Sachsen mit auf.Die Partei firmiert als Sammelbewegung, deren führende Mitglieder häufig wie Hartung gleichzeitig der NPD-Nachfolgepartei oder anderen rechtsextremen Gruppen angehören. Ausserdem findet sie aus dem Querdenker- und Reichsbürger-Milieu Zulauf. Ihr erklärtes Ziel ist die Stärkung der Eigenständigkeit Sachsens, bis hin zum «Säxit» genannten Ausstieg des Freistaats aus der Bundesrepublik.Hartung wiederum hält sich gar nicht für einen Neonazi. «Ich würde mich eher als liberal oder libertär bezeichnen», sagt er an seinem Stand in der erzgebirgischen Mittagssonne. In der NPD sei er «in den ganzen Jahren» nie Neonazis begegnet.Dass der Freie-Sachsen-Schatzmeister Robert Andres auch einmal der Zeitschrift «N. S. Heute» freundliche Interviews gibt oder mit Michael Brück einer der ehemaligen Anführer der Neonazi-Kameradschaft Nationaler Widerstand Dortmund zu seinen Mitstreitern zählt, beirrt ihn offenbar nicht: «Ich halte Michael nicht für einen Neonazi», sagt er.Der Dortmunder Neonazi Michael Brück lebt mittlerweile in Sachsen und gehört zum Umfeld der Freien Sachsen.Sachelle Babbar / Imago«Der Stefan, der ist einfach bürgernah»Zurück im «Bierstübel». Einer von Hartungs Anhängern, ein gebräunter Mann mit blondierten Locken, sagt aufgebracht: «Was soll das überhaupt bedeuten, rechtsradikal – oder rechts? Das kann mir keiner sagen.» Er sagt, er habe früher selbst SPD oder CDU gewählt und sei nun «einfach enttäuscht» von der Politik. Er wirkt dabei nicht wie ein ideologisch gefestigter Rechtsextremist. Er scheint herumgekommen zu sein, wenig später spricht er von seinen Afrikaferien. Andernorts, mit einem anderen Kandidaten, wäre er ein typischer AfD-Wähler.Aber hier stimmt er für den Freien Sachsen. Denn «der Stefan, der ist einfach bürgernah. Der ist immer dabei.» Hartung ist einer, an den man sich wenden kann, wenn man ein Problem hat. Ein Kümmerer.Dazu trägt auch sein Talent für politische Erzählung bei. Die einzige SPD-Stadträtin, Claudia Ficker, sagt: «Er verkauft normale kommunalpolitische Erfolge, um die wir uns alle kümmern, als seine persönlichen Heldentaten.» So schreibt Hartung sich auf die Fahne, einem Ortsteil von Aue-Bad Schlema das Mobilfunknetz gebracht zu haben.Seine Weltanschauung spielt so in der Stadtöffentlichkeit nur eine kleine Rolle. Hartung hat mit Erfolg über viele Jahre hinweg seine eigene Entdiabolisierung betrieben, gelernt, sich etwas weniger radikal auszudrücken – ohne von seinen inhaltlichen Positionen abzurücken.Fragt man ihn selbst nach den Gründen für seine Beliebtheit, erwähnt er die Sache mit dem Postplatz. Er nennt es die «Überfremdungssituation». Auf dem kleinen Platz, wenige Schritte vom Altmarkt entfernt, hatten einige minderjährige Asylbewerber aus Syrien im vergangenen Jahr wiederholt für Probleme gesorgt. Es ging einerseits um Messergewalt, Raub und Bedrohung und andererseits um unbegleitete Jugendliche, die sich selbst überlassen wurden.Brennpunkt Postplatz: Im Zentrum von Aue kam es wiederholt zu Gewalt durch Asylmigranten.André März / ImagoPolizei und Justiz konnten der Sache nicht Herr werden, Hartung nutzte es erfolgreich als Mobilisierungsthema. Bei den Vorfällen seien häufig Kameras von Hartung-Sympathisanten zugegen gewesen, sagt ein CDU-Kommunalpolitiker hinter vorgehaltener Hand.Die Postplatz-Probleme gipfelten 2025 in einem einstimmigen Beschluss des Stadtrats, einen «Asylnotstand» auszurufen. Der Oberbürgermeister sollte sich beim Land dafür einsetzen, keine Asylmigranten