6:0 gegen Norwegen – das Schweizer Eishockey-Nationalteam spielt um WM-GoldNach dem Erfolg über Aussenseiter Norwegen soll am Sonntag endlich der erste WM-Titel her. Für die Nordeuropäer geht es im kleinen Finale um eine Medaille.30.05.2026, 17.55 Uhr4 LeseminutenNun geht es um WM-Gold: Die Schweizer nach dem 6:0 gegen Norwegen.Cyril Zingaro / Keystone«Unvergessliche Tage» würden er und seine Kollegen gerade erleben, sagt der ZSC-Verteidiger Christian Marti. Neun Mal hat das Eishockey-Nationalteam in Zürich-Altstetten zum Tanz gebeten. Neun Mal eilten 10‘000 Menschen herbei, sie formen das «rote Meer»: Rote Fahnen mit weissen Kreuzen, soweit das Auge reicht. Fürs Finalwochenende werden auf dem Zweitmarkt horrende Preise aufgerufen – wer am Sonntagabend den Final im Stadion sehen will, dürfte es schwer haben, ein Ticket für weniger als 1000 Franken zu finden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es herrscht auf den Rängen nicht gerade die knisternde, leidenschaftliche Atmosphäre einer Partie der Boca Juniors in der Bombonera in Buenos Aires. Aber die Auftritte haben Volksfestcharakter, und einer, der den Sport seit vielen Jahren eng begleitet, sagt: «Diese Stimmung und Begeisterung für das eigene Team gab es zuvor fast nur im Ausland. Da ist viel geschehen, man spürt, wie stolz das Publikum auf diese Mannschaft ist.»Auf den Tribünen gibt es Schnupftabak, auf dem Videowürfel tanzt das WM-Maskottchen – selbstverständlich eine Kuh – als wäre es auf einem LSD-Trip. Die Fanzone ist so überfüllt, dass es am Einlass zu Wartezeiten kommt. Die Menschen tanzen auf den Festbänken zu Partyschlagern. Und im Stadion singen sie mit den Spielern die Nationalhymne und «W. Nuss vo Bümpliz». Es wirkt wie der real gewordene Fiebertraum der ländlichen Schweiz. Dem man sonst eher am Lauberhorn oder bei Schwingfesten begegnet.Erdrückende Schweizer DominanzEs spielt viel in diese Konstellation hinein – man kann den Eindruck gewinnen, dass sich da ein perfekter Sturm zusammengebraut hat. Da ist der Umstand, dass das Schweizer Publikum lange auf diesen Moment hat warten müssen: Seit 2009 gastierte die WM nicht mehr hier, 2020 fiel das Turnier der Pandemie zum Opfer. Für eine ganze Generation ist das hier die die erste Gelegenheit, eine WM im eigenen Land zu besuchen und Ausnahmeerscheinungen wie Nico Hischier und Roman Josi einmal live zu sehen.Allen wollen dabei sein: Schweizer Fan in der Zürcher Arena.Claudio Thoma / KeystoneDer wichtigste Treiber aber ist der Erfolg: Die Schweiz dominiert an diesem bescheiden besetzten Turnier oft nach Belieben. Am Samstag gab es den neunten Sieg in Folge, das Torverhältnis lautet 48:8. Selbstredend will jeder gegenüber seinen Grosskindern – oder zumindest der Instagram-Followerschaft – damit plagieren können, in irgendeiner Form dabei gewesen zu sein, wenn mit dem ersten Weltmeistertitel der Geschichte geschrieben wurde. Es ist diese Sehnsucht, die den Treibstoff für die entflammte Leidenschaft des Anhangs liefert.Es gab Befürchtungen, dass es anders werden könnte, nachdem der Nationaltrainer Patrick Fischer einen Monat vor dem WM-Start freigestellt wurde. Die alten Gräben aus der Covid-Zeit brachen neu auf, die Diskussionen wurden teilweise erbittert geführt. Aber das wohlige Gefühl der Schweizer Dominanz hat Versöhnung gestiftet, Fischer ist in diesen Tagen kein Thema mehr. Man hatte das erwarten können: Seine Verdienste für das Nationalteam