Spitäler melden mehr Fälle von Kindesmisshandlung – dennoch verzichtet der Bund auf eine nationale KampagneDemnächst tritt das neue Gesetz gegen Gewalt in der Erziehung in Kraft. Wie nötig dieses ist, zeigen aktuelle Zahlen aus den Spitälern.30.05.2026, 22.03 Uhr5 LeseminutenGleich mehrere Kinderspitäler berichten von einer starken Zunahme der Fälle von Kindesmisshandlung.Christof Schürf / KeystoneOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Misshandelte Kinder sind in Schweizer Spitälern trauriger Alltag. Auch in Basel, wo Daniel Beutler die Kinderschutzgruppe des Universitätsspitals leitet. Er stellt einen deutlichen Anstieg von Kindesmisshandlungen fest. «Während in den vergangenen Jahren die Fälle von körperlichen Misshandlungen zugenommen haben, beobachten wir derzeit vermehrt einen Anstieg im Bereich der Vernachlässigung von Kindern», so Beutler.Basel ist keine Ausnahme. Eine nationale Übersicht für 2025 liegt derzeit nicht vor. Aber Spitäler landauf, landab registrieren die gleiche Tendenz. Die Politik hat die Lage erkannt. Im Bundeshaus wurde eigens ein neues Gesetz geschrieben, um Kinder in ihrem Zuhause besser zu schützen. In einem Monat tritt es in Kraft und hält klipp und klar fest: Gewalt hat in der Erziehung keinen Platz. Zwar waren körperliche Übergriffe bereits vorher verboten. Doch die Räte beschlossen dennoch, die gewaltfreie Erziehung explizit gesetzlich zu verankern.Dieser Ausgang hat viel mit der Hartnäckigkeit einer Freiburger Mitte-Nationalrätin zu tun: Christine Bulliard-Marbach. «Acht Jahre habe ich für dieses Gesetz gekämpft», sagt sie. «Es hat viel gebraucht, damit das Parlament am Ende mit so grosser Mehrheit zugestimmt hat.» Doch so richtig zufrieden ist sie nicht. Denn eigentlich hätte die Einführung des neuen Gesetzes von einer nationalen Kampagne gegen Gewalt an Kindern begleitet werden sollen. Und das mit gutem Grund.In einem Bericht kam der Bundesrat schon 2022 zu dem Schluss, dass ein explizites Verbot von Gewalt in der Erziehung das Verhalten der Eltern vor allem dann beeinflusst, wenn zugleich die öffentliche Sensibilisierung vorangetrieben wird. Der Bund bezog sich dabei auf die Erfahrungen in mehreren europäischen Staaten. Fazit: Die Akzeptanz von Gewalt sei gesunken, und zwar «je nach Ausmass und Dauer der Kampagnen», wie es im Bericht ausdrücklich heisst. Sprich: Gelänge es, eine Debatte über Gewalt an Kindern zu lancieren, dann hätte ein neues Gesetz durchaus den gewünschten Effekt.Aber eben: hätte. Derselbe Bundesrat, der die Kampagne noch vor kurzem für notwendig hielt, verzichtet nun darauf – aus Spargründen, wie das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) einräumt. «In vielen Bereichen, die der Bundesrat selbst als wichtig erachtet, werden Einsparungen vorgenommen», schreibt das BSV. Trotz Sparpaket bleibe das strukturelle Defizit des Bundes sehr hoch. «Der Bundesrat hätte es begrüsst, diese nationale Kampagne durchzuführen, wie es sich die Mehrheit der betroffenen Akteure gewünscht hat», heisst es seitens des Bundesamtes. Derzeit laufen Abklärungen, ob andere Organisationen in die Bresche springen, ohne dass der Bund Geld ausgeben muss. Man darf gespannt sein, ob diese Strategie aufgeht.Keine Kampagne trotz steigenden ZahlenDer Sparentscheid ergibt finanzpolitisch wohl Sinn, steht aber quer zu den Meldungen aus den Spitälern. Zwar erfassen nicht alle die Vorfälle gleich oder legen ihre Zahlen auf Anfrage offen. Manche kommunizieren Verdachtsfälle, andere die Anzahl Kinder und Jugendlicher, bei denen sich dieser Verdacht erhärtet hat. Auch fallen unter den Begriff der Kindesmisshandlung verschiedene Übergriffe wie körperliche, sexuelle oder psychische Misshandlung, aber auch die Vernachlässigung eines Kindes. Letztgenanntes ist etwa der Fall, wenn ihm die notwendige medizinische Versorgung vorenthalten wird. Oder es zu wenig zu essen bekommt. Aber die Entwicklung ist eindeutig: Die Fallzahlen steigen.So erfasste die Kinderschutzgruppe des Berner Inselspitals im vergangenen Jahr 550 Verdachtsfälle. Das sei eine Zunahme von rund 100 Fällen gegenüber 2024, erklärt das Spital auf Anfrage. Das gleiche Bild zeigt sich in Luzern. Dort bearbeitete das Kinderspital 2025 insgesamt 202 Fälle von möglicher Kindesmisshandlung oder -vernachlässigung. «Dies entspricht der höchsten Fallzahl der vergangenen neun Jahre. Ein kurzfristiger Rückgang der Fallzahlen zeichnet sich aktuell nicht ab», schreibt das Spital auf Anfrage.Das Kantonsspital Aarau wiederum berichtet von einer kontinuierlichen Zunahme der betreuten Fälle seit mehreren Jahren. «Den grössten Anteil machen dabei Verdachtsmeldungen körperlicher Gewalt aus», erklärt eine Sprecherin. Bereits Anfang Februar vermeldete das grösste Schweizer Kinderspital in Zürich mit 570 bestätigten Fällen von Kindesmisshandlung im vorangegangenen Jahr einen neuen Höchststand. Und der Kanton Waadt, der die Fälle zentral erfasst, zählte 2025 vier Prozent mehr betroffene Minderjährige als noch 2024. Egal also, wer zählt: Die Meldungen nehmen zu.Nun bedeuten mehr gemeldete Vorfälle nicht zwingend, dass tatsächlich mehr Kinder Opfer von Misshandlungen werden. Die Behörden sind heute auch aufmerksamer als noch vor ein paar Jahren. Das kann dazu führen, dass mehr Meldungen erfasst und verfolgt werden. Daniel Beutler vom Kinderspital Basel bestätigt diese Entwicklung. Man sei sensibler geworden beim Thema Kindesmisshandlung. Das gelte für Spitäler und Gesellschaft gleichermassen und möge einen Teil der Zunahme erklären. «Aber wir erleben derzeit viele überforderte Eltern und Familien, die an ihre Grenzen kommen. Das hat sicher zugenommen.»Schwierige UrsachenforschungEine Einschätzung, die Regula Bernhard Hug, Direktorin von Kinderschutz Schweiz, teilt. «Regelmässige und schwere Kindesmisshandlungen nehmen wieder zu», sagt sie. Das gehe auch aus Elternbefragungen hervor, welche die Universität Freiburg durchführe. «Dass einfach besser oder genauer gezählt wird, liefert lediglich einen Teil der Erklärung», fährt sie fort. Doch welche Gründe gibt es noch?Manche Spezialisten nennen das Bevölkerungswachstum als Treiber. Andere kommen rasch auf die Folgen der Covid-Pandemie zu sprechen. Da waren die Risikofaktoren, die Gewalt oder Vernachlässigung befördern können, in vielen Familien gegeben: der enge Raum, der wirtschaftliche Druck, die gestiegene psychische Belastung der Eltern. «In manchen Haushalten entwickelten sich Erziehungsmuster und ein schädlicher Umgang mit Konflikten, die bis heute wirken», sagt Regula Bernhard. Hinzu kommt, dass der Druck hoch bleibt. Mehrfachbelastungen durch psychische Beeinträchtigungen, die Sorge um die Arbeit oder generelle Zukunftsängste seien auch verbreitet, sagt die Direktorin von Kinderschutz Schweiz.Nationalrätin Bulliard-Marbach.Die Mitte-Nationalrätin Bulliard-Marbach, die das neue Gesetz angestossen hat, ist denn auch enttäuscht, dass der Bund in einer solchen Lage auf die geplante Kampagne verzichtet. «Seien wir ehrlich: So wichtig die Gesetzesänderung ist, kaum jemand wird diese Paragrafen lesen», sagt sie. Bei der Diskussion über die Fallzahlen müsse man sich stets vergegenwärtigen, was jeder einzelne Fall bedeute: «Das ist ein Kind, das in seinem Zuhause Gewalt erlebt oder vernachlässigt wird. Das können wir nicht dulden.» Bulliard-Marbachs politische Karriere neigt sich dem Ende zu, bei den nächsten Wahlen tritt sie nicht mehr an. «Ich werde mich dafür einsetzen, dass es eine solche Kampagne auch in der Schweiz geben wird.» Dafür bleiben ihr nun nicht mehr ganz anderthalb Jahre Zeit.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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