mehr aufzunehmen. Der Beschluss war eine nur geringfügig veränderte Version eines von Hartungs Freien Sachsen eingebrachten Antrags. Sogar der Linken-Abgeordnete schloss sich an, nur die SPD-Stadträtin Ficker enthielt sich. Der mediale Aufschrei war gross.Hartung – das blieb hängen – kann die lokale Politik vor sich hertreiben, die die Probleme ohnehin ähnlich beurteilt. In der Kommunalpolitik verlaufen die Grenzen, so sagen viele Aktive in Aue-Bad Schlema, sowieso nicht entlang von Parteizugehörigkeiten. Aber Hartung weiss ihre Funktionsweise für sich zu nutzen.Auch auf der Terrasse des «Bierstübel» kommt man schnell auf die Vorkommnisse vom Postplatz zu sprechen. Der Stammgast mit den blonden Locken sagt: «Meine Tochter hat Angst, am Postplatz abends Geld abheben zu gehen.» Ein anderer fügt hinzu: «Ich will einfach nur, dass Frauen sicher durch Aue gehen können.»Zu extremistisch für das Amt des Oberbürgermeisters?Es ist schwierig, sich Marcus Hoffmann im «Bierstübel» vorzustellen. Am nächsten Tag sitzt der 41-Jährige auf einer Bank hinter der imposanten Kirche St. Nicolai, auch er trägt kurze Hosen. Die Bäume rauschen, im Hintergrund hört man die Durchfahrtsstrasse. Er spricht unsicher, tastend. Hoffmann ist erst seit anderthalb Jahren CDU-Mitglied.In der Hand trägt er einen Stapel Flugblätter mit seinem Gesicht darauf. Er habe sich für die letzten Wochen Wahlkampf Ferien genommen, erzählt er. «Mit so viel Druck habe ich nicht gerechnet», sagt er. Auf dem unscheinbaren Verwaltungsbeamten lastet die Verantwortung, Hartung als Oberbürgermeister verhindern zu sollen. Sollte Hartung jedoch gewinnen, würde er sein Vorgesetzter werden.Dafür müsste der Freie-Sachsen-Politiker über seine Anhängerschaft hinaus mobilisieren. Vor allem die AfD-Wähler und die Freien Wähler will Hartung von sich überzeugen. Er sagt: «Würde ich für die AfD antreten, hätte ich sicher schon im ersten Wahlgang gewonnen.»Die Freien Sachsen gründeten sich im Rahmen der Proteste gegen die Corona-Massnahmen. Viele ihrer Führungsfiguren sind auch Mitglied der Neonazi-Partei Die Heimat.Bernd März / ImagoAber die AfD führt eine Unvereinbarkeitsliste, auf der die Freien Sachsen ebenso wie Die Heimat stehen. Auch deswegen hält sich die örtliche AfD bedeckt, wen sie in der Stichwahl unterstützt. «In Sachsen kann man die AfD in manchen Teilen als Kartellpartei bezeichnen», sagt Hartung. Sie habe Angst vor einem Verbotsverfahren. Auf Kreistagsebene kungelten AfDler längst mit der CDU, um Posten zu verteilen.Wäre er in der AfD aktiv, stünde er vermutlich auch vor einem anderen Problem nicht: Der Oberbürgermeister von Aue ist Wahlbeamter, und somit muss seine Verfassungstreue belegbar sein.In Hartungs Fall könnte das schwierig werden. So betrachtet das Bundesverfassungsgericht seine Partei Die Heimat dezidiert als verfassungsfeindliche, neonationalsozialistische Organisation, weswegen sie von der Parteienfinanzierung ausgeschlossen ist. Selbst wenn er die Wahl gewinnen sollte, besteht also eine gute Chance darauf, dass ihm im Nachhinein verwehrt wird, das Amt anzutreten. Man kann sich leicht ausmalen, welchen Eindruck das den von Politik und Demokratie Enttäuschten im Erzgebirge vermitteln würde.Hartung sagt, Hoffmann sei ein «netter Kerl, aber nicht politisch».Hoffmann sagt, er wolle Hartung in der Wahl stellen. Dann steht er auf und geht wieder los, die Flugblätter mit seinem Gesicht darauf in der Hand.Passend zum Artikel
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