sind unbestritten. Aber dieses Kollektiv spielt für sich, für die Schweiz, für Gold. Und nicht für einen Trainer.Selbst der Captain Roman Josi, der mit einem aufsehenerregenden Brief die Wiedereinstellung Fischers gefordert hatte, sagt: «Der Teamgeist war vom ersten Moment an intakt, dieser Spirit trägt uns.» Fischers Nachfolger Jan Cadieux hat den fliegenden Wechsel auf der Trainerbank zudem mit maximaler Souveränität moderiert. Er steht für eine Nüchternheit, die dem Team angesichts der Dauereuphorie im Umfeld gut ansteht.Gegen Norwegen wurde seine Equipe am Samstag wie erwartet nicht annähernd gefordert. Der krasse Aussenseiter hatte nie zuvor einen WM-Halbfinal erreicht und war die nächste «Schlachtplatte» für ein wie aus einem Guss spielendes Schweizer Kollektiv. Zu dieser Wortschöpfung hatte in der Vorrunde der österreichische Nationalcoach Roger Bader gegriffen. Österreich war 0:9 untergegangen, Norwegen verlor 0:6.Die Schweizer Spieler bejubeln das Tor zum 3:0.Andreas Becker / KeystoneDie Skandinavier zählen knapp 3200 aktive Spieler, inklusive Junioren. Zum Vergleich: Allein unter dem Dach der Organisation der ZSC Lions kamen in der abgelaufenen 1748 lizenzierte Spielerinnen und Spieler zum Einsatz. Verblüffend, dass Norwegen unter diesen Gegebenheiten am Sonntagnachmittag nach WM-Bronze greift.Ein weiterer Shutout für GenoniEinmal mehr gelang es den Schweizern, die Konturen des signifikanten Klassenunterschieds früh augenfällig zu machen. Schon zur Spielmitte war die Partie mit einer Drei-Tore-Führung entschieden. Der Nummer-1-Torhüter Leonardo Genoni feierte einen weiteren Shutout, den 14. seiner WM-Laufbahn – er ist der alleinige Rekordhalter.Bei seinen Vorderleuten spielte keine Rolle, dass der NHL-Stürmer Timo Meier für sein zu gnädig geahndetes Foul im Viertelfinal gegen Schweden eine Spielsperre absetzen musste. Im Gegenteil: Die Zwangspause könnte dem Torjäger sogar noch zum Vorteil gereichen – eine Verschnaufpause vor dem grossen Showdown am Sonntagabend (20.20 Uhr) wird nicht schaden. Für ihn kehrte der zuletzt angeschlagen pausierende Zürcher NHL-Angreifer Pius Suter zurück.Auch sonst hätte der Nachmittag für die Schweizer kaum besser laufen können: Sie mussten ihr Leistungsvolumen nicht ausreizen, Cadieux hatte entsprechend keinen Grund, seine besten Kräfte allzu stark zu forcieren. Es ist ein weiterer Pluspunkt für Sonntag, nachdem schon der Spielplan zu Gunsten des Gastgebers ausgelegt worden war: Als Sieger des Nachmittagsspiels haben die Schweizer fünf Stunden zusätzliche Erholung.Im dritten WM-Final in Folge trifft die Schweiz entweder auf Finnland oder den grossen Turnierfavoriten Kanada, der zweit Halbfinal war bei Redaktionsschluss noch nicht entschieden. «Time to shine» heisst der WM-Slogan, für die Schweiz gilt das Mantra dann ultimativ. 2024 unterlag das Team in Tschechien dem Gastgeber 0:2, 2025 mussten sich die Schweizer in Stockholm den USA 0:1 nach Verlängerung geschlagen geben. In den entscheidenden Momenten stotterte die sonst so prächtig geölte Offensivmaschinerie.Die Schweizer Hoffnung, dass es am Sonntag anders wird, speist sich auch aus diesem Detail: Bis auf Nicolas Baechler, dem jungen Defensivstürmer der ZSC Lions, hat jeder Angreifer im Kader mindestens einmal getroffen. Dem Kollektiv wird das Mut machen, die Heim-WM mit dem zehnten Sieg wahrlich unvergesslich zu gestalten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel